Die letzte Botschaft aus Wolfram Bergers Rechner stammt vom 21. Mai. Auf 15,8 Grad mühte sich die Quecksilbersäule an jenem Tag in der Stadt. In der Nacht zuvor war sie auf 10,0 Grad gefallen. Ausnahmsweise hatte es 24 Stunden lang einmal nicht geregnet in diesem nassen Monat, in dem alleine am 12. Mai 25,8 Liter Regen auf den Quadratmeter gefallen waren.
Einen Tag später fand sich Berger, 83, nicht in seinem Schrebergarten beim Messen der Niederschlagsmenge wieder, sondern nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Ein paar Tage Klinik und drei Wochen Reha später war der rüstige Rentner zwar wieder zu Hause. Doch sein bis dato nie abgerissener Datenstrom in Sachen Temperatur und Niederschlag war erstmals seit 1986 unterbrochen. Keine Chance mehr, monatliche oder jährliche Durchschnittstemperaturen oder monatliche Niederschlagsmengen zu errechnen. „Da war es an der Zeit aufzuhören“, sagt Berger. „Ich hätte einfach keine exakten Vergleichswerte mehr liefern können.“
Der gelernte Elektro-Mechaniker hat sich schon immer für das Wetter interessiert. Schon als Kind hat er mit seinen beiden Geschwistern und drei Kindern aus der Nachbarschaft fasziniert den Temperaturmesser studiert, der an dem Wohnhaus seiner Eltern nördlich von Dresden aufgehängt war. „Zu meiner Zeit war ein Thermometer keine Massenware, sondern ein Ereignis“, erzählt der 83-Jährige.
1947 kam Berger nach Schwabach. Schon damals war eines der Hauptgesprächsthemen im Haus, in der Nachbarschaft, mit Bekannten: das Wetter. Dass früher die Sommer wärmer und die Winter kälter waren, haben ihm die Leute erzählt. Und dass es früher mehr (die anderen sagten auch: weniger) geregnet habe. Berger hörte sich das alles an und fasste einen Beschluss: Er wollte diese Behauptungen überprüfen.
Er studierte Bücher über Meteorologie und suchte die für ihn passenden Messgeräte. Richtig glücklich wurde er aber erst in den 1980-er Jahren, als die ersten digitalen Thermometer auf den Markt kamen. Berger kaufte sich ein Spezialgerät für mehr als 1000 D-Mark, das die Temperatur auch noch auf die dritte Stelle hinter dem Komma auswies. In seinem Schrebergarten an der Dreitorbrücke experimentierte er mit Regenmessern, die möglichst exakte Werte liefern sollten und nicht bei jedem Starkregen überliefen.
Der nächste Quantensprung: die Marktreife des Heim-Computers. Dank ihm konnte Berger seine umfangreiche Datensammlung in Tabellen und Kurven übertragen. 25 Jahre später weiß man: Es wird tendenziell wärmer in der Stadt. Zwischen 1989 und 2000 gab es in Schwabach noch fünf Jahre mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von unter zehn Grad. Die „Mini-Eiszeit“ von 1996 mit einer Durchschnittstemperatur von exakt 8,363 Grad kam sogar wieder an die Durchschnittswerte der 1950-er Jahre (8,0 bis 8,5 Grad) heran.
In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends lag der Durchschnittswert jedoch konstant bei über zehn Grad. 2007 registrierte Berger mit einem Mittel von 11,371 Grad das wärmste Jahr in Schwabach seit Beginn seiner Wetteraufzeichnungen. „Der Vektor ist zwar nicht linear, sondern verläuft wellenförmig“, erklärt der Hobby-Meteorologe. „Der Trend ist jedoch eindeutig. Der Pfeil zeigt nach oben. Das kann man schon nach einem Vierteljahrhundert sagen, obwohl die Natur normalerweise in viel größeren Zeiträumen denkt.“
Anders als bei den Temperaturen gibt es bei den Niederschlägen keinen eindeutigen Trend. Es hat schon in den 1980-er Jahren extrem trockene Monate gegeben (Januar 1986, 2,0 Liter pro Quadratmeter), aber auch in jüngster Zeit (April 2007, 2,3 Liter pro Quadratmeter). Es hat in den 1990-er Jahren Monate mit außerordentlich viel Regen gegeben (Oktober 1998, 198,5 Liter pro Quadratmeter), aber auch in den vergangenen Jahren (Mai 2007, 158,7 Liter pro Quadratmeter). Ausgesprochen nassen Jahren (2002, 909,9 Liter pro Quadratmeter) folgten nicht selten ausgesprochen trockene Jahre (2003, 453,9 Liter pro Quadratmeter). In den 1980-er und 1990-er Jahren lag der jährliche Schnitt bei knapp unter 700 Liter Niederschlag, in den Jahren nach 2000 etwas darüber. Nassestes Jahr im letzten Vierteljahrhundert war 2007 mit 958,4 Liter Niederschlag auf den Quadratmeter.
Bergers Daten sind nicht verloren. Noch immer sind sie in seinem Rechner gespeichert. Darüber hinaus hat er sie zum Beispiel der Stadt oder dem Bund Naturschutz zur Verfügung gestellt. Es wird in Zukunft allerdings schwer sein, die Fülle an Zahlen richtig einzuordnen. Denn einen Nachfolger hat Wolfram Berger trotz einiger Bemühungen nicht gefunden. „Man muss sehr penibel sein, hartnäckig und muss sich oft auch überwinden, wenn die Lust mal nicht so groß ist“, sagt er.
Ein bisschen ärgert es ihn, dass er ausgerechnet heuer aufhören musste. „Es wäre aufgrund der vielen Extrem-Ereignissen mit dem vielen Schnee, dem langen Winter, dem kalten Frühjahr, dem heißen Juni und Juli sowie dem nassen August sicher mein interessantestes Wetterjahr geworden“, sagt Berger. Doch im Prinzip ist Berger mit sich im Reinen. Seine Regenmesser stehen zwar noch. Doch er schaut nur ab und zu mal drauf, wenn es besonders viel geregnet hat. Seine Thermomenter hat er – bis auf eines – abgehängt. Und doch lässt ihn sein altes Hobby auch im Ruhestand nicht los. Wenn er ins Internet geht, erscheint als erstes die Startseite von „wetter24“. Mehrmals täglich informiert er sich mithilfe des Wetter-Radars, ob größere Regenfälle im Anmarsch sind. Und ist immer wieder verblüfft, wie sich das Wolkenband im Raum Ansbach zu teilen scheint. Dann gießt es im Nürnberger Süden und im Fränkischen Seenland. „Und wir in Schwabach“, schmunzelt Berger, „bekommen dann wieder einmal nur ein paar Tropfen ab“.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
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