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Glosse: Einen Scotch auf falsche und echte Nachrichten

Wenn die Welt zugrunde geht und Schwabach über Wasserrinnen streitet - 19.03.2017 05:58 Uhr

Für einen wie Luther fände man auch in der Gegenwart Verwendung.

Für einen wie Luther fände man auch in der Gegenwart Verwendung. © dpa


Na, steht Erdogan schon vor Wien? Ist Trump endlich in der Klapse? Wer hat eigentlich das Derby gewonnen? Und wie viele Tote gab’s danach bei den Fans? Haben wir jetzt wieder G9? Und existiert die EU eigentlich noch?

Sorry, aber ich bin ein bisschen desorientiert. Das liegt an unserem Oberbürgermeister. Ich habe nämlich Matthias Thüraufs Rat befolgt. Ja, ich bin verwegen, aber wenn er Recht hat, hat er Recht. Also praktiziere ich: Nachrichten-Fasten.

Sich einfach mal ausklinken aus der permanenten Flut aus facts aller Art – den zurzeit so hippen alternativen oder den langweilig wahren. Genau das hat Thürauf am Aschermittwoch bei seiner Kanzelrede in der Stadtkirche empfohlen.

Selbstversuch fürs Seelenheil

Und genau das habe ich gemacht. Ein Selbstversuch fürs Seelenheil. Eine Entschlackung von all dem unverdaulichen Katastrophen-Overkill der letzten Zeit. Ohne Blutdruckmessgerät und Betablocker kann man ja schon lange keine Tagesthemen mehr anschauen.

Aber ebenso lange hatte ich mir schon von Berufs wegen die Zügellosigkeit nicht erlaubt, einfach wegzuzappen oder gar nicht erst einzuschalten. Der mündige Bürger muss sich informieren. Und jemand der seine Brötchen damit verdient, den Journalisten zu mimen, doch erst recht. Also hab’ ich mir einen doppelten Scotch eingegossen und mir die abendliche halbe Stunde Realitätsschock gegeben. Psychoterror vorm Einschlafen. Super.

Aber seit Aschermittwoch ist Schluss damit. Wozu auch? Kann ich den Syrien-Krieg stoppen? Le Pen verhindern? Siehste! Die Laune kann ich mir aber verderben, das dafür gründlich.

Wohlfühloase Schwabach

Gott sei Dank arbeite ich in einer Lokalredaktion. Wie erholsam ist es doch, den Blick ganz auf unser schönes Schwabach zu richten. Wer über geschenkte Wasserrinnen streiten muss, dem kann es so schlecht nicht gehen. Und darüber berichten zu dürfen, ist wie drei Wochen Reha. Entspannung pur. Eine Wohlfühloase in einer Welt aus den Fugen.

Wäre da nicht Thüraufs zweite Empfehlung: Keine Angst vor Komplexität! Hat er wirklich gesagt. Man müsse den Mut zu langen Texten haben.

Zuerst bin ich ja zusammengezuckt. Lange Texte! Das kann ja richtig anstrengend sein. Aber dann dachte ich: Genau, gut gesprochen, Herr Thürauf. Die Welt passt nicht in einen Tweet. Nicht einmal die pure Wortgewalt eines Martin Luther hätte 95 Thesen in 140 Zeichen erklären können. Im Moment lese ich übrigens alles über Luther, was mir in die Quere kommt. Manchmal sogar lange Texte. Nicht etwa aus religiösem Eifer. Eher, um einfach ein bisschen besser zu verstehen, was da vor 500 Jahren die Weltgeschichte verändert hat.

Nebenbei: Wer das lieber hört als liest, dem sei die neue Stadtführung zur Reformation in Schwabach ans Herz gelegt.

Hätte Luther Nachrichten-gefastet?

Was mich an Luther beeindruckt, ist weniger sein theologischer Disput mit Rom. Aber was war das für ein mutiger Mann! Legt sich mit dem Papst an. Riskiert sein Leben. Hätte Luther Nachrichten-gefastet?

Heute müsste einer wie Luther all den Trumps und Erdoðans und Le Pens und Petrys die Leviten lesen. Vor unseren Augen läuft der breitgefächerte Generalangriff auf die liberale Demokratie, und wir sollen lieber Fußball gucken? Ne, ne, ne, Freunde, Fasten ist auch keine Lösung.

So schön die Verschnaufpause war, jetzt lass ’ ich’s auch wieder. Und was war die erste Nachricht? Wilders ist gestoppt. Na also, geht doch. 

Günther Wilhelm

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