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Pogromnacht: Als die SA die Treuchtlinger Juden vertrieb

Am 9. November 1938 wurden auch in Treuchtlingen die jüdischen Bürger Opfer des kollektiven Pogroms - 09.11.2017 06:09 Uhr

Heute befinden sich in der Uhlengasse ein Wohnhaus und ein Garten. Früher stand genau dort (um 90 Grad gedreht) die Treuchtlinger Synagoge. © Viola Bernlocher


Juden lebten in Treuchtlingen mit Unterbrechungen seit dem Mittelalter. Im 18. und 19. Jahrhundert wuchs die Gemeinde, um 1860 machten die jüdischen Bürger 16 Prozent der Einwohner Treuchtlingens aus. Die Juden waren angesehene Leute, so waren einige von ihnen auch bis in die 1930er-Jahre Mitglied des Stadtrats.

Für das Treuchtlinger Wirtschaftsleben spielten sie eine wichtige Rolle, es gab einige jüdische Geschäfte, die Eisenwarenhandlung Neuburger versorgte die ganze Umgebung und die Beck’sche Mottenpulverfabrik war einer der größten Betriebe der Stadt.

Doch zu Beginn der 1930er-Jahre begann der Aufstieg der Nationalsozialisten in ganz Deutschland und mit Julius Streicher in Franken insbesondere. Und so verwundert es nicht, dass schon kurz nach 1933 auch in Treuchtlingen erste Überfälle auf Juden dokumentiert sind. 1934, so schreibt es der Heimathistoriker Walter E. Keller in seinem Buch "Jüdisches Leben in Treuchtlingen", da sei bereits Hermann Kahn von Mitgliedern der Hitlerjugend in seiner Wohnung überfallen und durch Schläge und Messerstiche verletzt worden.

Auch der nicht "rein-arische" Treuchtlinger Bürgermeister Emil Sommer, der seit Ende des ersten Weltkriegs 1918 Stadtoberhaupt war, muss­te aus "gesundheitlichen Gründen" zurücktreten, wie es im Treuchtlinger Heimatbuch von 1984 und ebenfalls in Gänsefüßchen geschrieben heißt. Seinen Posten übernahm der NSDAP-Stadtrat und zweite Bürgermeister Andreas Güntner.

Jüdischen Trauerzug mit Steinen beworfen

Doch das war erst der Anfang. Nach dem Krieg berichtete der frühere Lebensmittel-Großhändler Moritz Meyer, dass man die Kinder schon lange nicht mehr alleine durch die Stadt gehen lassen konnte, weil sie den Pöbeleien der Schuljugend ausgesetzt waren. Im März 1936 störten Jugendliche einen jüdischen Trauerzug durch lautes Singen und bewarfen die Trauernden mit Steinen. Sie blieben straflos, obwohl die jüdische Gemeinde Anzeige erstattete. Im September des selben Jahres wurden in der Synagoge und einem Wohnhaus die Fenster eingeschlagen.

Im Dezember 1937 wurde den jüdischen Geschäftsleuten bereits vor Erlass entsprechender Gesetze vom Landratsamt die Ausstellung von Reisebescheinigungen verweigert. Für sie hieß das, dass sie ihren Geschäften kaum mehr nachkommen konnten. Auch Moritz Meyer schildert in seinem Zeitzeugenbericht, dass die jüdischen Geschäfte nicht nur von den Kunden, sondern auch von den Großhändlern boykottiert wurden. So stellte die Süddeutsche Zuckerfabrik Mitte 1938 ihre Lieferungen an den Lebensmittelgroßhandel A. H. Meyer & Co. ein. Für die Firma eine wirtschaftliche Katastrophe.

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Die Reichspogromnacht 1938: Gewalt gegen Juden in Franken

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 überfielen die Nationalsozialisten in ganz Deutschland jüdische Gotteshäuser, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen und hinterließen eine Spur der Zerstörung - auch in Nürnberg, Fürth und der Region.


Die antijüdische Stimmung gipfelte dann in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in der Reichspogromnacht. Nachts um 4 Uhr ließ der SA-Führer seine Männer vor der ehemaligen Turnhalle, der heutigen Stadthalle, antreten. Er teilte seinen Männern mit, dass wegen des Mordes am Deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst Eduard vom Rath durch den Juden Herschel Grynzspan in Paris ein Volksaufstand durchgeführt werden solle. Die Juden sollten aus ihren Häusern vertrieben und die Wohnungen demoliert werden.

Im Nachthemd auf die Straße

Der Kantor Kurzweil, der im Nebengebäude der Synagoge in der Uhlengasse mit seiner Familie wohnte, wurde mit Fußtritten und Faustschlägen an die Tür geweckt. Die Familie wurde im Schlaf überrascht und flüchtete auf die Straße, erinnert sich die Nachbarin Babette Loy, geborene Straßner in einem Bericht für Walter E. Kellers Buch „Jüdisches Leben in Treuchtlingen“. Der Anblick hat sich der damals Fünfjährigen eingebrannt, als ihre Freundinnen und Freunde, die Kinder des Kantors Kurzweil und deren Eltern im Nachthemd durch die Uhlengasse vor der SA flüchteten.

Durch die Wohnung des Kantors drangen die SA-Männer in die historische Synagoge ein und steckten das Gebäude in Brand. Die Feuerwehr wurde am Löschen gehindert, nur die umliegenden Häuser durfte sie schützen. Das Gotteshaus brannte komplett aus, heute befinden sich an ihrer Stelle ein Wohnhaus und ein Garten.

