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Schicksale ans Licht bringen

Jüdische Nachfahrin erzählt von einer Zeit, über die in Rothenburg bisher kaum gesprochen wurde - 22.02. 12:04 Uhr

ROTHENBURG   - Eine bilderbuchhafte Vorstellung: das Enkelkind sitzt auf dem Schoß des Großvaters und lauscht den Geschichten von damals. Wie die Eltern aufwuchsen, wie Opa und Oma sich kennenlernten. Doch was, wenn die Großeltern ermordet wurden und die Eltern nicht über ihre Kindheit sprechen. So ging es Sara Katz, deren jüdische Vorfahren 1938 aus Rothenburg vertrieben wurden.

„Wie konnte es dazu kommen?“ – damit setzen sich derzeit die Schüler im Sozialkundeunterricht auseinander. Bald aber wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die noch aus eigenem Erleben berichten können.    
„Wie konnte es dazu kommen?“ – damit setzen sich derzeit die Schüler im Sozialkundeunterricht auseinander. Bald aber wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die noch aus eigenem Erleben berichten können.    
Foto: jh/db
„Wie konnte es dazu kommen?“ – damit setzen sich derzeit die Schüler im Sozialkundeunterricht auseinander. Bald aber wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die noch aus eigenem Erleben berichten können.    
„Wie konnte es dazu kommen?“ – damit setzen sich derzeit die Schüler im Sozialkundeunterricht auseinander. Bald aber wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die noch aus eigenem Erleben berichten können.    
Foto: jh/db

Wenn ihre Mutter von ihrer Kindheit in Rothenburg erzählte, dann von der schönen Stadt und dem vielen Schnee, berichtete Sara Katz vergangene Woche Rothenburger Schülern von ihrer Kindheit. Doch wenn das Gespräch auf Adolf Hitler kam, verschloss sich die Mutter vor Sara und ihren Brüdern. Ihre Eltern verboten ihnen sogar, nach Deutschland zu reisen. Vor vielen Jahren jedoch machte Sara Katz’ Bruder den ersten Schritt. 2007 kam sie selbst zum ersten Mal in das Land, in dem ihre Mutter aufwuchs. Seitdem erfährt sie bei jedem Besuch mehr und mehr über die Geschichte ihrer Familie in Rothenburg.

Die begann 1908, als ihre Großeltern Sara (geborene Sonn) und Moritz Lehmann ein Haus in der Oberen Schmiedgasse kauften. Moritz Lehmann kam als gelernter Metzger von Bad Windsheim nach Rothenburg. Fünf Jahre darauf wurde Berta Lehmann, die Mutter von Sara Katz, geboren. Berta verbrachte in Rothenburg ihre Kindheit, hatte neben jüdischen auch ganz selbstverständlich nicht-jüdische Schulfreunde.


Das änderte sich schlagartig, als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam und die antisemitische Hetze immer stärker wurde. Schwer vorstellbar aus heutiger Sicht, dass aus jahrzehntelanger guter Nachbarschaft plötzlich Feindschaft und Ablehnung wurden, weil die NS-Propaganda auf fruchtbaren Boden fiel, der allerdings schon in der Zeit vor 1933 bereitet wurde, denn antisemitische Wurzeln reichen weit zurück.

Bekannt sind die Rothenburger Hetzschriften und Hetzreden, die Tafeln an den Toren, die Zerstörung des Betsaals und der Vorfall des durch die Stadt getriebenen jüdischen Geschäftsmanns. Unter dem Einfluss der NS-Propaganda distanzierten sich immer mehr einst gute Nachbarn von ihren jüdischen Bekannten. Oder man hatte einfach Angst sich gegen die Nationalsozialisten zu stellen und die Volksgemeinschaft der nun propagierten „arischen Rasse“ zu stören. „Das Vertrauen meiner Familie in andere Menschen wurde in dieser Zeit tief erschüttert“, meinte Sara Katz vor den Schülern, wobei dies sicher noch zurückhaltend artikuliert ist.

