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Selbsthilfebörse in Roth: Barrieren gemeinsam überwinden

17. Auflage dieser Landkreisveranstaltung zeigte auf Chancen und Probleme auf - 03.06.2014 15:50 Uhr

"Gut atmen bringt mehr Energie." Die Lungensportgruppe zeigte bei der Selbsthilfebörse, wie ein Sauerstoffgerät funktioniert.Foto: Leykamm © NN


Der Startschuss fiel im Inneren der Kirche bei einem Inklusionsgottesdienst, der von den Teilnehmern viel Lob erntete. Eine Veranstaltung, über deren Etablierung er sich freuen würde, wie Kammersteins Bürgermeister und Stellvertretender Landrat Walter Schnell als Vertreter des Bezirkstags in einem Grußwort zu verstehen gab. In einer gemeinsamen Predigt spielten sich Pfarrer Joachim Klenk und seine baldige Kollegin Felizitas Böcher die Bälle zu. Die Bayreutherin ist eine von lediglich zwei gehörlosen Studentinnen der evangelischen Theologie in ganz Deutschland und könnte in bald zur ersten Pfarrerin Bayerns mit einem solchen Handicap werden.

Frei heraus thematisierte sie, wie dieses die Kommunikation in ihrem Alltag erschwert. „Wir sollten uns füreinander öffnen, uns verstehen und kennen lernen wollen“, betonte Böcher in ihrer Predigt. Dann könne Gott selbst die Menschen in ihrer Verschiedenheit zu einem solch großen bunten Blumenstrauß zusammenbinden, wie er auch im Kirchenschiff symbolhaft zu sehen war.

Wie gegenseitige Bereicherung ganz praktisch aussehen kann, deutete ein Anspiel mit Roths Bürgermeister Ralph Edelhäußer an, dem unter anderem eine Rollstuhlfahrerin ihre Probleme mit dem Kopfsteinpflaster klagte. Dabei wurde deutlich: Der Weg zur Inklusion ist hierzulande zwar eingeschlagen, aber noch lang.

Böcher sieht ihr eigenes Handicap sie als Chance, als eine Herausforderung des Schöpfers, der ihr dadurch vieles zutraue und ihr Erfahrungen ermögliche, die ihr sonst verwehrt geblieben wären. Zu einer solchen Einstellung gelangt man freilich oft erst nach innerem Kampf, wie dann bei den Gesprächen nach dem Gottesdienst zu vernehmen war. Viele drohten erst einmal an sich zu verzweifeln, wenn sie sich mit schwerer Krankheit, einem Handicap oder anderen Schicksalsschlägen auseinandersetzen müssten. Doch gerade in dieser Lage bieten Selbsthilfegruppen eine passende Anlaufstelle. Denn mit dem Schritt aus der Isolation sei schon viel gewonnen.

Das weiß auch Martin Stafflinger, der mit seinen Mitstreitern die Werbetrommel für den „Acne inversa“-Tag (Samstag, 21. Juni, Beginn 13 Uhr) in der Kreisklinik Roth rührte. Bei dieser seltenen Krankheit, die mit Akne nichts zu tun hat, können Entzündungen der Talgdrüse zu schlimmen Abszessen führen. Die Betroffenen haben zugleich mit größter psychologischer Belastung zu kämpfen. Auch nach einer Operation sind die körperlichen Beeinträchtigungen enorm, was von Außenstehenden aber oft nicht erkannt werde, so Stafflinger. Die von ihm gegründete Roth-Schwabacher Selbsthilfegruppe hat großen Zulauf, am Infotag in wenigen Wochen soll die Bevölkerung sensibilisiert werden, eingeladen ist jeder, zur Sprache kommen auch allgemeine Gesundheitsthemen.

„Gut atmen bringt mehr Lebensenergie“, so heißt eine weitere junge Gruppe, die erstmals an der Börse vertreten war und die Funktionsweise eines Sauerstoffgeräts demonstrierte. Es sei zwar (je nach Krankheitsbild) für diejenigen, die auf ein solches angewiesen sind, nicht zwingend nötig, es rund um die Uhr zu nutzen, erklärte Jürgen Wittmann, Leiter einer Nürnberger Selbsthilfegruppe. Andere wiederum dürften sich keine Pause erlauben, „sonst droht der Herzinfarkt“, betonte Klaus Streng, der eine solche Gruppe nun in Roth eröffnet hat.

Ihren Einstand an der Börse feierte auch der „Treffpunkt Vegan“. Mit helfendem Ansatz: Denn viele der Erkrankungen lassen sich durch eine entsprechend vegane Ernährung in den Griff bekommen, zeigte sich Ansprechpartnerin Daniela Zibi aus Hilpoltstein überzeugt. Dass eine Umstellung der Essgewohnheiten auch schmackhaft sein kann, bewiesen die aufgetischten veganen „Zwiebelmett“-Brote und „Käsekuchen“-Stücke, die ohne Fleisch und Milchprodukte auskamen. Ein Angelspiel zog am Stand das Interesse der Kinder auf sich, Karten mit Sinnsprüche regten alle zum Nachdenken an.

„Ebenso auf der helfenden Seite sieht sich die Kontakt- und Helferbörse „Gebraucht werden“ der Diakonie Roth-Schwabach, die der Börse seit Beginn die Treue hält und im Herbst 20-jähriges Bestehen feiern kann.

An zahlreichen weiteren Ständen fanden sich gute Bekannte unter den Teilnehmern wider: Eine Runde Scheibenmikado konnte am Tisch des Blinden- und Sehbehindertenbundes gespielt werden.

Das Blaue Kreuz lud zum Häuschen bauen mit Rauschbrille ein. Und beim spiegelverkehrten Malen entdeckte so mancher Besucher, wie schwer es ist, wenn man als Autist die Welt neu zu deuten gefordert ist. 

JÜRGEN LEYKAMM

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