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Samstag, 22.09.2018

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Städtepartnerschaft: Russische Gäste in Rothenburg

Zusammen aktive Friedensarbeit betreiben - 10.09.2018 15:10 Uhr

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt als Symbol für das deutsch-russische Miteinander: Auf der Bühne in der Reichsstadthalle Sergej Rodionov (v.li) Herbert Hachtel, Dieter Kölle, Sergej Ganzha (sitzend), Prof. Dr. Wilfried Bergmann und OB Walter Hartl. © Schäfer


Rund sechzig Gäste waren aus der russischen Partnerstadt zu den Festivitäten angereist und verbringen eine Woche im Rothenburg mit verschiedenen Aktivitäten, begleitet von der Stadtspitze und Mitarbeitern des Rothenburg Tourismus Service. Mutige testeten am Samstagvormittag ihre Geschicklichkeit im Klettergarten zwischen den Bäumen in bis zu 17 Meter Höhe. Allen voran OB Hartl und Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler. Auch japanische Gäste kraxelten durch den Hochseilgarten. Sie gehörten zu einer 26-köpfigen Delegation aus Fernost, darunter Vertreter aus der Partnerstadt Uchiko sowie Führungskräfte vom Tokioer Flughafen Haneda, die nach den Reichsstadttagen nach Schloss Neuschwanstein und Paris weiterreisen als Belohnung des Arbeitgebers für ihre Leistungen.

Der Reichsstadttage-Empfang in Verbindung mit dem Festakt zum Partnerschaftsjubiläum fand in der Reichsstadthalle statt, denn der Kaisersaal des Rathauses ist eine Baustelle und das ganze Jahr gesperrt. Von außen eindringende Feuchtigkeit hat große Fäulnisschäden in Höhe von über 100000 Euro an der Holzbalkendecke verursacht. Die Stadt wich in die Reichsstadthalle aus, das Festspiel mit seinen Aufführungen auf die Stöberleinsbühne.

Das 30-jährige Städtepartnerschafts-Jubiläum wurde bereits in Susdal am ersten August-Wochenende gefeiert. "Die Gastfreundschaft war überwältigend", sagte das Rothenburger Stadtoberhaupt in Erinnerung an die "sehr schönen und intensiven Festtage". Den Wegbereitern und Gründern der Städtepartnerschaft zollte er seinen Respekt. Der damalige Dekan Johannes Rau hatte 1984 eine Studienreise nach Susdal organisiert, an der seinerzeit auch Oberbürgermeister Oskar Schubart teilnahm. Eines seiner großen Anliegen bestand darin, aktive Völkerverständigung zu praktizieren, denn er hatte die Schrecken des Zweiten Weltkrieges noch als junger Soldat kennengelernt.

Feste Bande noch enger geknüpft

Die Idee einer deutsch-russischen Städtepartnerschaft wurde geboren, was in Zeiten des Kalten Krieges kein einfaches Unterfangen war. Ost und West standen sich damals noch feindlich gegenüber, es gab eine militärisch stark gesicherte Grenze. Doch der Sradtrat ließ sich von dieser Idee überzeugen. Auch auf Susdaler Seite fand dieser Gedanke Unterstützung. So wurde es möglich, die Grenzen zu überwinden und eine Städtepartnerschaft zu gründen, "die nicht nur auf dem Papier steht". Viele Freundschaften sind entstanden. Selbst Ehen wurden geschlossen.

Der Schüleraustausch zwischen der Oskar-von-Miller-Realschule und der Susdaler Mittelschule trägt dazu bei, dass junge Menschen die jeweils andere Kultur kennen- und schätzenlernen. OB Hartl dankte auch seinem Amtsvorgänger Herbert Hachtel, der das Vemächtnis von Oskar Schubart weitertrug sowie dem Städtepartnerschaftsverein, der diese Kontakte pflegt und Jahr für Jahr nicht nur eine Spendenaktion durchführt, sondern auch Bürgerreisen. Bürgermeister Kurt Förster, der sich über viele Jahre große Verdienste erworben hat um die Städtepartnerschaften und Städ­te­freundschaften als wichtiger Pfeiler in diesem Gefüge, fehlte aus familiären Gründen zu diesem besonderen Anlass.

Als vor 30 Jahren die Urkunden unterzeichnet wurden, hatten viele die schlimmen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges noch persönlich erlebt. OB Hartl erinnerte daran, dass in Susdal deutsche Soldaten in Gefangenschaft waren, die in Stalingrad gekämpft haben. Einige von ihnen sind dort verstorben. Der Stadt Susdal dankte er, dass sie diese Gräber pflegt. Am Ehrenmal der Soldaten aus Susdal, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, werden ebenfalls regelmäßig Blumen niedergelegt. 519 Namen sind in die Gedenktafel eingraviert. Diese Väter und Söhne, die vom Krieg nicht heimgekehrt sind, waren nicht die einzigen Opfer, die Susdal zu beklagen hatte. Viele andere kamen verletzt, als Invaliden oder traumatisiert aus dem Krieg zurück, so OB Hartl.

"Wenn wir bedenken, dass unsere Länder im vergangenen Jahrhundert zwei große Kriege gegeneinander führten, beide Mal die Kriegserklärung und Aggression von Deutschland ausging und das russische Volk die meisten Opfer zu beklagen hatte, verdient es eine besondere Wertschätzung, dass uns von russischer Seite die Hand gereicht wurde", betonte OB Hartl. "Die Einwohner von Susdal und die politisch Verantwortlichen waren bereit, diese schrecklichen Zeiten hinter sich zu lassen, ohne sie deshalb zu vergessen".

