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Die Pflege am Abgrund: "Dramatischer Notstand"

Ein Gespräch mit Horst Weckerlein und Rainer Mosandl - 24.06.2018 05:58 Uhr

Alle Menschen brauchen Zuwendung, alte und kranke besonders. Oft bleibt dafür in Heimen keine Zeit. Denn die Pflegekräfte sind bei den derzeitigen Bedingungen schlicht überfordert, sagen Horst Weckerlein und Rainer Mosandl im Interview. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa


Herr Weckerlein, Herr Mosandl, die Pflege ist auch ein Geschäft. Ist es nicht problematisch, wenn sich das Kümmern lohnen muss?

Horst Weckerlein: Die Privatisierung der Pflege ist eine Entscheidung der Politik. Als Einrichtungsleiter muss ich wirtschaftlich arbeiten. Wir tragen zwar die ,Wohlfahrt‘ im Namen, aber dennoch sind wir ein Unternehmen.

Rainer Mosandl: Der Unterschied zu privaten Investoren ist, dass diese mit Renditen von acht bis zehn Prozent planen. Bei uns läuft der Überschuss, den wir erwirtschaften, zurück in den Betrieb – wir streben nicht nach Profit.

Aber Sie müssen sich der Konkurrenz stellen.

Mosandl: Klar, ein gewisser Wettbewerb ist da. Ich halte es im Bereich Pflege und Gesundheit aber für problematisch, wenn man in erster Linie gewinnorientiert arbeitet. Menschen sind keine Ware, die Gesellschaft muss eine menschenwürdige Pflege gewährleisten.

War es vor der Öffnung des Markts besser?

Mosandl: Nicht die Wohlfahrtsverbände hatten das gefordert, sondern der neoliberale Zeitgeist ging in die Richtung. Ich kann nicht sagen, ob es vorher besser war, aber natürlich drückt ein höheres Angebot die Preise – das war politisch gewollt. Man ist dann vielleicht geneigter, etwa Personalkosten zu reduzieren. Das schlägt wiederum auf die Qualität der Pflege und die Motivation der Mitarbeiter um. Private Anbieter bezahlen teilweise – im Gegenteil zu uns – nicht nach Tarif.

Horst Weckerlein (links) ist Einrichtungsleiter im Hermann-Vogel-Pflegezentrum der Awo in Schwabach. 46 hilfsbedürftige Menschen werden dort rund um die Uhr betreut, zwölf Plätze umfasst die Tagespflege. Rainer Mosandl (rechts) ist Geschäftsführer des Awo-Kreisverbands Mittelfranken-Süd.


Herr Weckerlein, wenn Geld keine Rolle spielen würde, was würden sie als Leiter des Pflegezentrums als erstes verändern?

Weckerlein: Für jede Schicht einen Mitarbeiter mehr. Wir haben pro Station drei Mitarbeiter in der Frühschicht, zwei nachmittags und einen nachts. Mein Wunschtraum wäre es, jeweils Eine oder Einen mehr zu haben. Auch wegen der Arbeitsbelastung, aber vor allem, weil es die Arbeit wieder attraktiver machen würde. Ich muss bei Krankheitsfällen regelmäßig Leute aus ihrer – hoch verdienten – freien Zeit zurückholen. Die mangelnde Attraktivität der Pflege für das Personal ist ein Riesenproblem.

Gesundheitsminister Jens Spahn will 13 000 neue Stellen schaffen.

Weckerlein: Das ist ein guter Anfang. Es würde hier im Haus umgerechnet eine Stelle mehr bedeuten. Was mich aber ärgert, ist, dass die Krankenkassen bereits nachverhandeln. Ginge es nach den Kassen, wäre es nur noch knapp über eine halbe Stelle. Das ist typisch. Erst heißt es: einer mehr. Und dann wird durch die Hintertür die Zahl wieder verringert. Wir haben in Schwabach einen Pflegenotstand. Wir bringen die Leute nicht mehr unter. Können aber seit 20 Jahren das Personal nicht nennenswert aufstocken. Ein Politiker hat jüngst gesagt: Es ist fünf vor Zwölf. Wir haben aber dreiviertel Drei!