Schnell versammelte sich auch eine große Menschenmenge, die das grausame Spektakel beobachtete. In den Wohnhäusern der jüdischen Bürger schlug die SA die Fenster ein, schlitzte Polstermöbel auf, zertrümmerte Schränke, Tische und Stühle. Die jüdischen Familien wurden verhaftet und zum Rathaus geschleppt, viele flüchteten zum Bahnhof oder in die Wälder und irrten dort oft tagelang herum, bis sie zurück kehrten.

Aus Verzweiflung Gift genommen

Der Arzt Dr. Meyersohn wurde ebenfalls ins Rathaus geschleppt und dort misshandelt. Seine Wohnung hatte man zerstört, seine umfangreiche Bibliothek ebenfalls ins Rathaus mitgenommen. Der über 70-Jährige war so verzweifelt, dass er Gift nahm und zwei Tage später starb, ist im Treuchtlinger Heimatbuch zu lesen, das den Pogrom knapper als Keller dokumentiert. Dort ist zu lesen, dass vor allem die SA marodierte und zerstörte und nur einige Bürger, die in der Menge standen, "die Verbrechen der SA mit höhnischen oder gehässigen Bemerkungen [begleiteten]". Das rückt Walter E. Keller ins rechte Licht. Denn die Treuchtlinger Bürger waren damals durchaus am Pogrom beteiligt.

Das geht aus den Gerichtsakten des Weißenburger Wildbadprozesses im Mai 1946 hervor, dem ersten Gerichtsverfahren auf deutschem Boden, das sich mit der Aufarbeitung der Verbrechen in der Nazi-Zeit befasste. Dort waren auch acht Frauen angeklagt, die "nicht nur als 'Scharfmacherinnen' aufgetreten" waren, sondern auch selbst Fensterscheiben einschlugen, Polstermöbel aufschlitzten und Benzin in die Synagoge trugen.

Eine Verurteilte war gar mit einer Menschenmenge in ein jüdisches Geschäft eingedrungen, bei dem sie verschuldet war, und versuchte, die Kassenbücher mitzunehmen. Auch Kinder und Jugendliche sollen an dem Pogrom beteiligt gewesen sein, schreibt Keller.

Auch Bürger an Pogrom beteiligt

Der Lebensmittel-Großhändler Meyer, der damals mit seiner Familie in der Wettelsheimer Straße 59 in einer Villa wohnte, schildert in Kellers Buch die Reichspogromnacht ebenfalls nicht nur als reine Untat der SA. Denn nach dem Zerstörer-Trupp der SA kamen die Plünderer und stahlen, was die SA nicht mitgenommen hatte, nämlich Kleider und Wäsche. Nicht nur bei ihm, sondern bei sämtlichen jüdischen Mitbürgern, denn diese wurden am Abend des 10. Novembers aus der Stadt verwiesen und flüchteten zu Verwandten in die Großstädte München, Nürnberg oder Augsburg und kamen, wenn überhaupt, erst nach einigen Tagen wieder in ihre zerstörten Häuser, um zu retten, was noch da war. Die Männer wurden teilweise in Haft genommen, einige, wie Meyer, wurden auch kurzfristig in Lagern wie Dachau inhaftiert.

Zwangsverkäufe jüdischer Häuser

Auch nach dem Pogrom ging das Unrecht weiter. Denn nun ging es an die Arisierung der jüdischen Anwesen. Parteitreue Arier konnten diese erwerben, ihre Nachfahren leben oft noch heute dort. Die Akten dazu liegen im Treuchtlinger Stadtarchiv. Museumsverantwortliche Marlit Bauch hat sie vor Jahren bei der Auflösung eines alten Archivteils vor dem Schredder gerettet. Was man dort liest, möchte einen aufschreien lassen. Die Häuser wurden vom Stadtbaumeis­ter geschätzt, die jüdischen Verkäufer mussten dann vom Kaufpreis, den sie bekamen, auch noch einen gewissen Anteil auf ein sogenanntes "Judenkonto" einzahlen, so dass sie keinen übermäßigen Gewinn aus dem Kauf erzielten, heißt es in einem Protokoll des Bürgermeisters Andreas Güntner wortwörtlich. Auch die Käufer muss­ten offenbar eine Abgabe auf dieses Konto einzahlen. Von übermäßigem Gewinn kann ohnehin kaum die Rede sein. Aus den Schätzungs-Unterlagen eines der Häuser etwa geht ein festgesetzter Wert von 5.500 Reichsmark hervor. Gleichzeitig ist dort aber auch die Höhe der Brandschutzversicherung beziffert. Auf 10.400 Reichsmark.

Von dem auf diesem Judensonderkonto gesammelten Geld wurden aber auch die Handwerker bezahlt, die die beim Pogrom entstandenen Schäden reparierten. So mussten die Juden also teilweise auch noch für die Instandsetzung der an ihrem Eigentum verursachten Schäden aufkommen.

Nach dem Krieg wurde über Wiedergutmachungsverfahren mit den Überlebenden ein Arrangement gesucht. 1975 wurde das letzte Verfahren beendet. Doch überleben? Dieses Glück hatten bei weitem nicht alle ehemaligen Treuchtlinger Juden.

Zum Gedenken an die Reichspogromnacht zeigt der Arbeitskreis "9. November" am Donnerstagabend um 19 Uhr im Mehrzweckraum EG 1.01 der Senefelder-Schule den Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude". Am Samstag, 11. November, um 17 Uhr singt auf Einladung des Vereins "So fremd? – So nah?" der Jüdische Chor Nürnberg im Kulturzentrum Forsthaus. Bereits um 16 Uhr gibt es dort Kaffee und Kuchen. 

Viola Bernlocher Süd-Springerin E-Mail

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