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Mit Zange und Bohrer weltweit im Einsatz

Dr. Rudolf Meierhöfer engagiert sich in der Organisation „Zahnärzte ohne Grenzen“, zuletzt im indisch-nepalesischen Grenzgebiet - 24.12.2010 08:57 Uhr

Dr. Rudolf Meierhöfer und seine Kollegin Dr. Steffi Kijowsky halfen zuletzt Kindern aus Tibet im indisch-nepalesischen Grenzgebiet.

Dr. Rudolf Meierhöfer und seine Kollegin Dr. Steffi Kijowsky halfen zuletzt Kindern aus Tibet im indisch-nepalesischen Grenzgebiet. © oh


Vor fünf Jahren hat der Kieferorthopäde Claus Macher aus Nürnberg die Organisation „Zahnärzte ohne Grenzen“ gegründet. Diese Stiftung mit derzeit mehr als 600 aktiven Mitgliedern hat bisher über 20 mobile und feste Zahnarztstationen in sechs Ländern eingerichtet; finanziert wurde dies meist aus Altgoldspenden aus hiesigen Zahnarztpraxen.

Schulbildung verwehrt

Solche Hilfe war auch nötig im tibetischen Kinderdorf in Suja in Nordindien. Hier leben 1500 Kinder aus Tibet, denen die chinesische Regierung eine Schulbildung verwehrt. Ihre Eltern, selbst mittellos und bettelarm, schicken ihre Kinder oft auf widrigen und eisigen Wegen über den Himalaya bis nach Indien, damit sie dort in die Schule gehen und einen Beruf erlernen können, von dem sie später auch leben können. „Das Children Village ist eine Oase für die Kinder, aber drum herum ist nichts“, sagt Rudolf Meierhöfer, der im Oktober seinen „Urlaub“ dort verbracht hat.

Schon seit 20 Jahren leistet Meierhöfer in seiner freien Zeit immer wieder zahnärztlichen Not-Dienst: In Brasilien und Ecuador, zuletzt in Nepal hat er unter für Europa völlig ungewohnten Bedingungen mit Zange und Bohrer gearbeitet und etliche Schmerzen gelindert — mit Notaggregat und Stirnlampe, mit einfachsten Instrumenten und vielen Provisorien.

Kleine Operationen im Childrens Village

Von der Organisation „Zahnärzte ohne Grenzen“, bei der er Mitglied ist, wusste Meierhöfer von der Kranken- und Zahnstation im Childrens Village im indischen Suja. „Dort wollte ich einmal arbeiten, nachdem ich vor 18 Jahren im Tibetian Medical Institut in Dharamsala hospitiert habe und von dieser Medizin und den Menschen sehr begeistert war“, erklärt der Zahnmediziner seine Sehnsucht nach dieser Region.

Vorgefunden hat er dort — anders als in Nepal oder anderen Drittweltländern — ein ziemlich neues, modern ausgestattetes Krankenhaus, einen ordentlichen Behandlungsstuhl und die gut ausgebildete tibetische Zahnärztin Sonam Chedon, die viele kleinere Operationen allein machen kann.

Die komplizierteren Eingriffe haben dann er und seine deutsche Kollegin Dr. Steffi Kijowsky übernommen. Auch einfacher Zahnersatz wurde angefertigt. Einem jungen Mädchen musste er einen Zahn ziehen. Direkt danach wurde der Zahn mit einer Prothese ersetzt — und sie sah aus wie immer — sie traute sich zu lachen und bedankte sich überschwänglich.

Tief beeindruckt

In technischer Hinsicht war der Besuch in der tibetischen Exklave für die Gäste aus Europa — abgesehen von den häufigen Stromausfällen — also gar nicht so überraschend. Zutiefst beeindruckt hat ihn dagegen, erzählt der Rother Zahnarzt immer noch mit Staunen, die unglaubliche Freude, Dankbarkeit und Disziplin der Kinder: „Morgens um halb sechs stehen sie auf, waschen sich singend draußen mit eiskaltem Wasser, haben dann einen Schultag bis um 21 Uhr, machen dann in jeder freien Minute am Wochenende noch Sport — und singen und strahlen dann immer noch.“ Für einen Jungen hat Meierhöfer gleich eine Patenschaft übernommen.

Die Kinder wissen, so glaubt Meierhöfer, wie schwer ihren Eltern die Entscheidung fällt, sie auf die gefahrvolle Wanderung über den Himalaya bis nach Indien zu schicken, damit sie dort Bildung und Ausbildung bekommen. Und damit sie auf diese Weise ihre Religion und ihre nationale Identität als Tibeter bewahren.

Kekse statt Äpfel

Eines allerdings bewahren sie nicht, schmunzelt der Zahnarzt: „Ihre guten Zähne.“ Was es in Tibet nicht gibt an Süßem und Pappigem, das haben die jungen Leute in der Schule im SOS-Kinderdorf an ihrem Schul-Kiosk täglich vor Augen. Und sparen ihr gesamtes Taschengeld lieber für die zuckrigen Kekse als für die Äpfel, die daneben liegen — „und liegenbleiben“, wie Meierhöfer täglich festgestellt hat.

Die drei Wochen in Indien fand er aber nicht nur deshalb gut und wichtig: Er hat den ganzen Tag die Kinder und Jugendlichen behandelt, Zähne gezogen und Füllungen eingesetzt. Und überhaupt keinen Bürokram erledigen, keinen Krach mit Krankenkassen ausfechten, keine Formulare ausfüllen, keine Fristen einhalten müssen. Stattdessen hatte er stets freundliche Kinder um sich, die sich selbst dann bedankt haben, wenn die Backe noch ordentlich geschmerzt hat.

Informationen zur Stiftung „Zahnärzte ohne Grenzen“ und zu ihren aktuellen Projekten unter www.dentists-without-limits.org 

CAROLA SCHERBEL

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