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Mehr als nur ein Ritual

Vortrag über Kultur des Erinnerns an NS-Herrschaft - 04.04.2011 09:25 Uhr

Dr. Alexander Schmidt sprach auf Einladen der Bürgerstiftung.

Dr. Alexander Schmidt sprach auf Einladen der Bürgerstiftung. © oh


SCHWABACH – Einleitend wies Stiftungs-Vorstandsmitglied Sven Heublein auf den kommunalen und regionalen Bezug von Erinnerungskultur hin: „Nicht weit von hier, in Hersbruck, wurde bis vor wenigen Jahren noch erbittert über die Erinnerung an das ehemalige KZ-Außenlager debattiert. Dass heute engagiert über das ‚Wie‘ und nicht mehr über das ‚Ob‘ gesprochen wird, ist ein echter Fortschritt.“

Alexander Schmidt baute den Verein „Geschichte für alle“ in Nürnberg mit auf, leitete die pädagogische Abteilung an der Gedenkstätte Flossenbürg und ist seit 2009 am Dokumentationszentrum Nürnberg als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.

Zum Spannungsfeld der beiden Orte erklärte Schmidt: „Gedenkstätten sind immer auch Friedhöfe, sind immer Orte, an denen getrauert wird: Von den Überlebenden, von deren Angehörigen und anderen Menschen. Das erfordert ein anderes Arbeiten als an einem Dokumentationszentrum, wo die Täter mehr im Mittelpunkt stehen.“

Keine leeren Phrasen

Das „nahende Ende der Zeitzeugenschaft“ bedeute einen Bruch in der Arbeit an Gedenkstätten: „In nicht allzu ferner Zukunft wird es niemanden mehr geben, der aus eigener Anschauung über den Nationalsozialismus berichten kann. Der Wandel vom kommunikativen Gedächtnis der Zeitzeugen zum kulturellen Gedächtnis nachfolgender Generationen ist längst im Gange“, so Alexander Schmidt.

Schmidt unterstützt die Forderung von Professor Knigge nach einer Abkehr von eingeübten Erinnerungsphrasen: „Jüngere Generationen können sich nicht an etwas erinnern, was sie nicht erlebt haben: Sie haben das Recht, erst historische Fakten und Zusammenhänge zu verstehen.“

Leitbild der Neukonzeptionen von Gedenkstätten, etwa in Buchenwald, Sachsenhausen, aber auch in Flossenbürg, sei deshalb nicht die Forderung gewesen, sich erinnern zu müssen oder zu sollen. Wichtig sei vielmehr, erfahrungsorientiertes und forschendes Lernen zu möglichen. Dies sei die Herausforderung für künftige Museumsarbeit. Den Vortrag schloss Schmidt mit – wie er selbst sagte – zugespitzten Thesen:

Drei Thesen

Erstens: „Unsere Erinnerungskultur wird und muss sich ändern, wenn die Zeitzeugen fehlen. Wir müssen uns ernsthaft und ohne Vorbehalt fragen, welche Erinnerungsrituale, welche Form von Gedenkveranstaltung wirklich funktioniert und Gültigkeit beanspruchen darf.“

Zweitens: „Die Forderung ‚Nicht zu vergessen‘ darf nicht zur abstrakten Formel verkümmern. Sie ist in formelhafte Erstarrung an die junge Generation gerichtet wirkungs- und sinnlos.“

Drittens: „Gedenkkultur ist nie unpolitisch und nie unparteiisch. Die Gedenkkultur der Zukunft muss deutlich Partei ergreifen für Menschenrechte und für Toleranz. Glaubwürdig ist dies aber nur dann, wenn auch außerhalb der Gedenkveranstaltung dieses Anliegen vertreten wird.“

In der Diskussion forderte eine Schülerin die gründliche Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen. Ohne inhaltliche Vertiefung habe sie wenig vom Besuch gehabt, obwohl sie am Thema sehr interessiert sei. Der ehemalige Geschichtslehrer und Konrektor der Schwabacher Realschule, Eugen Schöler, berichtete von seinen eigenen Besuchen in Flossenbürg: „Der Besuch in der Gedenkstätte hat in der Schule begonnen: Mit einer intensiven Vorbereitung.“

  

st

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