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„Stimmung zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft beginnt zu kippen“

Professor Tarek Badawia: Wenn es tatsächlich zu einem tiefen Vertrauensbruch kommt, hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht — Wissenschaftler sieht Defizite im Dialog über den Islam - 25.07.2016 17:00 Uhr

Professor Tarek Badawia unterrichtet an der Universität Erlangen-Nürnberg islamische Religionslehre. © Günter Distler


Herr Professor Badawia, der Islam wird immer wieder im Zusammenhang mit den abscheulichsten Gewalttaten gebracht. Das tun die Täter selbst ganz bewusst, indem sie sagen, der Terror geschehe im Namen ihrer Religion. Gleichzeitig wachsen damit aber auch Angst und tiefe Vorbehalte gegen den Islam. Welche Auswirkungen hat das auf unsere Gesellschaft?

Tarek Badawia: Jeder Moslem, der sich eingehend mit seiner Religion auseinandersetzt, der weiß, dass solche Gewalt mit dem Islam nicht zu vereinbaren ist. Dazu muss man gar nicht einmal groß theologisch ausgebildet sein. Das ist die menschliche Grundhaltung der ganz großen Mehrheit der Gläubigen. Was da angeblich im Namen Gottes an Gewalt und Hass verbreitet wird, diese extreme Politisierung der Religion, dagegen muss sich jeder Gläubige auflehnen. Die Muslime sind ja übrigens selbst Opfer einer solchen Entwicklung. Die Stimmung zwischen den Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft beginnt zu kippen, und ich wünsche mir nicht, dass es zu einem tiefen Vertrauensbruch kommt. Wenn diese Attentäter und Terroristen ein Ziel haben, dann ist es genau das.

Warum wird diese humane Grundhaltung der Muslime aus Ihrer Sicht so wenig wahrnehmbar mit dem Islam in Verbindung gebracht?

Badawia: Diese monströsen Verbrechen mit vielen Toten überschatten und übertönen mit ihrem brutalen Lärm alles. Da ist kaum Platz für das korrigierende Wort, für die leise Stimme der Vernunft. Hinzu kommt, dass die Kommunikationswege zwischen muslimischen Gruppen einerseits und Politik, Verwaltung oder Ehrenamt andererseits noch nicht so ausgebaut sind, dass in solchen angespannten Situationen schnell Brücken des Friedens geschlagen werden.

Auf welcher der beiden Seiten sehen Sie Handlungsbedarf?

Badawia: Man muss dazu erst einmal eine gewisse Asymmetrie feststellen. Auf muslimischer Seite gibt es sehr wenige Menschen, die hauptberuflich damit beschäftigt sind, den öffentlichen Islamdiskurs dialogisch professionell zu gestalten. Die meisten machen das ehrenamtlich. Das ist ein riesengroßes Defizit. Es gibt grundsätzlich zu wenig offene Begegnungsmöglichkeiten, um zum Beispiel aufkommende Ängste anzusprechen, für die ich angesichts der schweren Verbrechen großes Verständnis habe, auch für die Skepsis gegenüber Muslimen, die dadurch entstanden ist. Der Faktor Vertrauen spielt da eine zentrale Rolle. Das muss trotz aller schon bestehender Bemühungen weiterentwickelt werden. Dazu fehlen auf der muslimischen Seite aber noch Kapazitäten, Kompetenz und Personal.

Muslime leben schon seit Jahrzehnten hier im Land. Wie konnte es zu diesem Defizit kommen?

Badawia: Die zu bewältigenden Aufgaben sind inzwischen komplexer. Ressentiments gegen Muslime haben in Deutschland deutlich zugenommen, obwohl es inzwischen sehr viele engagierte Muslime und Musliminnen gibt. Bei der jüngeren Generation hat sich eine gewisse Frustration breitgemacht. Die Islam-Debatte ist sehr mühsam. Die jüngere muslimische Generation geht ihren eigenen Weg. Sie hat wenig Interesse an Verbandspolitik. Sie bildet ihre eigenen Netzwerke, trifft sich an der Universität, es entstehen Hochschulgruppen, und sie will soziale Projekte realisieren.

Radikalisierte Muslime stammen wohl eher aus sozial schwachen Milieus. Das sind meist junge Männer ohne Bildung, ohne große Chancen etwa auf dem Arbeitsmarkt. Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen?