Flucht nach Fürth

Im Jahr 1935 suchte ihre Mutter Berta Lehmann mit gerade einmal 22 Jahren in Fürth eine vermeintlich sicherere Bleibe, dort gab es eine große jüdische Gemeinde. In diesem Jahr heiratete sie dann auch Siegbert Katz, der aus Fulda stammte. Ebenfalls 1935 verkaufte ihr Großvater das Haus in der Oberen Schmiedgasse an die Familie Wildermann, wobei viele Verkäufe damals schon Zwangsverkäufe waren und später Enteignungen folgten oder nur noch Spottpreise bezahlt wurden, wenn es um die Veräußerung von jüdischem Eigentum ging. Dazu gibt es noch andere Beispiele aus Rothenburg.

Die Familie Wildermann aber ließ, wie betont wird, die jüdische Familie noch bis zur endgültigen Vertreibung im Haus wohnen. So berichtet das Ehepaar Rafalsky, die das Haus in den siebziger Jahren übernahmen und Sara Katz und ihren Mann bei ihrem Besuch in Rothenburg zu sich in die Wohnung eingeladen haben. Die Eltern von Sara Katz konnten sich in den nächsten Jahren Arbeitsvisen beschaffen und 1938, ehe es endgültig zu spät war, noch nach England flüchten. Dort kam Sara als jüngstes von vier Geschwistern auf die Welt und die Eltern feierten 1942 auch ihre jüdische Hochzeit in Wales.

Die Lage wird unerträglich

In der Zwischenzeit verschlimmerte sich die Lage der Juden in Deutschland und die antisemitischen Gewalttaten fanden 1938 mit der Reichskristallnacht am 9./10. November ihren Höhepunkt. Bereits Wochen zuvor, im Oktober 1938 wurden alle in Rothenburg zurückgebliebenen Juden im Betsaal (Synagoge) der Herrngasse zusammengetrieben und bekamen den Befehl, innerhalb von zwei Wochen aus der Stadt zu verschwinden. Der Großteil flüchtete nach Fürth, doch dort waren die Juden auch nicht sicher: Sara und Moritz Lehmann wurden nach Polen deportiert und starben schließlich im Ghetto „Izbica“, das als Todeslager bekannt war. Einer ihrer Söhne, Siegfried, wurde im Konzentrationslager umgebracht.

Mit dem Tod von Klothilda Weißmann, der Tante von Sara, im vergangenen Jahr starb die letzte jüdische Zeitzeugin dieses dunklen Kapitels Rothenburger Geschichte. Der Tod ihrer Mutter Berta im Jahr 2002 war für Sara Katz auch mit ein Anlass, die Familiengeschichte in Deutschland aufzurollen. Es ist ihr wichtig, über das Dritte Reich zu sprechen und die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wie sie betont. Darum geht es auch den Schülern, die den Erzählungen der Besucherin aufmerksam Gehör schenkten.

Schüler-Reaktionen

„Das, was passiert ist, soll in Erinnerung bleiben und die Schicksale dahinter gezeigt werden“, meint Valentina. Sie und sechs andere Schüler erklärten sich dazu bereit, bei der Recherche über jüdische Familien in Rothenburg zur NS-Zeit mitzuhelfen. Mit „Stolpersteinen“ im Pflaster vor den ehemaligen Wohnhäusern der Juden soll die Erinnerung bewahrt werden.

Der jüdische Arbeitskreis mit Pfarrer Oliver Gußmann an der Spitze hat die bundesweit schon in vielen Städten umgesetzte Stolperstein-Idee aufgegriffen und möchte den Opfern ein Denkmal setzen und zum Nachdenken anregen. „Wie konnte es dazu kommen?“ – damit setzen sich derzeit die Schüler im Sozialkundeunterricht auseinander. Bald aber wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die noch aus eigenem Erleben berichten können. 



jh/db

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