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Menschenmassen drängen sich durch die engen Gassen, vorbei an glitzernden Stoffen, Schmuck und Souvenirs, der Gesang des Muezzins vermischt sich mit lauter arabischer Musik und dem Geschrei der Händler. Es duftet nach frischem Pitabrot, gebratenem Lammfleisch und orientalischen Gewürzen. Der erste Eindruck, den die 22-köpfige Reisegruppe rund um Pfarrer Michael Wolf von Jerusalem bekam, hätte nicht faszinierender ausfallen können.
Ruth Burger kennt das. Seit einem halben Jahr arbeitet die 19-Jährige aus Rohr als Volontärin für die Organisation „Dienste in Israel“ in einer Einrichtung für Autisten. Mittlerweile durchschaut sie das Altstadtgassengewirr und führte uns zielsicher durch Muslimisches, Christliches, Armenisches und Jüdisches Viertel.
Auffallend an Jerusalem: Wie in kaum einer Stadt leben hier so viele verschiedene Kulturen und Religionen eng nebeneinander. Minarette stehen neben Kirchen, schwarz gekleidete Juden mit Hut und Schläfenlocken hasten, den Blick kaum von ihrem Gebetsbüchlein abgewandt, durch den Bazar zur Klagemauer, orthodoxe Christen pilgern singend den Kreuzweg entlang hinauf zur Grabeskirche.
Auf den ersten Blick ist alles friedlich. Dass das nicht immer so ist, konnten wir im Laufe der Woche herausfinden. Vikar Johannes Herold, der in der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache zu Jerusalem arbeitet, erzählte von seinem Alltag in Jerusalem und dem Miteinander der drei großen monotheistischen Weltreligionen, die Jerusalem allesamt als Heilige Stadt ansehen.
Spannend war es auch, nicht nur durch die Medien etwas über den Nahostkonflikt zu erfahren. Der evangelische Pfarrer Sani Ibrahim Azar und einige seiner jugendlichen Gemeindemitglieder berichteten uns über den Konflikt aus palästinensischer Sicht.
Die andere Sicht der Dinge
Noch offensichtlicher wurden die Einschränkungen, die sich für die überwiegend muslimischen Palästinenser ergeben, bei einem Ausflug nach Bethlehem: Stundenlange Wartezeiten an den Grenzübergängen, Sicherheitskontrollen und eine meterhohe Betonmauer — wer als Palästinenser Tag für Tag nach Jerusalem zur Arbeit pendelt, muss viel Zeit und eine Sondererlaubnis mitbringen.
Eine andere Sicht auf diese Dinge hat Johannes Herolds Hebräischlehrer Amitai Barkol. Für ihn als Israeli bedeutet die Trennung und das in Jerusalem allgegenwärtige Militär vor allem Sicherheit vor Anschlägen.
Doch Barkol ist nicht nur Israeli, sondern auch gläubiger Jude. Wie die Religion sein Leben bestimmt, warum an Shabbat das öffentliche Leben fast zum Erliegen kommt und dass die Skala des jüdischen Glaubens von ultraorthodox bis modern und liberal viele Facetten hat, davon erzählte er uns.
Auch Ester Golan ist Jüdin: Mit viel Glück und einer langen Reise von Schlesien über Großbritannien nach Israel überlebte sie den Holocaust. Ihre Geschichte teilte sie mit uns, nachdem wir bereits im Vorfeld die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht hatten.
Natürlich kamen auch Gottesdienstbesuche nicht zu kurz: Während der amerikanische Lobpreis-Gottesdienst in einem ehemaligen Kinosaal auf geteilte Meinungen stieß, fühlten wir uns bei der Andacht im deutschen Christustreff und beim Silvestergottestdienst in der evangelischen Erlöserkirche fast wie zuhause.
Auch der Jahreswechsel selbst unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in Deutschland: Um Mitternacht bewunderten wir das Feuerwerk über der Altstadt, das allerdings überwiegend aus dem Christlichen Viertel stammte.
Für noch mehr Abwechslung sorgten ein Ausflug zum See Genezareth im Norden des Landes und die Fahrt durch scheinbar unendliche Steinwüsten, vorbei an Kamelherden und Palmenplantagen, hin zum Toten Meer, in dessen salzige Wellen wir uns natürlich sofort hineinstürzten.
Nach einem anfänglichen Kulturschock gewöhnten wir uns schnell an das Leben in Jerusalem, das Feilschen auf dem Markt und die tägliche Portion Falafel. Der Besuch von biblischen Schauplätzen, die wunderschöne Altstadtkulisse mit der goldenen Kuppel des Felsendoms und die Begegnungen mit Christen, Juden und Palästinensern — lehrreicher kann eine Woche kaum sein.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.