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„Die Freiheit steht über allem“

Der 2008 in Treuchtlingen gestrandete Flüchtling aus Eritrea hat seinen Traum vom eigenen Buch verwirklicht - 31.08.2011 11:11 Uhr

Passend zum Anlass, findet das Wiedersehen mit Zekarias Kebraeb im Nürnberger Literaturhaus statt – drei Jahre nach der ersten Reportage des Treuchtlinger Kuriers über sein Flüchtlingsschicksal. © Patrick Shaw


Zekarias Kebraebs Wunsch hat sich erfüllt: „Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn“ heißt das knapp 370-seitige Buch, das die freie Journalistin Marianne Moesle über seine abenteuerliche Flucht verfasst hat. Seit vergangener Woche ist es im Bastei-Lübbe-Verlag erhältlich (ISBN 978-3-404-60167-7).

„Trotz Hunger und Durst steht die Freiheit über allem!“ Das wusste Kebraeb schon, als er mit 17 Jahren vor Krieg und Diktatur aus Eritreas Hauptstadt Asmara floh. Über den Sudan, Libyen und das Mittelmeer schlug er sich nach Italien und dann weiter über Frankreich und Belgien nach Deutschland durch – ein Höllentrip. Fast vier Jahre dauerte seine lebensgefährliche Odyssee.

Der Teenager suchte das vermeintliche Paradies in Europa, fand aber zunächst nur Ohnmacht, Angst und Entbehrungen. Beinahe gefasst von den Schergen des Militärregimes, in der Wüste fast verdurstet, dem Seelenverkäufer auf dem Mittelmeer entronnen und am vermeintlichen Ziel der Träume als unerwünscht gebrandmarkt, ist er sich bis heute sicher: „Mit Freiheit und Liebe spürt man das alles nicht.“

Jetzt, da Kebraeb nach fünf Jahren Kampf gegen Ignoranz und Bürokratie endlich einen „sicheren Aufenthaltstitel“ hat, geht es ihm viel besser. Er darf sich eine Wohnung nehmen, arbeiten und vor allem reisen. Jeden übrigen Cent legt er seither zurück, um so oft es geht, Angehörige und Freunde in Äthiopien und dem Sudan zu besuchen.

Maßgeblichen Anteil an seiner Anerkennung als politischer Flüchtling hatte Marianne Moesles Buch. Den Kontakt hatte die Zeit- und Brigitte-Autorin aufgenommen, nachdem sie die Reportage des Treuchtlinger Kuriers gelesen hatte, in der Kebraeb kurz nach Weihnachten 2008 erstmals seine Geschichte erzählt hatte. Sie hatte zuvor bereits nach authentischen Beispielen zum Thema Flucht und Migration gesucht. Das des jungen Eritreers sei ihr auf Anhieb glaubwürdig erschienen, erklärt Moesle.

Es folgten eineinhalb Jahre intensiver Gespräche und Recherchen. Je weiter das Buch gedieh, an desto mehr Einzelheiten seiner Flucht erinnerte sich Kebraeb. Als Moesle ihn etwa fragte: „Wie fühlt sich Durst an?“, habe er unter Tränen beschrieben, wie unter der glühenden Wüstensonne ein einziges Glas Wasser zum Inhalt allen Denkens werden kann. Einige seiner Leidensgenossen hatten damals in ihrer Verzweiflung Benzin getrunken und waren jämmerlich zugrunde gegangen. „Am schlimmsten war es aber auf dem Mittelmeer“, sagt der junge Flüchtling rückblickend. Bis heute jagen ihm Boote eine Heidenangst ein.

Tagebuch einer Flucht

„Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn“ – das war es, was Zekarias Kebraeb nicht aufgeben ließ. Das Buch erzählt davon auf 366 Seiten. Wie ein Tagebuch, zeichnet es größtenteils chronologisch Kebraebs über 7000 Kilometer lange Reise nach, aber auch seine innere Entwicklung vom Tag seines Aufbruchs aus Asmara am 3. März 2002 bis zum Frühjahr 2011. „Erwachsen geworden“ sei er dabei, sagt der heute 26-Jährige.

Ein einschneidendes Erlebnis während der Arbeit am Buch war, als Moesle zusammen mit Kebraeb nach Khartoum reiste, der ersten Zwischenstation seiner Flucht im Sudan. Nach Eritrea selbst konnten sie bei ihrer Spurensuche nicht gehen, denn schon die illegale Ausreise hätte gereicht, um Kebraeb für immer in einem der berüchtigten Foltergefängnisse verschwinden zu lassen. Ein kritisches Buch zu schreiben, ist in seiner alten Heimat ein sicheres Todesurteil.

Dennoch gelang es ihm in Khartoum, nach acht Jahren Trennung seine Mutter zu treffen. Das bewegende Wiedersehen schildert Marianne Moesle ebenfalls in ihrem Buch. Seine „Adey“ habe sich gewundert, dass er so dünn sei, erzählt Kebraeb. Schließlich müsse er nun doch einen dicken Bauch und helle Haut haben – wie alle im „Paradies Europa“. „Wir hier in Deutschland verstehen gar nicht, was es heißt, von dort wegzugehen“, betont die Autorin. Doch es sei „dasselbe Freiheitsstreben wie derzeit in Nordafrika“.

