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Donnerstag, 15.11.2018

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Vielen aus der Seele gesprochen

Buchautor und Glasknochen-Betroffener Raúl Krauthausen beim Abend des Inklusionsbeirats im Musiksaal - 09.11.2018 11:13 Uhr

Raúl Krauthausen wusste beim Abend im Musiksaal zu beeindrucken. © Körber


"Ich bin mit meinem Leben so wie es ist zufrieden, es ist manchmal zwar etwas mühevoller, damit komme ich aber zurecht. Als Vergleich: möchten Sie fliegen können, sind Sie unglücklich, weil Sie es nicht können?". Das Laufen – für Menschen ohne Behinderung nicht wegzudenken – spielt in seinem Leben keine Rolle.

Überschrieben war der Abend des Inklusionsbeirats im Städtischen Musiksaal mit dem Titel seines vor vier Jahren erschienenen Buches "Dachdecker wollte ich eh nicht werden". In der Regel entsteht ein Buch, weil der Autor eine Geschichte niederschreiben möchte. Nicht so bei Raúl Krauthausen. Die Anfrage des Rowohlt Verlages, eine Autobiografie zu schreiben lehnte er zunächst ab. Erst auf Drängen seiner Freunde, die Chance zu nutzen, kam das Buch im Laufe eines Jahres zu Stande. Das Werk beschreibt mit Humor, aber auch nachdenklich, wie sein Leben sich entwickelt hat, von der Schule bis zum Aktivisten, der er heute ist.

Für ihn stand nie seine Behinderung im Vordergrund, sondern die Anerkennung als Mensch. Einhergehend damit wehrte er sich gegen Mitleid anderer, die ihn an den Rollstuhl "gefesselt" sehen. Für ihn war es wichtig, mit Schulkameraden und Freunden aufzuwachsen. So sah er keinen Sinn darin, sich bei einer Selbsthilfegruppe mit Glasknochenkindern zu treffen, die er weder kannte noch eine Beziehung zu ihnen hatte.

Da Medikamente die Stabilität der Knochen schwer nachweisbar verbessern, gibt es die Möglichkeit, mit Nägeln – vor allem in den Beinen – Knochenbrüche zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Raúl Krauthausen erinnert sich noch heute daran, wie die Eltern anderer betroffener Kinder versucht haben, mit möglichst vielen Operationen die Knochenstabilität zu steigern. Bei aller Fürsorge der Eltern wurde dabei oft der Wille des Kindes ignoriert: möchte ich noch eine Operation und noch eine oder bin ich so zufrieden wie es ist? Noch heute ist Krauthausen seinen Eltern dankbar, dass sie ihn in medizinische Entscheidungen eingebunden und ihm damit erlaubt haben, sich "für sein Lebensglück" zu entscheiden.

Inklusion beinhaltet Teilhabe. Für Raúl Krauthausen bedeutete dies eines Tages, bei den Bundesjugendspielen teilzunehmen – ein schrecklicher Gedanke. Seine sportliche Disziplin beschränkte sich dabei auf Ballweitwurf, den er mit drei Meter hinter sich brachte. Während andere sich für ihn freuten, dass er mitmachen durfte, stellte er sich die Frage, welchen Sinn seine Teilnahme brachte. Gut gemeint ist aus Sicht des Betroffenen eben nicht immer hilfreich.

Raúl Krauthausen lebt derzeit in einer Wohngemeinschaft und hat eine Lebensgefährtin. Für den Tagesablauf hat er ein Team von 6 Assistenten zur Seite stehen, die ihm ein Leben nach seinen Vorstellungen ermöglichen. So hatte er zum Beispiel einen Begleiter für seine Fahrt nach Rothenburg dabei.

Beruflich greift der Aktivist in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion immer wieder Themen auf, die von nationaler und oft auch globaler Bedeutung sind. Für mediale Aufmerksamkeit sorgte vor zwei Jahren sein "Heimexperiment". Im Zuge dessen verbrachte Raúl fünf Tage in einem Behindertenheim – undercover mit versteckter Kamera und veröffentlichte anschließend die von ihm erlebten Unzulänglichkeiten.

Mit dem von ihm mit gegründeten Verein Sozialhelden e.V. hat er ein Team an der Seite, das ihn unterstützt. Er beteiligte sich zum Beispiel an Demonstrationen zur Gestaltung des Bundesteilhabegesetzes oder setzt sich immer wieder für Gleichberechtigung im Bildungssystem ein. Besonders am Herzen liegt ihm aber die selbstständige Gestaltung des Lebens von Menschen mit Behinderung. Hier eine Gleichberechtigung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen ist eine Herausforderung, die derzeit leider oft an Grenzen stößt.

Raúl Krauthausen hat vielen aus der Seele gesprochen. Darauf lassen Rückmeldungen aus den Reihen der Gäste schließen. Um neue Erkenntnisse zu bekommen genügt es oft, den Blickwinkel zu ändern. Raúl Krauthausen hat Aspekte des Lebens aufgezeigt, die von Nichtbehinderten meist nicht erkannt werden – ein Gewinn für alle Teilnehmer.

Lebhafte Gespräche nach der Veranstaltung bei Getränken und Gebäck ließen den Abend ausklingen. Zum Gelingen haben finanziell die Sparkasse Ansbach, die Bäckerei Striffler mit Backwaren und Grazyna Cebulla von "Deine Buchhandlung" mit der Organisation des Buchverkaufs "Dachdecker wollt ich eh nicht werden" beigetragen. 

wk

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