Dienstag, 16.10.2018

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Wandergeselle macht in Schweinsdorf Halt

21-jähriger Möbelschreiner ist seit Oktober auf Wanderschaft - 15.04.2014 17:43 Uhr

In voller Kluft an der Formatkreissäge: Wandergeselle Julian Völk-Geiger. © mes


Neues kennenlernen, Erfahrungen sammeln, die Welt sehen. Dies ist für viele junge Leute nach dem Ende der Schulzeit oder der Berufsausbildung fest eingeplant zur Persönlichkeitsbildung oder einfach um noch einmal ein Stück Freiheit vor dem Ernst des Lebens zu genießen. Die wenigsten Betätigungsmöglichkeiten in dieser Auszeit haben mit Tradition, Löblichkeit und Regeln zu tun.

Ganz anders ist das bei einem Wandergesellen. Julian Völk-Geiger vertritt während der Walz auch immer seinen Schacht, also die Vereinigung der Handwerker auf Wanderschaft. Verhalten und Kleidung müssen deshalb immer tadellos sein, so der 21-jährige Möbelschreiner. Es gilt kein schlechtes Licht auf die Bauhandwerker und nachfolgenden Wandergesellen zu werfen.

Der Erste in Schweinsdorf

Für die Firma Meißner in Schweinsdorf ist er der erste Schreiner auf der Walz, der bei der Firma "zünftig vorgesprochen“ hat. Der Spruch ist dabei geheim und nur für die Ohren des Meisters bestimmt. Dieser Spruch, den nur Eingeweihte kennen können und das Wanderbuch sind der Nachweis, dass es sich auch wirklich um einen echten Wandergesellen handelt.

Zimmerer klopfen häufiger an die Tür der Meißnerschen Schreinerei. Aufgrund der unterschiedlichen Ausbildung können sie aber nicht genommen werden. "Julian ist ein netter Kerl und von der Ausbildung her hat es gepasst“, erzählt Heike Meißner, die sich über den besonderen "Gastarbeiter“ freut.

Insgesamt gibt es derzeit 400 bis 500 Wandergesellen in Deutschland. Julian Völk-Geiger ist einer von rund 60, die zum Rolandschacht, der Zunft reisender Bauhandwerker, gehören. Sie kann man an der "blauen Ehrbarkeit“ (Krawatte) mit der goldenen Handwerksnadel erkennen. Früher kannte noch jedes traditionelle Handwerk die Wanderschaft. Man erinnere sich an das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust“. Die Walz war damals Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung.

Heute ist das nicht mehr so und überwiegend sind es Zimmerleute, die man "tippeln“ sieht. Allgemein tragen Wandergesellen der Holzgewerbe eine schwarze Kluft. Schreiner können auch dunkelbraune Weste und Hose tragen. "Die Wanderschaft hat keine Pause“, erklärt Julian. Und deshalb sind Wandergesellen stets nur in dieser für sie typischen Bekleidung zu sehen.

Mit leichtem Gepäck

Dementsprechend leicht ist sein Reisegepäck: Zwei Kluften, Hemden und Unterwäsche hat er dabei und ein paar wenige persönliche Sachen. Ein Mobiltelefon gehört aber nicht dazu, denn dieses ist während der Walz verboten. "Es ist ein ganz anderer Frieden, den man so genießt“, sagt der 21-Jährige, der gleich nach dem Ende seiner Lehrzeit im vergangenen Oktober in die Welt hinauszog.

Ein Schlafsack hingegen ist unverzichtbar, denn es kann vorkommen, dass man bei der Unterkunft improvisieren muss, wenn man keinen Betrieb findet, der einen aufnimmt oder niemanden, der einen ein Stück weit mit dem Auto mitnimmt. Öffentliche Verkehrsmittel sollen bei der Walz nicht benutzt werden. Auf seinem bisherigen Reiseweg hatte Julian Glück.

Per Anhalter zu fahren war keine große Herausforderung. Seine Erfahrung: „Die Leute sind aufgeschlossen gegenüber Wandergesellen, denn die Kluft strahlt Vertrauen aus“. Allerdings ist sein Heimatort und der Umkreis von 60 Kilometern, der sogenannte Bannkreis, für ihn während der Wanderschaft tabu.

Bevor man überhaupt die Walz antreten darf gibt es auch einige Voraussetzungen. Nicht älter als 27 Jahre alt soll man sein, nicht vorbestraft sowie ledig und kinderlos sein. Die Wanderschaft soll also weder zum Strafentzug missbraucht werden noch der Familie schaden. Mindestens 3 Jahre und einen Tag muss die Walz dauern, die auch nicht dazu dient sich finanziell zu bereichern.

Ohrring als Bezahlung

Ebenso soll man nirgends mit Schulden abreisen. In früheren Zeiten wurde dann der goldene Ohrring als Bezahlung für den Wirt oder wenn es ganz schlecht lief den Bestatter hergegeben. Damit kommt man heutzutage aber nicht mehr weit. Julian trägt dennoch einen Ohrring. Das Loch dafür wurde ganz traditionell mit einem Nagel gestochen.

Gute Erinnerungen hat er an Rothenburg. In der vierten Klasse war er hier in der Jugendherberge mit der Schule und nutzte nun die Gelegenheit wieder vorbeizuschauen. Er fragte bei der Bevölkerung nach einer guten Schreinerei und wurde nach Schweinsdorf zu Meißners geschickt. Für beide Seiten war dies ein Glückstreffer. Die Schreinerei hat einige Aufträge und kann deshalb eine zusätzliche Arbeitskraft gut gebrauchen. Und Julian hat für diese Zeit eine Unterkunft vom Betrieb bekommen und Chefin Heike Meißner erledigt auch mal den ein oder anderen Einkauf für ihn.

Insgesamt sechs Wochen wird er nun dort arbeiten. Wo es ihn danach hinverschlägt steht noch in den Sternen. Die einzelnen Stationen der Walz kann man nämlich so nicht planen. Norddeutschland, aber auch Frankreich, Kanada und Skandinavien kann Julian sich als nächste Ziele vorstellen. Oder vielleicht kommt er auch mal wieder nach Rothenburg und in die Umgebung. 

mes

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