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Zwischen Show und Realität: Neusitzerin besucht Rio

Lucia Rohn lernte auch das Brasilien abseits der Olympischen Spiele kennen - 05.09.2016 13:33 Uhr

Lucia Rohn bringt von ihrer Zeit im Olympia-Jugendcamp vielfältige neue Eindrücke mit nach Hause. © privat


Als Teilnehmerin des Jugendcamps des Deutschen Olympischen Sportbundes, für das sie sich erfolgreich beworben hatte, durfte sie nicht nur bei diversen Wettkämpfen zuschauen, sondern lernte auch die beeindruckende Stadt am Zuckerhut kennen. Die nicht so schönen sportlichen und gesellschaftlichen Seiten wurden dabei aber nicht ignoriert.

Urlaub - gerade im sonnigen Brasilien - fühlt sich definitiv anders an. "Wir waren abends immer kaputt", erzählt Lucia Rohn. Das Programm, das den Teilnehmern des olympischen Jugendcamps von ihren Betreuern vorgegeben wurde, hatte es in sich. Es gab zu viel zu sehen, zu erleben, als dass man sich einfach so mal an der Copacabana auf die faule Haut legen konnte.

Schließlich waren die 50 Jugendlichen alles andere als eine x-beliebige Touristengruppe. Sie waren fester Teil der deutschen Olympia-Mannschaft, mit allen positiven und negativen Nebeneffekten, die diese Ehre mit sich bringt. So trugen sie ebenfalls die offizielle Olympia-Bekleidung, was des Öfteren dazu führte, dass brasilianische Fans um ein Foto baten, in der festen Überzeugung, es handele sich bestimmt um einen berühmten deutschen Athleten.

Die Kehrseite der Medaille: Ihnen wurde immer vorgegeben welches Kleidungsstück sie an welchem Tag zu tragen haben. Aber dafür stand ihnen, nach Anmeldung, auch das Deutsche Haus für Besuche offen. Untergebracht waren sie in der Deutschen Schule in Rio de Janeiro.

Große weite Welt

"Es war eine tolle Erfahrung mit vielen schönen Eindrücken", fasst Lucia Rohn ihre Zeit in Rio zusammen. Zwar sei sie bereits vorher schon recht selbstständig gewesen, doch diese erste längere Reise allein in die große weite Welt hat sie noch ein Stückchen erwachsener werden lassen. Und es hat auch ihren Horizont erweitert. Denn die (meist) schöne, inszenierte Welt des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) steht gerade in Brasilien im krassen Widerspruch zur desolaten Verfassung des Sports und des Staates.

Gerade auch diese Aspekte wurden von den Organisatoren des Jugendcamps nicht unter den Teppich gekehrt. So diskutierten die Jugendlichen, die ja alle selbst Sportler sind, ebenfalls über Doping und den Nicht-Ausschluss der gesamten russischen Mannschaft von den Olympischen Spielen. Ein Teil des Programms führte sie auch in die Armenviertel, um mit einheimischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen.

Bei einem gemeinsamen Workshop zum Thema Nachhaltigkeit, zeigte sich in welch unterschiedlichen Welten die etwa Gleichaltrigen leben. "Während die Brasilianer dabei an fließend Wasser und eine verlässliche Stromversorgung dachten, verstanden wir darunter Dinge wie etwa Elektroautos", sagt die 18-jährige Neusitzerin, die sich in Bad Windsheim gerade zur Physiotherapeutin ausbilden lässt.

Unfertiger "weißer Elefant"

Bei einer Führung durch die Armenviertel (Fotografieren war dabei verboten) zeigte sich der deutschen Delegation zum einen, dass einige Klischees maßlos übertrieben waren. Zum anderen wurde ihnen aber auch der Irrsinn dieser Großveranstaltung in einem Schwellenland bewusst. So erfuhren sie von Sportstätten für die Favela-Bewohner, die für Olympia-Bauten plattgemacht wurden und vom Schicksal vieler Brasilianer, die von heute auf morgen zwangsumgesiedelt wurden. Das alles übertraf nur noch die Brücke, die nicht rechtzeitig für Olympia fertig wurde (und wohl danach auch nicht weiter gebaut wird) und nun als "weißer Elefant" unnütz in der Gegend herumsteht.