Human Rights Watch bezeichnet Eritrea als das größte Gefängnis der Welt. Das war es schon vor der aktuellen Hungerkatastrophe in Ostafrika. „Der Präsident sagt, es gebe keine Unterdrückung und keinen Hunger in Eritrea. Er unterstützt aber die Al-Shabaab-Milizen in Somalia“, spuckt Kebraeb seine Empörung förmlich heraus. „Die Regierungen in Ostafrika kaufen Kalaschnikows statt Nahrung! Und die Weltgemeinschaft schaut zu.“ Wenn es auf einem anderen Kontinent ein Dutzend Tote gebe, sei die Aufregung groß. Aber wenn in Afrika Zehntausende sterben, interessiere es keinen. „Griechenland bekommt Milliardenhilfen, aber der Hunger in Ostafrika ist normal.“

„Weltweit haben im vergangenen Jahr 63.000 Eritreer Asylanträge gestellt“, schreibt auch Marianne Moesle. „Sie flüchten vor Armut, Hunger und dem Sklavendienst in der größten Armee Schwarzafrikas.“ Ihr Freiheitsdrang sei „wie ein Fieber, das erst mit der kalten Dusche abkühlt, wenn der Asylantrag im europäischen Paradies abgelehnt wird.“

Deshalb wünscht sich Kebraeb für seine Heimat eine Revolution wie in Ägypten oder Libyen. Dafür tut er, was er fern von zuhause tun kann: Er schreibt regierungskritische Texte für das eritreische Internet-Radio, postet auf Facebook und unterstützt die Oppositionsbewegung, die unter den Exil-Eritreern immer stärker wird. „Ich habe jetzt die Freiheit und will sie auch nutzen“, sagt er.

Da die Regierung in Eritrea laut Kebraeb „vom Geld der Bürger in der Diaspora lebt“, ruft Kebraeb dazu auf, diesen Geldstrom zu blockieren. Keine einfache Entscheidung, unterstellen die in Afrika ausharrenden Landsleute doch schnell, er habe nun als „reicher“ Europäer nur noch den eigenen Geldbeutel im Sinn.

Auch hier hilft Kebraebs Buch. Es hat den 26-Jährigen bereits recht bekannt gemacht und den rund 25.000 eritreischen Flüchtlingen in Deutschland „ein Gesicht gegeben“. Dafür erntet er viel Zustimmung, aber auch Drohungen. Als Verräter bezeichnen ihn Regimetreue, und ein bisschen Angst um Mutter und Schwester in Asmara hat Kebraeb doch, wenngleich er sie in allen Veröffentlichungen mit Pseudonymen schützt. Dennoch wird er morgen sogar in Berlin mit seinen Landsleuten vor der eritreischen Botschaft demonstrieren gehen.

Freunde gefunden

Mit seiner Zeit in Treuchtlingen verbindet Kebraeb zwar auch schlechte Erinnerungen wie den Ärger mit den Behörden, die ihn weder gehen noch arbeiten lassen wollten; aber auch Gutes wie die Unterstützung eines Freunds aus Donauwörth, der dem Halbwaisen mittlerweile eine Art Ersatzvater geworden ist. Im Buch heißt er Franz. Sein Name ist – wie die aller Personen außer dem Protagonisten selbst – zum Schutz geändert.

Am meisten „geschockt“ hat den jungen Mann in Treuchtlingen kurioserweise das Landleben. Asmara, Khartoum, Tripolis und Mailand – bisher kannte er nur Großstädte. „Ich kann nicht auf dem Land leben“, sagt er noch heute. Er vermisse den Trubel, die kulturellen Angebote und „die Chancen, die man dort hat“. Deshalb wollte er nach seiner Anerkennung als Flüchtling sofort nach Nürnberg.

Dort hat Kebraeb, der bereits vor drei Jahren fließend deutsch sprach, in nur einem Jahr den qualifizierenden Hauptschulabschluss gemacht. „Das war einfach“, sagt er. Die Lehre zur Fachkraft im Gastgewerbe hat er inzwischen ebenfalls abgeschlossen und zuletzt neben der Arbeit am Buch gekellnert. Sein nächstes Ziel ist es nun, sein eritreisches Abitur anerkennen zu lassen und eine zweite Ausbildung im Sozialbereich zu beginnen, am liebsten mit Auslandspraktikum in der Afrikahilfe. Denn „viele Eritreer brauchen dringend Hilfe, und ich kann nicht nur an mich denken“.

Irritierend findet Kebraeb in Deutschland immer noch, dass „viele offenbar glauben, alle Afrikaner kämen aus dem selben Dorf“. Viele Leute wüssten über den riesigen Kontinent kaum mehr als einige Brocken aus dem Fernsehen. Dennoch habe sich in den vergangenen Jahren viel gebessert: Durch ein stärkeres Medieninteresse und den mutigen Kampf der Exil-Opposition dürfen mittlerweile fast alle Flüchtlinge aus Eritrea in Deutschland bleiben.

Kebraebs Familie ist indes weit verstreut: Mutter und Schwester leben nach wie vor in Asmara, die andere Schwester in der Schweiz; der große Bruder arbeitet in den USA, der zweite Bruder wurde auf der Flucht erwischt und sitzt in Eritrea im Gefängnis.

Vergangenes Jahr hatte die Mutter ein Visum erhalten und war fünf Monate zu Besuch in Deutschland und der Schweiz. „Weihnachten war wundervoll“, erinnert sich Kebraeb. Sogar der Bruder aus Amerika war da. 17 Jahre hatte er seine Mutter nicht gesehen. Am Flughafen hätten „alle geweint“. Trotzdem reiste die Mutter wieder zurück. Schließlich sei Eritrea ihre Heimat. Ein weiterer Begriff, dessen Bedeutung viele Menschen hierzulande verlernt hätten, meint Zekarias Kebraeb. Sein Traum sei es nun, „diese Familie irgendwann in einem demokratischen Eritrea wieder zusammenzuführen“.

  

Patrick Shaw

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