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Es gibt Momente, in denen Paul Brechtelsbauer fast schon erschrickt, wenn er von seinem Lieblingsplatz aus den Aktiven zuschaut und darüber sinniert, wie auf einem zugefrorenen Weiher und einer gesperrten Straße alles angefangen hat. Anders ausgedrückt: Wie es die Neumühler vom „Wilden Schießen“ bis zum Europameistertitel gebracht haben. Eine Erfolgsgeschichte, die ganz eng mit dem Namen Paul Brechtelsbauer verbunden ist.
Wenn der 62-Jährige auch als Vorsitzender fungiert, im Grunde ist der Platz des mittlerweile pensionierten Busfahrers am Spielfeldrand. Von dort aus überwacht er das Training oder coacht seine Damen bei Rundenwettkämpfen, Turnieren und Meisterschaften.
Dabei wirkt er eher im Stillen — Handzeichen liegen ihm mehr als laute Worte, Aufhebens um seine Person will er auch nicht machen. Doch ohne Brechtelsbauer würde bei den „Eisstockerern“ wohl kaum etwas laufen, und sie wären sicher auch nicht da, wo sie jetzt stehen. Als kleiner Verein an der deutschen Spitze.
Zwar werden die Fragen im Stil von „Wo seid Ihr denn her?“ auf großen Turnieren immer seltener — mittlerweile ist der knapp 60 Einwohner zählende Büchenbacher Ortsteil in der Szene ein Begriff. „Wir sollen aber immer noch oft erklären, wie wir das machen“, erzählt Brechtelsbauer.
„Das“ — damit sind die vielen Erfolge des Vereins bis auf internationale Ebene gemeint, der zudem in der Bundesliga Süd eine Damenmannschaft am Start hat. So genau kann er das aber gar nicht sagen, denn den Großteil seines Fachwissens und die taktischen Tricks hat sich der Neumühler in den vergangenen fast 30 Jahren selbst erarbeitet. Wobei er ausdrücklich betont, dass ein guter Stockschütze nur Konzentrationsfähigkeit, Interesse und einen gewissen Ehrgeiz benötigt.
Großen Anteil am Erfolg hat aber wohl, dass die Eisstockschützengilde (EG) ausschließlich auf Eigengewächse setzt. Was im Falle von Aushängeschild Doris Schubert hervorragend funktionierte: Mit zehn Jahren nahm die heute 23-Jährige erstmals einen Stock in die Hand, jüngster Erfolg ist der Vizeeuropameistertitel im vergangenen Jahr.
„Wenn ich mir überlege, dass andere Vereine ihren Athletinnen für eine Saison zum Beispiel ein Auto geben und Geld bezahlen...“ — Brechtelsbauer mag den Satz gar nicht weiter sprechen. Wohl aber betonen, dass „gekaufte“ Sportler ja zwangsläufig keine enge Bindung an den Verein haben können — ganz im Gegenteil zu „seinen“ Leuten.
In Neumühle wird das Miteinander noch gepflegt — auch nach dem Wettkampf oder dem Training. Und wenn Damenwartin Heike Heider „ihre“ Aktiven mal zum Abstauben der Pokale im Aufenthaltsraum braucht, ist auf die Eisstockschützinnen Verlass. So war es für Brechtelsbauer auch keine Frage, seinen Grund für den Bau einer Sporthalle zur Verfügung zu stellen. Die Mitglieder dankten es ihm mit viel Eigenleistungen, und „immer, wenn wieder Geld da war, haben wir halt weiter gebaut“, beschreibt er den soliden Auf- und Ausbau der Anlage, die mittlerweile überdacht ist, drei Bahnen und ein Gebäude — hervorgegangen aus dem ehemaligen Hühnerstall — umfasst.
Ideale Rahmenbedingungen also für Brechtelsbauers Talentschmiede. „Flach spielen und hoch gewinnen“, meint er etwas flapsig auf die Frage nach dem Erfolgsrezept. Zum einen sei die große Harmonie im Team ein Faktor, zum anderen wendet der 62-Jährige nicht die gängigsten, aber wirksame Trainingsmethoden an. So komme es schon mal vor, dass sich eine Spielerin mit einem Besenstiel am Arm beweisen müsse.
Im Turnier dann die richtigen taktischen Anweisungen zu geben, habe natürlich auch viel mit Erfahrung zu tun. Per Handzeichen — auf Eis geht es wegen der Trennung durch die Plexiglasscheibe ohnehin nicht anders — gibt Brechtelsbauer der Bundesligamannschaft Anweisungen – und seine Schützlinge sind erfahren genug, um die Vorgaben des Trainers umzusetzen.
Dass Franken im Vergleich zu anderen bayerischen Regionen oder gar Österreich in Sachen Eisstock ein trostloses Dasein fristet, wurmt ihn höchstens, wenn herablassende Sprüche kommen. „Meist verstummen diese aber, wenn wir unsere Leistung gebracht haben“, erklärt der Neumühlener selbstbewusst und ergänzt, dass er sich bisweilen Konter wie „für Breitensportler nicht schlecht, oder?“ nicht verkneifen könne.
An einzelne Erfolgserlebnisse kann oder will sich der Trainer und Vorsitzende gar nicht erinnern. Er fasst die Antwort auf die Frage nach dem schönsten Moment anders zusammen: „Die beste Entscheidung war, diesen Verein zu gründen.“
Keine Frage, Paul Brechtelsbauer und Eisstockschießen, das ist wie Topf und Deckel, wie Brot und Butter. Da passt es gut, dass die Sportart nach Meinung des 62-Jährigen „was bis ins hohe Alter ist“. Dieser Umstand garantiert nämlich, dass „Mister Eisstock“ der Neumühler EG noch lange erhalten bleibt.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.