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Brauchte Karl den Graben, um Krieg zu führen?

Überraschende neue Erkenntnisse zur "Fossa Carolina": Holzdatierung belegt früheren Baubeginn - 04.07.2017 18:54 Uhr

Mit großem Aufwand legten die Forscher im Sommer 2016 Teile des Nordendes der „Fossa Carolina“ frei. © Lukas Werther, Universität Jena


Es ist eine kleine wissenschaftliche Sensation, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Dass die Arbeiten am Karlsgraben, dem weltbekannten Kanalprojekt Karls des Großen zur Verbindung von Rhein und Donau, ein halbes Jahr früher begonnen haben als bisher gedacht, wirft ein völlig neues Licht auf den historischen Kontext dieser über 1200 Jahre zurückliegenden Großbaustelle. Der Beweis: unscheinbare Jahresringe auf rund zwei Dutzend Eichenbohlen, die einst der Abstützung der Kanalwände dienten.

Von ihrer exakten Datierung ist Projektleiter Dr. Lukas Werther sichtlich begeistert. „Die neuen Datierungen sind nicht nur in ihrer Präzision außergewöhnlich. Dadurch erschließen sich völlig neue Aspekte der  historischen Einordnung“, erklärte er am Montag bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit seinem Jenaer Kollegen Professor Dr. Peter Ettel, dem Leibniz-Physiker Dr. Sven Linzen und Dr. Stephanie Berg-Hobohm vom Landesamt für Denkmalschutz in dessen neuer Dienststelle in Weißenburg.

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100 Jahre Karlsgrabenforschung auf den Kopf gestellt

Es ist eine kleine wissenschaftliche Sensation: Die Arbeiten am Karlsgraben, dem weltbekannten Kanalprojekt Karls des Großen zur Verbindung von Rhein und Donau, haben gut ein halbes Jahr früher begonnen als bisher gedacht. Dies wirft ein völlig neues Licht auf den historischen Kontext dieser über 1200 Jahre alten, unvollendeten Großbaustelle des frühen Mittelalters.


Lange Zeit waren sich Wissenschaftler aufgrund der Schriftquellen und der Funde im Mittelteil sicher, dass der Bau der „Fossa Carolina“ im späten Jahr 793 begonnen habe. Damit verbunden war stets die Annahme, Karl der Große habe den Kanal als eine Art frühmittelalterliche „Autobahn“ in Auftrag gegeben, um Reisen und Handel zu vereinfachen.

Bei der jüngsten Grabung im vergangenen Sommer kamen am Nordende der einstigen Kanaltrasse zwischen Grönhart und dem Weißenburger Industriegebiet Süd jedoch mehr als 20 massive, angespitzte Eichenhölzer zum Vorschein, die schon im Herbst oder Winter des Jahres 792 gefällt wurden. Weitere Bohlen stammen zwar aus dem Frühjahr 793, wurden aber spätestens im Mai fällfrisch verbaut. Das konnten die Forscher anhand der Jahresringe und Lagerspuren klar ablesen. „Da braucht man auch gar nicht über irgend etwas aus der Römerzeit spekulieren“, greift Werther eine immer wieder aufgebrachte Kritik an der Karlsgrabenforschung auf.

Dr. Lukas Werther leitet seit fünf Jahren das Karlsgrabenprojekt. Durch die Holzdatierung konnte er den Baubeginn nun ins Frühjahr 793 einordnen. © Patrick Shaw


Daraus ergibt sich für die historische Einordnung eine neue Ausgangslage. Denn die politische Situation des Jahres 792 im Frankenreich ist sehr gut erforscht. König Karl, der in Regensburg residierte, führte in diesem Jahr Krieg gegen die Awaren, wozu er eine große Versorgungsflotte auf der Donau unterhielt. Zudem rebellierte um diese Zeit Karls Sohn aus erster Ehe, Pippin der Bucklige, gegen den späteren Kaiser. Und auch die Bayern mit ihrem Herzog Tassilo hatten sich mit ihrer Einverleibung ins Frankenreich noch nicht abgefunden.

Lukas Werther hält es deshalb „für plausibel, dass Karl den Baubefehl bereits 792 im Zuge dieser Gemengelage gegeben hat“ – und zwar wohl eher aufgrund militärischer als ziviler Erfordernisse. „Es brannte innen- und außenpolitisch im Reich“, so der Archäologe. „Offenbar bestand ein Infrastruktur-Defizit, um diese vielen Feldzüge an unterschiedlichen Orten zu führen.“ Im Herbst 793 sei Karl der Große dann nicht wie bisher vermutet zum Baubeginn des Karlsgrabens gekommen, sondern „als es schon etwas zu sehen gab“. Dafür spreche auch, dass er den Annalen zufolge auf der Kanalbaustelle päpstliche Gesandte getroffen haben soll, die der König laut Werther „sicher nicht auf einer schlammigen Wiese empfangen hat, sondern vermutlich mit der Großbaustelle beeindrucken wollte“.

Historischer Schatz in sechs Metern Tiefe

Fest steht mit dieser Erkenntnis überdies, dass das Kanalfragment im Norden kein später, sondern ein sehr früher Teil des Projekts war – aufgrund der dort sehr geringen Breite vielleicht sogar nur eine Drainage oder ein Provisorium. Überhaupt sei der Karlsgraben in diesem Bereich durchgängig „so gut erhalten, wie kaum ein anderes Bodendenkmal aus so früher Zeit“, so Werther. Sechs Meter unter dem heutigen Niveau liegt seine Sohle, deren Faulschlamm- und Torfablagerungen auch belegen, dass er wohl nur wenige Jahre lang mit Wasser gefüllt war und nach seiner Aufgabe schnell verlandet ist.

Nord- und Süd­ende des zwischen zwei und sechs Meter breiten Kanals waren den Spuren zufolge jedoch weit gediehen. Zumindest im Norden wurde eindeutig von Nord nach Süd gebaut. Ob der immer noch sichtbare Mittelteil im heutigen Ort Graben ebenfalls fast oder ganz fertiggestellt war, ist indes noch nicht erforscht.

Und auch das wohl bekannteste Zitat der Reichsannalen zum Karlsgraben bleibt unbewiesen. „Was die Werkleute tagsüber an Erde aushuben, das fiel des Nachts wieder in sich zusammen“, heißt es da. Dass Regen und Nässe zur Einstellung des Mammutprojekts geführt haben, lässt sich den Wissenschaftlern zufolge anhand der Holzfunde jedoch nicht belegen, da Eichenholz im Herbst kaum feuchtigkeitssensibel reagiere. 

Patrick Shaw Redaktion Treuchtlinger Kurier E-Mail

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