Dienstag, 20.11.2018

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Pflege in Altmühlfranken: Zu oft heißt es "Keine Zeit!"

Zwei erfahrene Stationsleiterinnen beklagen Personalnot und Bürokratie - 23.06.2018 06:05 Uhr

Die beiden Pflegerinnen und Stationsleiterinnen Ramona Heisler aus Markt Berolzheim (stehend) und Christa Wiedemann aus Gunzenhausen wünschen sich mehr Zeit für die Senioren. © Tina Ellinger


Seit rund 20 Jahren stehen Ramona Heisler aus Markt Berolzheim und Christa Wiedemann aus Gunzenhausen ihre Frau im Gunzenhäuser Burk­hard-von-Seckendorff-Heim. In dem Haus mit 177 Betten auf sechs Stationen, das von der fast 700 Jahre alten Hospitalstiftung geführt wird (siehe „Zum Thema“), sind sie für die Stationen eins und zwei verantwortlich. Beide wissen aus eigener Erfahrung über die dünne Personaldecke in der Altenpflege Bescheid, kennen die familienunfreundlichen Arbeitszeiten und den steten Kampf gegen die Uhr.

Mit welchen Vorstellungen sind Sie vor gut 20 Jahren in den Beruf als Altenpflegerin gestartet?

Christa Wiedemann: Ich war ursprünglich Apothekenhelferin und wollte nach der Familienphase wieder etwas mit Menschen machen. Altenpflegerinnen wurden gesucht, und so habe ich mich für diese Ausbildung entschieden. Ich hatte das Ideal von einer ganzheitlichen Pflege mit viel Zeit für Gespräche. Das bleibt aber oft auf der Strecke, die Personalsituation ist ja nicht gerade rosig.

Wenn Sie sich an Ihre Anfänge im Heim erinnern — was ist heute anders?

Ramona Heisler: Die Bewohner kommen jetzt später zu uns, sie bleiben zuhause, so lange es geht. Früher hatten wir viel mehr rüstigere Senioren, die brauchten zwar Hilfe bei manchen Dingen, aber lange keine wirkliche Pflege. Zu dem höheren Pflegeaufwand kommt die wachsende Erwartungshaltung der Bewohner und der Angehörigen. Der Heimplatz ist teuer, da sind schon Ansprüche mit verknüpft. Die alle zu erfüllen, ist sehr schwierig. Ich würde sagen, wir sind gestresster als vor 20 Jahren.

Christa Wiedemann: Wir müssen uns auch immer mehr um privates Kleinzeug kümmern. Manche Bewohner haben beispielsweise fast nichts zum Anziehen oder bräuchten einen neuen Rasierapparat. Wenn sich da die Angehörigen nicht kümmern, sind wir die nächsten Ansprechpartner.

1995 wurde die Pflegeversicherung eingeführt, die immer wieder kritisiert wird. Wie sehen Sie das?

Christa Wiedemann: Die Einführung der Pflegeversicherung hat die Struktur im Heim total verändert. Vorher gab es zum Beispiel einen anderen Personalschlüssel.

Ramona Heisler: Ein großes Loch klafft bei der Kurzzeitpflege: Ein Patient kommt zum Beispiel nach einem Oberschenkelhalsbruch aus dem Krankenhaus für vier Wochen zu uns, hat bisher noch keinen oder nur einen niedrigen Pflegegrad. Solche Patienten können fast nichts allein, sie kommen nicht selbst aus dem Bett und brauchen für alles Hilfe. Das ist sehr zeitintensiv und aufwändig. Der Personalschlüssel, der sich aus den Pflegegraden errechnet, wurde aber nicht angepasst. Irgendwo fehlt dann die Zeit. Dazu kommt die Erweiterung der Dokumentation. In den Stunden, in denen ich am PC sitze, könnte ich einige Bewohner mehr versorgen. Aber was nicht dokumentiert ist, gilt als nicht erledigt. Die Zeit dafür ist jedoch in keinem Pflegegrad vorgesehen, da geht es nur um die Zeit am Patienten.

Hat sich in den vergangenen 20 Jahren auch etwas verbessert?

