Dienstag, 20.11.2018

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50 Jahre Kriegsgräberstätte am Nagelberg

Das allmähliche Schwinden der Zeitzeugen macht das Gedenken um so bedeutsamer - 10.10.2011 07:29 Uhr

Zur Gedenkfeier waren neben den Besuchern zahlreiche Abordnungen von Vereinen und Institutionen gekommen. © Hedwig


In der Summe 2.545 Tote haben hier – aus 472 Gemeinden zusammengeführt – ihren letzten Frieden gefunden, davon auch 42 Opfer des Ersten Weltkrieges. 2.190 Beigesetzte sind namentlich bekannt, 355 Gefallenen konnte kein Name zugeordnet werden. Viele waren Opfer der schweren Bombenangriffe auf Treuchtlingen im Februar und April 1945, bei denen bekanntlich Hunderte von Menschen zu Tode kamen. Aber auch Opfer geschichtsträchtiger Schlachtenorte wie zum Beispiel aus Stalingrad haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Nicht nur Soldaten sind hier begraben, sondern auch Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Die Kriegsgräberstätte am Treuchtlinger Nagelberg steht seit 1961 als Zeugnis für ein wachgehaltenes Gedenken an all diejenigen, die einst sinnlos ihr Leben geben mussten.

In den Jahren 1958 und 1959 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Freistaat Bayern und der Stadt Treuchtlingen auf den Weg gebracht, wurde die bayernweit drittgrößte Kriegsgräberstätte am Nagelberg am 10. September 1961 ihrer Bestimmung und der Obhut der Stadt Treuchtlingen übergeben.

Zur Einweihung im Jahr 1961 waren geschätzte 25.000 Menschen gekommen, darunter rund 5.000 Angehörige aus der Bundesrepublik und Österreich. Ebenso vertreten waren zahllose Soldaten- und Reservistenkameradschaften sowie viele weitere Vereine und Institutionen. Ehedem rahmte ein nahezu 1.000 Musiker starker Posaunenchor die Feierlichkeit klanglich ein.

So viele Teilnehmer waren es diesmal freilich nicht. Dennoch wohnten der Feierlichkeit neben den vielen Besuchern zahlreiche Abordnungen von Soldaten- und Reservistenkameradschaften aus der Region, von Vereinen und Institutionen sowie viele Vertreter des öffentlichen Lebens bei. Allen voran Regierungspräsident Dr. Thomas Bauer und Bürgermeister Werner Baum, die neben den Landtagsabgeordneten Christa Naaß und Gerhard Wägemann auch Landrat-Stellvertreter Robert Westphal, Bürgermeister aus der Umgebung sowie Kreis- und Stadträte in ihrem Gefolge hatten.

Geschichte gerät ins Vergessen

Heute weilen viele Familienangehörige der Opfer selbst schon nicht mehr unter den Lebenden, und die Zahl derer, die authentisch über die Geschehnisse damals berichten können, schwindet zusehends. Für jüngere Generationen sind die vergangenen Weltkriege mit ihren unvorstellbaren Ausmaßen und Folgen kaum greifbar und oftmals lediglich papierne Seiten in drögen Geschichtsbüchern.

Umso mehr gilt es, das Gedenken immer wieder neu mit Leben zu erfüllen und wach zu halten, um derartige Völkerschlachten mit Millionen von Toten nie mehr möglich werden zu lassen. Dies war denn auch der Tenor der Ansprachen von Bürgermeister Werner Baum und Regierungspräsident Dr. Thomas Bauer.

Der Treuchtlinger Rathauschef bot nochmals einen kurzen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Stätte, die den einstigen Opfern der Ort ihrer letzte Ruhe ist und heute immer noch vielen Angehörigen Trost spendet.

Die feierliche Kranzniederlegung war begleitet von krachenden Böllerschüssen. © Hedwig


Um das Leid der damals zu Tode gekommenen nochmals zu vergegenwärtigen, las Baum beispielhaft aus einigen damaligen Aufzeichnungen vor. So erzählte er vom Obergefreiten Alois Obermair aus Südtirol, der in den letzten Kriegstagen an der Front im Raum Neuburg an der Donau unweit der Gemeinde Bergen von einem Granatsplitter tödlich getroffen wurde; und von dem 18-jährigen Flakkanonier Rudolf Haas, der aufgrund des längst aussichtslos gewordenen Kampfes Ende April 1945 desertierte und wegen Fahnenflucht zum Tod durch Erhängen verurteilt wurde.

Dr. Thomas Bauer, der auch als Bezirksvorsitzender für Mittelfranken im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge fungiert, betonte in seiner Gedenkrede, dass die jüngere deutsche Geschichte insbesondere durch die beiden Weltkriege geprägt sei. „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“, zitierte er Albert Schweitzer und hob damit gleichzeitig die Bedeutung einer solchen Gedenkstätte in Zeiten hervor, in denen Geschichte zunehmend in Vergessenheit gerate und Kriege wieder in den Bereich des Denkbaren rückten.

Das damalige Leid der Menschen könne durch Worte nicht beschrieben und mit dem Verstand nicht wirklich erfasst werden. Und so mache eine solche Gedenkstätte „Geschichte greif- und fühlbar“. Es gelte, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Zumindest in Europa sei dies nach dem Zweiten Weltkrieg durch Frieden und Versöhnung gelungen. Allerdings müsse Frieden als ein langer Prozess verstanden werden, zu dem es – neben einem stetigen Blick zurück – auch viel Mut und Zuversicht brauche.

Es folgte eine Ansprache mit Gebeten seitens der Geistlichen Walter Krewin und Matthias Fischer. Letzterer bemühte mit „Über einige Davongekommene“ ein kurzes Gedicht von Günter Kunert: „Als der Mensch / unter den Trümmern / seines / bombardierten Hauses / hervorgezogen wurde, / schüttelte er sich / und sagte: / Nie wieder. // Jedenfalls nicht gleich.“ Krieg habe, so Fischer weiter, noch nie Probleme gelöst, sondern nur neue geschaffen. Das „Nie wieder“ sei jedoch in Vergessenheit geraten, und dieses Vergessen mache Kriege wieder möglich und denkbar. Krewin erinnerte in seinen Ausführungen an ein Gebet, das kurz nach der fürchterlichen Bombardierung der englischen Stadt Coventry durch die Deutschen im Jahr 1940 geschrieben worden war und dort heute noch bei regelmäßigen Gedenkveranstaltungen zu Ehren kommt.

Nach einem gemeinsamen Gebet ging es an die feierliche Kranzniederlegung, die von Böllerschüssen begleitet war. Den musikalischen Rahmen der Gedenkfeier hatte der Posaunenchor Treuchtlingen übernommen.

  

Sieghard Hedwig

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