Die positiven Seiten

Es gab die Bereitschaft, "zu vergeben und den Blick nach vorne zu richten". Vielleicht habe dabei auch das Wissen um positive Seiten einer 1000-jährigen gemeinsamen Geschichte geholfen. Zwischen Deutschland und Russland gab es nicht nur Kriege, sondern auch Bereicherung und Austausch. Vor allem im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich. Wer die deutsch-russische Geschichte näher betrachte werde feststellen, "es gab mehr Miteinander als Gegeneinander". Zwischenzeitlich gibt es mehr als 100 deutsch-russische Städtepartnerschaften: "Wir können stolz darauf verweisen, dass unsere Städte zu den Ersten zählten, die diesen Schritt wagten".

OB Hartl wünscht sich, dass noch viele weitere folgen, "denn Städtepartnerschaft heißt, aktive Friedensarbeit zu betreiben". Gerade in der heutigen Zeit, in der die Beziehungen zwischen beiden Ländern "wieder schwierger geworden sind und mehr über Sanktionen gesprochen wird, als über Verständigung", scheint ihm der Austausch zwischen den Menschen "besondes wichtig". Am kommenden Wochenende werden Rothenburg und Susdal in der Bundeshauptstadt Berlin von den Außenministern ihrer jeweiligen Staaten, Heiko Maas und Sergej Law­row, eine Auszeichnung für herausragende Partnerschaftsarbeit auf kommunaler Ebene erhalten.

Die ehrenvolle Aufgabe den prominenten Gästekreis namentlich zu begrüßen, oblag dem Zweiten Bürgermeister Dieter Kölle: den japanischen Kollegen Takatoshi Inamoto aus Uchiko, Flughafenvorstand Isao Takashiro, die chinesische Generalkonsulin Mao Jingqiu und das Ehepaar Ibelli in Vertretung des amerikanischen Generalkonsuls Meghan Gregonis. Unter den über dreihundert geladenen Gästen befanden sich namhafte Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie private Unterstützer der Städtepartnerschaft. Das "Rothenburger Blechbläserensemble" umrahmte die Feierstunde musikalisch mit Werken von Händel, Tschaikowski und dem Abspielen der Nationalhymnen.

Warme Worte der Freundschaft, Rückbesinnung und Zukunft fand der stellvertretende Vorsitzende des Susdaler Stadtrates, Sergej Rodionov, in seiner Ansprache. Die Städtepartnerschaft sei eine gegenseitige Bereicherung und spiele eine wichtige Rolle bei den internationalen Aktivitäten der Kommunen. Sie besitze einen hohen Stellenwert und werde geschätzt. Dass sie so lebendig sei, liegt in den Augen des Susdaler Stadtratsvertreters vor allem an der großen Bandbreite der gemeinsamen Themen und Aktivitäten.

Als Gastgeschenk an die Stadt Susdal überreichte OB Hartl einen handgearbeiteten Quilt mit den Wappen der beiden Städte und Fotos von Sehenswürdigkeiten aus Susdal und Rothenburg, die von "Patchwork Engel" Susanne Nagy auf Stoff gedruckt wurden. Bei den Farben hat sie sich an den Städtefarben Weiß, Rot und Blau orientiert. Auf der Rückseite ist ein Tunnelzug angebracht, damit der Quilt auch aufgehängt werden kann.

Ein Quilt mit eingearbeiteten Symbolen für Susdal: OB Hartl (li) zeigt das Gastgeschenk. © Schäfer


Der russische Generalkonsul in München, Sergej Ganzha, revanchierte sich mit dem Landschaftsgemälde eines russischen Künstlers. Gerade jetzt könne die Städtepartnerschaft dafür sorgen, dass der Dialog nicht abreißt und dass sich Deutsche und Russen weiterhin mit Respekt auf Augenhöhe begegnen, auch wenn es in Fragen der internationalen Politik gegenwärtig gravierende Meinungsverschiedenheiten gebe.

Eine breite Basis

Die deutsch-russsischen Beziehungen seien dort gut, wo beide Seiten gemeinsame Interessen und vergleichbare Probleme haben, etwa im Bereich der Sozialpolitik betonte Prof. Dr. Wilhelm Bergmann, Jurist und stellvertretender Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Er unterstrich die Notwendigkeit, aufeinander zu zu gehen. Es brauche einen offenen Dialog auf breiter Basis.

Sein Grußwort entwickelte sich zur politischen Grundsatzrede. Für ein stabiles Verhältnis in Europa sei eine Politik ohne Rußland nicht denkbar. Es gebe eine Reihe von Themen mit kontroversen Auffassungen, die offen diskutiert werden müssten, in der Absicht, ein breites Maß an Übereinstimmung zu erzielen. Rothenburg und Susdal gratulierte er zur 30-jährigen Städtepartnerschaft und warb dafür, diese verdienstvolle Arbeit fortzusetzen als vertrauensbildende Maßnahme und grenzüberschreitende Kooperation.

Eine Städtepartnerschaft bietet eine gute Gelegenheit, für Sprachaustausch, Kulturaustausch oder beruflichen Austausch. Die 29-jährige Japanerin Momo Gace aus Uchiko, hat gerade eine Ausbildung zur Bäckerin bei Florian Striffler begonnen und freut sich auf die abwechslungsreichen Aufgaben in dem Rothenburger Familienbetrieb. In einem Praktikum lernte sie ihren Wunschberuf besser kennen und fand heraus, dass ihr die Tätigkeiten liegen. Das Schneeballenherstellen gehört zu ihrer Lieblingsbeschäftigung. Dass sie im Job Deutsch lernt, findet sie auch schön. Eine bekannte japanische Bloggerin wird im Internet mit visuell ansprechendem Inhalt die Nachricht verbreiten und mit der modernen Informationsgesellschaft teilen. 

sis

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