Mosandl: Die Bedingungen in der Pflege müssen verbessert werden. Wir brauchen einen anderen Personalschlüssel, eine Absenkung der Arbeitszeit und die Pflegevollversicherung. Für einen Pflegeplatz zahlt man 2000 bis 3000 Euro im Monat Eigenleistung. Eine Pflegevollversicherung würde bedeuten, dass der Kunde nur die sogenannten Hotel-Kosten, also die Unterbringung, zahlen muss, die Pflegekosten würden aber komplett übernommen. Ich halte es im Übrigen für verfassungswidrig, dass die Krankenkassen sich aus der medizinischen Versorgung in der Pflege heraushalten.

Das klingt alles nicht sehr optimistisch.

Mosandl: Es braucht eine grundsätzliche Erneuerung, um Pflege wieder attraktiv zu machen. Der Notstand ist dramatisch. Wenn wir unterbesetzt sind, werden wir gerügt, müssen sogar Bußgeld zahlen. Das ist eine solche Verlogenheit! Die Versicherungen und die Politik wissen, dass niemand zu finden ist, aber schieben den Trägern den Schwarzen Peter zu. Die Pflegeversicherung hat laut Gesetz dafür zu sorgen, dass genug Pflegeplätze vorhanden sind. Das ist nicht mehr der Fall. Hier versagen die Politik und das System der Pflegeversicherung. Wir haben teilweise Betten frei, die wir wegen mangelndem Personal nicht vergeben können und wollen. Wir haben wirklich tolle Leute, aber sie werden konstant überfordert.

Kann man mit Ausländern, insbesondere mit Flüchtlingen, den Personalmangel beheben?

Mosandl: Wir brauchen Zuzug aus dem Ausland, mit unseren eigenen Ressourcen in Deutschland werden wir es nicht schaffen. Bei uns arbeiten bereits Spanier, Chinesen, Vietnamesen, jeder Kopf ist wichtig. Die Bundeskanzlerin hat bei ihrer gemäßigten Flüchtlingspolitik nicht umsonst die Wirtschaftsverbände auf ihrer Seite. Es werden Menschen gebraucht, auch in anderen Branchen.

Weckerlein: Mir ist es nur wichtig zu betonen, dass die Sprache, die Kommunikation entscheidend ist. Wir sind hier eine schöne Multi-Kulti-Truppe, aber verstehen und verstanden werden ist für die Bewohner ein Qualitätskriterium. Wir haben einen Pflegehelfer, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist. Er hat natürlich seine Zeit gebraucht, wie jeder, der in diesem Bereich arbeitet. Aber er ist der Beweis dafür, dass es funktioniert. Die Bewohner akzeptieren ihn und als Mann ist er sowieso etwas Besonderes in der Pflege.

Welche Rolle spielen die Krankenkassen im Pflege-Dilemma?

Weckerlein: Da gibt es eine gewisse Doppelzüngigkeit. Wir werden für betriebliches Gesundheitsmanagement von einer Krankenkasse zertifiziert – die hat aber gleichzeitig Mitschuld an den chaotischen Bedingungen.

Mosandl: Ich stimme da nicht ganz zu. Die Krankenkassen sind nicht die Verursacher. Die machen das, was der Gesetzgeber will.

Weckerlein: Das ist schon richtig. Aber sie arbeiten zum Wohl ihrer Versicherten. Sie schreiben sich Gesundheit auf ihre Fahnen, machen aber gegenläufige Vorgaben.

Mosandl: Aber wenn der Gesetzgeber etwa sagen würde: Die Krankenkassen müssen die medizinische Versorgung in der Pflege finanzieren – dann würden die Kassen das auch tun. Die Politik ist gefordert.

Was stünde noch auf dem Wunschzettel an die Politik?