Leichtathletik-Wettbewerbe im Olympiastation – erst bei Usain Bolts Lauf wurde es richtig voll. © privat


"Wir haben viel in der Gruppe über diese Eindrücke gesprochen", erinnert sich Lucia Rohn. Einheimische Kinder und Lehrer äußerten den Deutschen gegenüber, dass die Spiele "eine gute Werbung für Rio" seien. Für die südamerikanische Handwerkskunst allerdings eher weniger. "Jeder zweite Pflasterstein an den Sportstätten hat gewackelt", schmunzelt die Judoka. Auch die vollen U-Bahnen sowie die rasenden und äußerst riskant fahrenden Verkehrsteilnehmer waren gewöhnungsbedürftig.

Dafür sei die Gastfreundschaft mit denen die Cariocas (Einwohner von Rio) dem Besuch aus der ganzen Welt begegneten, unbeschreiblich gewesen. Zumindest dann, wenn man nicht gegen einen brasilianischen Athleten um Medaillen kämpfte. "Manchmal waren sie schon unsportlich und buhten die Gegner aus", erzählt Lucia Rohn. Per Auslosung wurde ermittelt, welcher Teilnehmer des Jugendcamps sich welchen Wettbewerb anschauen durfte. Die 18-Jährige hatte Glück und bekam eine Eintrittskarte für Judo, allerdings nur für die Vorrunde und auch nicht für ihre Gewichtsklasse.

Teilweise schlecht besucht

Neben Basketball, Bogenschießen, Hockey und Fechten war sie auch bei Beachvolleyball und Leichtathletik live dabei. Dabei bekam sie - wie viele Fernsehzuschauer - mit, dass die Arenen bei bestimmten Wettkämpfen sehr schlecht besucht waren. Das Olympiastadion etwa war teilweise nicht mal zur Hälfte gefüllt. Als sich aber der jamaikanische Sprintstar Usain Bolt am nächsten Tag am Startblock zeigte, sei es "gerammelt voll" gewesen. Demenstprechend verdrei-fachten sich auch die Eintrittspreise, was sich der Durchschnittsbrasilianer schlicht nicht leisten konnte.

Die Sehenswürdigkeiten in den 16 Tagen Brasilien beschränkten sich für Lucia Rohn nicht nur auf die typischen Wahrzeichen, wie die Christusfigur und die Copacabana ("sehr schöner Strand, aber bereits ab 16 Uhr wurde es schlagartig kalt") sowie diverse Aussichtspunkte mit einem traumhaften Blick über den Reichtum der brasilianischen Natur. Für die Judoka waren auch die sportlichen Attraktionen ein Foto wert.

Präsident zur Rede gestellt

Gleich bei der Ankunft am Flughafen in Rio traf sie etwa Judoka Ole Bischof. Auch mit Fechterin Britta Heidemann konnte sie einen Plausch halten. Ihren Lieblingssportler, den französischen Judoka Teddy Riner, hat sie leider nicht erwischt. Dafür lief ihr der IOC-Präsident vor die Kamera. Die Jugendlichen nutzten die Gunst der Stunde und sprachen Thomas Bach auf das russische Team an. Dazu werde er sich nicht äußern, war seine knappe Antwort. "Für das Foto hat er aber trotzdem freundlich posiert", sagt Lucia Rohn.

Nach Brasilien würde sie gerne einmal wieder reisen, dann aber mit mehr Zeit, um Land und Leute kennenzulernen. Aber auch die Stimmung bei der sportlichen Großveranstaltung hat sie nachhaltig beeindruckt. Bei den nächsten Sommerspielen in Tokio 2020 möchte sie deshalb wieder dabei sein, vielleicht als Volontärin im deutschen Haus. 

mes

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