Ramona Heisler: Doch, das Haus hat viele Hilfsmittel angeschafft wie Hubbadewanne, Lifter und Aufstehhilfe. Das schont Muskulatur und Gelenke.

Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat den Pflegenotstand zur Chefsache gemacht und will 13.000 neue Stellen schaffen. Was halten Sie von seinen Plänen?

Christa Wiedemann: Das ist doch so gut wie nichts. Rechnet man das auf alle Heime herunter, bleibt für uns nicht einmal eine halbe Stelle. Ich würde mir wünschen, dass mal einer aus der Politik einen halben Tag mit uns auf der Station arbeitet, dann weiß er, wovon er redet. Das stationäre Modell ist außerdem für viele Rentner unbezahlbar geworden. Schon heute gibt es immer weniger Selbstzahler, die Mehrheit bekommt Sozialhilfe.

Ramona Heisler: Die Frage ist doch, wo will er die Leute hernehmen? Schon jetzt sind 40.000 Stellen unbesetzt. Selbst wenn wir ausschreiben, bekommen wir kaum eine Bewerbung. Die Arbeitszeiten sind unattraktiv, wir haben Dienst am Wochenende, an Feiertagen, haben geteilte Dienste. Außerdem kommt es mir so vor, als ob niemand mehr mit den Händen arbeiten möchte. Bisher wurde von Seiten der Politik nur viel geredet. Es ist noch nicht spürbar, dass sich etwas ändert.

Was würden Sie sich für Ihren Berufsstand wünschen?

Ramona Heisler: Mehr Zeit, da hakt es seit der Pflegeversicherung. Der Lohn steht nicht im Vordergrund, vielmehr wünsche ich mir genug Personal, um die Bewohner fürsorglicher versorgen zu können.

Christa Wiedemann: Wir sind für viele unserer Bewohner die Ansprechpartner, die Vertrauenspersonen, gerade für die, die nicht viel Besuch bekommen. Es wäre schön, einmal mehr Zeit für sie zu haben und nicht immer nur auf die Uhr schielen zu müssen. Sie wohnen schließlich hier und sollten nicht nur immer zu hören bekommen: „Keine Zeit!“

Wie schaffen Sie es, sich trotz allem die Freude an Ihrem Beruf zu erhalten?

Christa Wiedemann: Wir haben beide ein gutes, kollegiales Team, flexibel und einsatzbereit. Wir verstehen uns gut, sonst wäre der Druck noch größer. Und es ist schön, wenn man merkt, dass einen die Bewohner ins Vertrauen ziehen oder sich freuen, wenn man nach dem Urlaub wieder da ist.

Ramona Heisler: Ab und an ein Lob von den Angehörigen und den Bewohnern, die wissen, was wir hier leisten, tut wirklich gut. Wir freuen uns, wenn sie sich hier wohlfühlen, es ist ja ihr letztes Zuhause.

Zum Thema

1351 stiftete der fränkische Adelige Burkhard von Seckendorff in Gunzenhausen das Spital samt zugehöriger Kirche. Das Spital sollte der bischöflichen Bestätigungsurkunde von 1353 zufolge Unterkunft für „sieche und arme Leut, für Brüder und Schwestern (Spitalinsassen, Pfründner)“ sein. Das 1761 nach den Plänen des markgräflichen Baumeisters Johann David Steingruber neu erbaute Altenheim befand sich bis in die späten 1960er Jahre in der Spitalstraße 8. Von 1966 bis 1969 entstand dann das heutige Burkhard-von-Secken­dorff-Heim in der Reutbergstraße, das von 1973 bis 1975 erweitert wurde. Nach einer zweiten Erweiterung samt Sanierung des Haupthauses zwischen 1987 und 1989 bietet das Heim heute Platz für 232 alte und pflegebedürftige Bewohner. Das ehemalige Spital wurde 1980/81 grundlegend saniert. Es beherbergt heute das städtische Jugendzentrum. Die Spitalkirche wurde 1701/02 abgebrochen und neu aufgebaut. In der Folgezeit wurde sie mehrmals renoviert, zuletzt von 1974 bis 1977.        Quelle: Hospitalstiftung 

Tina Ellinger Altmühl-Bote E-Mail

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