Mosandl: Angehörige müssen finanziell abgesichert sein. Zwei Drittel der Pflege werden von Angehörigen übernommen. Es kann nicht sein, dass jemand, der seinen Arbeitsplatz aufgibt, um den Partner zu pflegen, in Hartz IV abrutscht. Da muss der Staat einspringen. Wir brauchen außerdem eine Pflege-Bürgerversicherung, zu der Kapitalerträge herangezogen werden. Alles liegt auf den Schultern der Arbeitnehmer. Wir brauchen auch eine Förderung von Investitionskosten. Die ist unter Edmund Stoiber abgeschafft worden. Es wird zum Beispiel verlangt, dass es mehr Einzelzimmer gibt. Das ist nicht machbar. Da muss das jeweilige Bundesland zuschießen, wenn Geld in die Hand genommen wird.

Weckerlein: Wir haben viele kleine Probleme, die eigentlich absurd sind. Brandschutz ist natürlich wichtig, aber da gibt es völlig realitätsferne Forderungen, die uns einen Haufen Geld kosten. Einen zweiten Handlauf im Treppenhaus: brauchen wir nicht, ist aber Vorschrift. Eine Tonband-Ansage im Aufzug ("Zweiter Stock"): brauchen wir nicht, ist aber Vorschrift. Wir haben pro Bewohner ein monatliches Budget für Windeln. Wenn das aufgebraucht ist, was macht man dann? Dann zahlt die Einrichtung die Windeln, anders geht es ja nicht.

In Schwabach sind die Einrichtungen alle voll belegt. Wie oft muss man Menschen abweisen?

Weckerlein: Ich hatte allein gestern neun Anrufe. Sie können sich ausrechnen, wie viele es im Monat sind. Seit einem Jahr geht das so. Die Nachfrage ist explodiert. Wenn wir absagen müssen, wird das – so lange es geht – im häuslichen Bereich abgefangen. Wenn sich der Zustand aber rapide verschlechtert, dann geht das nicht mehr. Es gibt den Drehtür-Effekt, die Leute wechseln zwischen Krankenhaus, Kurzzeitpflege, eigener Wohnung und Pflegeheim hin und her. Es gibt außerdem Pflegetourismus: Wir haben Bewohner aus Nürnberg oder Ansbach, die eigentlich in anderen Einrichtungen angemeldet sind. Man muss es so hart sagen: Ein freies Bett gibt es nur, wenn jemand verstorben ist. Im Betreuten Wohnen haben wir wiederum das Problem: Wer sperrt auf, wer putzt, wer kocht?

Womit wir wieder bei den Mitarbeitern wären.

Mosandl: Das ist noch einmal etwas anderes. Das Geschäft mit ausländischen Haushaltshilfen boomt. Es gibt dazu nicht einmal genaue Zahlen, weil es sich um einen Grauen Markt handelt. Die Menschen werden furchtbar ausgebeutet, verdienen wenig, haben keine der in Deutschland üblichen Absicherungen und müssen auch noch einen Teil ihres Gehalts an Agenturen abgeben. Diese Vermittler haben dann 5000 Haushaltshilfen unter Vertrag, die aber alle als selbstständig gemeldet sind. Ein klassischer Fall von Scheinselbstständigkeit, der politisch gewollt ist. Politiker wissen das, sie sitzen mit auf dem Podium, wenn solche Modelle vorgestellt werden.

Wie lautet Ihr Fazit zur Situation der Pflege in Deutschland beziehungsweise in Schwabach?

Weckerlein: Wir haben, auch das muss gesagt werden, in Schwabach trotz allem noch eine gute Versorgungssituation. Wir stehen alle vor demselben Problem und arbeiten gut zusammen. Das war nicht immer so. Unter den Pflegeeinrichtungen gibt es kein Konkurrenzdenken.

Mosandl: Für die allgemeine Situation gilt aber: Wenn es nicht ein großes Umsteuern gibt, wird das System in den nächsten Jahren an die Wand fahren.

  

Interview: Thomas Correll Foto: Thomas Correll

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