Badawia: Das sind nicht nur Angehörige der unteren sozialen Schichten. Das gehört mit zu den Problemen, dass sich sogenannte Gebildete ideologisch radikalisieren. Die sagen dann nicht: Ich bin ein Opfer sozialer Ungerechtigkeit. Die geben sich dann als große Verteidiger oder sogar als Fanatiker der Gerechtigkeit aus. Da gibt es ganz verschiedene Faktoren, die analysiert werden müssen. Die virtuelle Medienwelt ist zum Beispiel ein zentraler Faktor, aber auch die generell zurückgehende Empathie. Die schauen sich internationale TV-Programme oder YouTube-Kanäle an, über die bestimmte Ideologien und Sichtweisen eindrücklich transportiert und nachhaltig vermittelt werden. Oft werden Konfliktthemen der internationalen Politik ganz unreflektiert auf unseren Alltag übertragen — mit katastrophalen Folgen.

Dagegen ist man ziemlich machtlos.

Badawia: Wir müssen junge Leute über die Gefahren im Internet aufklären und sie sensibilisieren für bestimmte Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Selbst Studenten bekommen über Facebook oder WhatsApp Mitteilungen und fragen sich dann: Wie soll ich das verstehen? Da teilt zum Beispiel jemand die Nachricht von einem blutigen Terroranschlag. Dann wird kritisiert, dass das sofort mit dem Islam in Verbindung gebracht wird. Der Dritte antwortet: Das ist typisch westlich. Der Nächste meint dann, der Westen ist uns eben feindlich gesonnen, der braucht sich nicht wundern. Schnell werden dann Afghanistan oder Irak ins Spiel gebracht, es werden Fotos muslimischer Opfer ausgetauscht. Das steigert sich immer weiter bis zu einer regelrechten Kampfrhetorik. Schließlich heißt es: Wenn sie uns angreifen, müssen wir zurückschlagen. Wir haben nicht angefangen, heißt es. Da kommt am Ende sehr schnell eine Gewaltspirale in Schwung. Die zu stoppen, gehört mit zu unserem Bildungsauftrag. Wir verweisen dann etwa auf Koranverse, die Terrorgewalt untersagen.

So was haben wir schon in unseren Uni-Seminaren an ganz praktischen Beispielen behandelt. Es ist sehr wichtig, zu wissen, ab wann driftet ein junger Mensch in eine radikale Szene und verinnerlicht deren Mechanismen, bis er überhaupt nicht mehr erreichbar ist. Das läuft sehr subtil ab.

Ist das alles ein Diskussionsthema innerhalb der muslimischen Verbände und Gruppen?

Badawia: Das ist es schon. In den meisten Städten treffen sich Imame, um ihre Arbeit zu koordinieren. In der Öffentlichkeit entsteht manchmal der Eindruck, als würde innerhalb solcher Gruppen mit großer Selbstverständlichkeit eine Debatte über Gewalt ja oder nein geführt. Das ist natürlich absolut nicht der Fall. Die Gewalttäter sind einzelne Personen, die auch innerhalb einer Gemeinde oder eines Verbandes ganz schwer zu identifizieren sind. Die schirmen sich ab und leben in einer eigenen Welt. Da hilft es nicht mehr, an den guten Willen zu appellieren. Auch Imame sind in solchen Situationen machtlos, sie werden sogar oft selbst attackiert von Radikalen.

Beim Schutz gegen Radikalisierung werden Bildung und Schule eine große Bedeutung zugeschrieben. Was ist da zu tun?

Badawia: Das A und O ist eine positive Beziehung zur Religion. Die muss aufgebaut werden und zwar ab der Grundschule. Und positiv heißt nicht: Gott ist barmherzig und das Problem ist gelöst. Junge Muslime müssen merken, dass sie auch in dieser Gesellschaft mit einer positiven Glaubensidentität groß werden können. Dazu kann der islamische Religionsunterricht an den Schulen einen enormen Beitrag leisten, natürlich in Deutsch. Das muss unbedingt ausgebaut werden. Die Schüler müssen dabei erfahren, dass sie sich in einem pädagogisch geschützten Raum für oder gegen die Religion aussprechen können, dass sie die Freiheit dazu haben. In der islamischen Theologie ist das eine Selbstverständlichkeit. Gott will keine Sklaven, sondern freie Menschen, die sich für ihn entscheiden.

Ideologisch radikalisierte Muslime haben keine positive Einstellung zu ihrer Religion. Hinzu kommt: Kinder und Jugendliche halten sich nicht nur in der Schule auf. Das heißt, man muss viel mehr in die Jugendarbeit investieren. Die islamischen Gemeinden und Verbände haben meist nicht genügend Geld, um Fachpersonal einzustellen. Die brauchen finanzielle und fachliche Unterstützung bei der Bewältigung solcher großer Aufgaben. Das wäre auch ein sehr großer Beitrag zur Gewaltprävention.

  

MICHAEL KASPEROWITSCH

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