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Kammerstein: Wer oder was ist eine "Silphie"?

Familie Volkert baut für Biogasanlage neue Pflanze als Mais-Alternative an - 31.07.2018 05:58 Uhr

Moni und Kurt Volkert, hier mit Sohn Johannes, gehen neue Wege: 2017 haben sie die „Silphie“ erstmals angebaut, heuer ist deren Blütenpracht neben dem Kammersteiner Kreisverkehr zum ersten Mal zu bewundern. Die Pflanze hat gegenüber dem Mais viele Vorteile: ökologische und auch wirtschaftliche. © Foto: Günther Wilhelm


Für diesen unübersehbaren Farbtupfer inmitten der vielen Maisfelder sorgt eine Pflanze, die Kurt Volkert und seine Frau Moni erstmals in der Region angepflanzt haben: Die "Durchwachsene Silphie" sorgt für große Aufmerksamkeit.

"Wir wollten, dass man sie sieht", erzählt Moni Volkert. Deshalb haben sie einen markanten Standort gewählt. Direkt an der vielbefahrenen Bundesstraße 466 neben dem Kammersteiner Kreisverkehr. "Wir sind schon oft gefragt worden, was das denn für eine Pflanze ist."

Energie aus Biomasse seit 2006

Die Silphie ist eine mögliche Alternative zum Mais. Volkerts bauen sie als Energiepflanze für ihre Biogasanlage auf der gegenüber liegenden Seite des Kreisels an. Seit 2006 produzieren sie hier Strom und Wärme. Den Strom speisen sie ins Netz. Rechnerisch reicht er für rund 1000 Haushalte. Die Wärme wird ins nahe Schattenhof geleitet und versorgt dort einige Häuser und eine Anlage zur Tabaktrocknung. Energie aus Biomasse gilt als Beitrag zur Energiewende.

Die Biogasanlage läuft mit einem Mix aus Einsatzstoffen: Mist von Rindern, Schweinen und Schafen, Rindergülle, Grünroggen, Gras, Getreide, Hirse, Sonnenblumen und dem in der Landschaft allgegenwärtigen Mais.

Mais: Hoher Ertrag

Der Maisanbau hat mittlerweile viele Kritiker, die eine "Vermaisung" der Landschaft beklagen. Volkerts sehen das ausdrücklich nicht so. "Ich weiß, dass viele das so wahrnehmen", sagt Moni Volkert. "Aber bundesweit liegt die Anbaufläche heute in etwa auf dem Niveau wie Ende der achtziger Jahre." Der größte Teil lande nach wie vor in den Trögen der Tiere.

Weniger als ein Drittel werde für Biogas verwendet. Dafür aber sei der Mais ideal, weil er pro Hektar so viel Biomasse erzeuge wie kaum eine andere Pflanze. Zudem brauche er nur wenig Wasser und Pflanzenschutzmittel. "Mais ist die ideale Pflanze im Zeitalter des Klimawandels", betonen Volkerts.

Dennoch testen sie nun eine Alternative. "Wir probieren gerne Neues", sagt Moni Volkert. Schon seit Jahren bauen sie zum Beispiel Blühstreifen entlang ihrer Felder an. Ein Paradies für Insekten. "Da brummt es richtig", berichtet Kurt Volkert.

Gerade für Bienen ist auch die Silphie ein zusätzliches Angebot. Schon weil sie lange blüht: von Juni bis September. "Sonst gibt es im Sommer auf den Feldern ja nicht mehr viel für Bienen", sagt Moni Volkert. Die Silphie könnte sich als Pflanze erweisen, die ökologischen Nutzen mit wirtschaftlichen Vorteilen vereint. Das ist zumindest die Hoffnung der Volkerts und anderer Betreiber von Biogasanlagen.

Keimfähigkeit erhöht

Bisher ist der großflächige Anbau dieser aus Nordamerika stammenden Pflanze gescheitert. Grund: Geringe Keimfähigkeit bedeutete geringe Wirtschaftlichkeit. Das aber hat sich geändert.

Im Landkreis Sigmaringen nahe des Bodensees haben sich landwirtschaftliche Betriebe zur "Energiepark Hahnennest GmbH" zusammengeschlossen, geforscht, eine geeignete Aussaattechnik entwickelt, die Keimfähigkeit erhöht und die Pflanze unter dem Namen "Donau Silphie" bundesweit vermarktet — und damit auch das Interesse des Ehepaars Volkert geweckt.

2017 haben sie die Silphie zum ersten Mal von der Spezialfirma aussäen lassen. Auf zwei Flächen mit insgesamt 1,5 Hektar. Aufgefallen ist das im vergangenen Jahr noch nicht, da die Silphie erst im zweiten Jahr blüht. Heuer haben Volkerts nachgelegt, sodass nun auf drei Feldern fünf Hektar mit der Silphie bepflanzt sind.

Die erste Bilanz fällt noch durchwachsen aus. "Heuer sind wir mit dem Ertrag noch nicht so zufrieden", erklärt Moni Volkert. "Aber wir sind optimistisch. Sonst hätten wir ja nicht auf fünf Hektar erweitert", ergänzt Kurt Volkert. Eine echte Bilanz könne man aber erst nach vier Jahren ziehen.

Viele Vorteile

Bis dahin, glaubt das Ehepaar, werden sich die Vorteile erst noch richtig zeigen:

— Die Silphie ist eine Dauerkultur. "Man säht sie einmal an und kann 15 Jahre ernten", erklärt Kurt Volkert. Der Aufwand ist also geringer als beim Mais. Zudem werde nachhaltig Humus aufgebaut und so Kohlendioxid aus der Luft in den Boden verlagert. Ein Beitrag zum Klimaschutz.

— Die permanente Bodenbedeckung bedeute besseren Erosionsschutz.

— Wetterextreme wie Starkregen oder Trockenheit würde von der Silphie vergleichsweise gut vertragen. Selbst bei starkem Hagel werde die zwei Meter im Boden verwurzelte Pflanze nicht zerstört, sondern wachse ohne Neuansaat wieder nach.

— Weniger Arbeiten auf dem Acker sparten Zeit und Geld etwa für den Diesel der Traktoren.

— Düngung sei auch organisch möglich. Es müsse also kein teurer Mineraldünger gekauft werden.

Weniger Pflanzenschutz

— Die Silphie sei "konkurrenzstark gegen Unkraut". Deshalb sei weniger Pflanzenschutz erforderlich.

— Da die Wurzeln Nährstoffe auch im Winter speichern, gelange weniger Nitrat ins Grundwasser.

— Und nicht zuletzt verspricht die Energiepark Hahnennest GmBH "stabile und hohe Erträge, oft auf Silomaisniveau".

Tritt all das ein, dürfte die Silphie im Raum Kammerstein ihre Blütenpracht in Zukunft noch auf vielen Feldern entfalten. Das Ehepaar Volkert ist jedenfalls voller Zuversicht.

Für den Moment aber haben sie einen Wunsch, der in der Gegenwart wohl bei allen Landwirten sehr dringend ist: eine Woche schönen gleichmäßigen Landregen. 

GÜNTHER WILHELM

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