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Altmühlfranken: Tauschwirtschaft für den Landkreis

Im Treuchtlinger Kulturladen überlegten sich Bürger, wie die heimische Wertschöpfung gestärkt werden kann - 13.08.2018 06:06 Uhr

Wer etwas besonders gut kann oder von einer Sache im Überfluss hat, soll seine Fähigkeit oder Waren zur Verfügung stellen – um sie mit anderen Fertigkeiten zu tauschen. Ein Beispiel sind die Repair Cafés im Landkreis. © LRA


Schon bevor es Geld in Form von Papier und Münzen gab, haben die Menschen getauscht. Und heute: geht das Geld in sekundenschnelle um die Welt und wird im Internet oft bei Unternehmen ausgegeben, die clever Gesetzeslücken ausnutzen, um keine Steuern zahlen zu müssen.

Wie lässt sich also die Wertschöpfung in der Region behalten, so dass die Menschen vor Ort davon profitieren? Dieser Frage geht der Autor und Reiseschriftsteller Jörg Dauscher nach. Er war bei seinen internationalen Reisen in vielen Gegenden der Welt unterwegs, in denen der Tauschhandel immer noch eine feste Grundlage der lokalen Ökonomien ist. Bei einem Seminar im Treuchtlinger Kulturladen berichtete Dauscher aus seinem Erfahrungs- und Wissensschatz zum Thema „Tauschhandel und regionaler Warenverkehr“.

Denn auch in vielen deutschen Landkreisen und Städten gibt es diese Formen der kleinen Wirtschaftskreisläufe. In Schwäbisch Gmünd etwa hat sich das Tauschnetz „Bumerang“ organisiert. Neben klassischen Waren organisieren diese Vereine auch den Austausch von Dienstleistungen und machen den Geldverkehr überflüssig.

Die Schwaben setzen etwa darauf, Zeit zu tauschen. Ihre Begründung: 60 Minuten Arbeitszeit sind für alle Menschen gleich lang. Ein Beispiel: Geht ein Reißverschluss kaputt, kann man das Kleidungsstück einer Person geben, die es in kurzer Zeit richten kann. Man selbst setzt dann die verbrauchte Zeit ein, um jemandem im eigenen Fachgebiet zu helfen. Dabei sei es wichtig, dass Geben und Nehmen ausgeglichen sind: „Martha K. strickt Socken für Anton F., dieser schneidet die Hecken für Gerd L., der wiederum hilft Martha K. ihren Computer zu verstehen“, erläutert das Tauschnetz sein Prinzip.

Kontakte knüpfen

Um herauszufinden, wer was kann, treffen sich die Schwäbisch Gmünder monatlich zu einem Tauschnetztreffen, dort knüpfen sie dann Kontakte. Außerdem bringen sie jährlich eine Marktzeitung raus, in der steht, wer welche Fähigkeiten anbieten kann. Das Prinzip ist bewährt: Das Netzwerk besteht nun schon seit 17 Jahren.

Doch nicht immer geht es ohne Geld. In manchen Regionen Deutschlands wird zu diesem Zweck auch eine Regionalwährung angeboten. Im Verhältnis 1:1 können die Euro-Scheine in die Regionalwährung umgetauscht werden, es ist dann nur bei teilnehmenden Geschäften in genau dieser Region gültig.

Einen anderen Weg geht der Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz: Dort können die Kunden bei teilnehmenden Geschäften quasi regionale Bonuspunkte auf ihrer Bankkarte sammeln. „Regionaldo“ heißt das Projekt, bei dem in der Regel 1 bis 3 Prozent der Einkaufssumme auf einem speziellen Konto gutgeschrieben werden, die Bonus-Höhe entscheidet jedes Geschäft.

Die so gesammelten „Regiocents“, die dem Gegenwert von normalen Eurocent entsprechen, können die Konsumenten dann auch wieder bei den aktuell 30 Geschäften mit zum Teil mehreren Filialen im Landkreis ausgeben. Die Regionale Innovationsagentur des Landkreises hat das Projekt 2005 gestartet, inzwischen hat der Gewerbeverein „aktives Neumarkt“ die Verwaltung übernommen.

Welche Möglichkeit für solche Wirtschaftskreisläufe gibt es im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen? Auch darüber sprachen die Teilnehmer des Workshops. Aus der Sicht von Dauscher könne es etwa keine Lösung sein, das Obst heimischer Streuobstwiesen zu vernachlässigen und stattdessen kiloweise Äpfel aus dem Supermarkt zu schleppen, die aus anderen Obst­anbaugebieten oder aus dem Ausland geliefert werden und während ihrer Reife durchschnittlich 21 Mal gespritzt wurden.

Dauschers Lösung: ein Kreislauf vor Ort, um lokale Kleinstproduktionen möglich zu machen und profitabel zu gestalten. Die regionalen Wirtschaftskreisläufe müssten durch den Aufbau regionaler Absatzketten gestärkt werden. Eine Möglichkeit zur Stärkung regionaler Kreisläufe wäre eben die Einführung einer Tauschkultur. Wie aber kann ein lokaler Tauschring aussehen, wie kann er organisiert werden? Wie misst man den Wert von Waren, wenn der Vergleichsmaßstab „Geld“ fehlt? Mit diesen Fragen setzten sich die Teilnehmer dieses Workshops auseinander.

Denn ein Tauschverein als Initiator eines bargeldlosen Austausches von Dienstleistungen und Waren muss zum einen in seinem Angebot auf breite Füße gestellt sein, außerdem müssen auch viele Menschen daran teilnehmen. Der Tauschverein muss offen gestaltet werden, er muss zugänglich sein, um ein lebendiges Wirtschaftsgeschehen zu ermöglichen. Schließlich müsse ein Tauschverein im Interesse aller Beteiligten funktionieren. Er darf also nicht einseitig von einer Gruppe für eine andere Gruppe initiiert werden.

Zudem sollte er für alle Beteiligten ein soziales Forum bieten und zu einer Gruppendynamik führen, ähnlich wie das erfolgreiche Modell eines Repair Cafés: An festen Terminen in Weißenburg und Gunzenhausen helfen sachkundige Ehrenamtliche dabei, alte Elektrogeräte zu reparieren, bevor sie auf dem Müll landen.

Obstbörse am 15. September

Das Team des Kulturladens Treuchtlingen will Impulsgeber für den Aufbau einer regionalen Tauschkultur sowie für die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe sein. Als erstes Projekt ist deshalb im Kulturladen eine Obst- und Gemüsebörse mit regionalen Produkten vorgesehen, die dabei von privaten Anbietern entweder zum Tausch oder gegen Entrichtung einer finanziellen Spende für einen gemeinnützigen Zweck angeboten werden sollen. Die erste Obst- und Gemüsebörse soll am Samstag, 15. September, von 9 bis 12 Uhr im Kulturladen in der Bahnhofstraße 26 in Treuchtlingen stattfinden. 

Benjamin Huck Treuchtlinger Kurier E-Mail

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