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Schwerer Bombenangriff auf Treuchtlingen vor 68 Jahren

Bahnknotenpunkt als wichtiger Teil der Infrastruktur war Ziel amerikanischer Bomber - 22.02.2013 07:29 Uhr

Der Stolz der Stadt – der Treuchtlinger Bahnhof – war nach den schweren Bombenattacken nur noch eine bizarre Trümmerwüste. © Archiv


Von den damals etwa 5.000 Einwohnern Treuchtlingens lebte mehr als die Hälfte in Eisenbahnerfamilien. Die Stadt spielte bereits damals eine bedeutsame Rolle als Verkehrsknotenpunkt der Bahnstrecken Nürnberg-Augsburg-München und Würzburg-Ingolstadt-München.


Das US-Militärunternehmen trug den klangvollen Namen „Clarion“: Am 22. und 23. Februar 1945, als der Zweite Weltkrieg längst entschieden und das nahe Ende des Hitler-Regimes absehbar war, holte die amerikanische Luftwaffe zu einem Schlag gegen die noch verbliebenen Verkehrs- und Eisenbahnknotenpunkte in Süddeutschland aus. Denn die großen Rangierbahnhöfe wie Würzburg, München und Nürnberg waren durch pausenlose Angriffe der US-Luftwaffe bereits zerstört worden. Die in Teilen immer noch erstaunlich intakte Infrastruktur sollte jetzt vollends zerschlagen, die weitere Fortführung des Krieges endgültig unmöglich gemacht werden. So standen nun die kleineren Knotenbahnhöfe wie Treuchtlingen, Ingolstadt und Donauwörth auf der Agenda.

Die Gefahr war nach dem Angriff oft noch nicht gebannt: im Bild ein Blindgänger in der Bahnhofstraße. © Archiv



Der 23. Februar 1945 war Zeitzeugen zufolge ein zwar eiskalter, aber überaus sonniger Freitag. Die Altmühlstadt war bis zu jenem Tag von den grausamen Unbilden des Krieges weitgehend verschont geblieben, ja fast noch so etwas wie eine ruhige Insel gewesen. Das sollte sich bald gründlich ändern...


Fast alle Gleise in Treuchtlingen waren an jenem Tag mit Zügen vollgestellt, und im Bahnhof herrschte reges Treiben. Die größte Sorge des Bahnpersonals war ein beladener Munitionszug mit etwa 30 Waggons. Dieser stand auf Abruf der sogenannten Bahnbevollmächtigung München. Bei Gefahr sollte dieser Zug in den Tunnel zwischen Pappenheim und Solnhofen gefahren werden.


Kurz danach wurde bekannt, dass ein Fronturlauberzug in Treuchtlingen eintreffen und hier aufgelöst werden sollte. Die örtlichen Bahnerer hatten bereits böse Vorahnungen, denn ein unbekanntes Flugzeug hatte kurz zuvor über der Stadt mit Kondensstreifen einen Achter in den Himmel gezeichnet. Dies wurde von der Eisenbahn-Flugzentrale für belanglos gehalten. Später jedoch sollte sich herausstellen, dass dies ein Zeichen für einen bevorstehenden Fliegerangriff gewesen war.


Nur kurz nach dem Eintreffen der Züge wurde akute „Luftgefahr“ gemeldet. Minuten zuvor waren noch zwei Tiefflieger über die Bahnanlage gerast. Nach dem Fliegeralarm wurde dem Munitionszug umgehend freie Fahrt gewährt, er konnte noch rechtzeitig den Bahnhof verlassen.


Unterführung als Todesfalle


Genau um 11.15 Uhr nahm das Grauen seinen Lauf. In insgesamt drei Wellen luden die amerikanischen Bomber über der Eisenbahnerstadt ihre todbringende Last ab – zumeist Spreng- und Brandbomben. Bei der ersten Welle aus insgesamt zwölf Flugzeugen wurde zunächst die Kästleinsmühle vollkommen zerstört. Hauptangriffsziel war jedoch der Bahnhof. Die zweite Angriffswelle traf genau das Bahnhofsviertel. Besonders das Areal um die städtischen Werke herum wurde in Sekundenschnelle in eine Kraterlandschaft verwandelt. Der dritten Angriffswelle fiel vor allem der Bereich zwischen Bahnhof und Gasthof „Zur Krone“ zum Opfer.


Das Bild zeigt eine Szene des grausigen Geschehens aus der Luft. Deutlich auszumachen sind die Bahnlinien, auf die es die amerikanischen Maschinen in der Hauptsache abgesehen hatten. © Archiv


Die Menschen, die sich im Bahnhof aufhielten, eilten in die Keller, zumeist aber in die vermeintlich rettenden Bahnunterführungen, weil für sie Keller oder Bunker nicht mehr erreichbar waren. Dieser Unterschlupf wurde jedoch für viele durch einen Volltreffer zu einer einstürzenden Todesfalle, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Die einfallenden Bauten deckten über Hunderte von Opfern ein Leichentuch aus Schutt und Asche...


Insgesamt 150 Bomben warfen die Amerikaner auf die Stadt, allein im Bahnhofsbereich wurden 130 Bombentrichter gezählt: Gleisanlagen waren schwer beschädigt, Fahrleitungen herausgerissen, Signalanlagen und Weichen völlig demoliert.


Die traurige Bilanz: insgesamt 487 Tote sowie eine große Zahl Schwer- und Leichtverletzter. Viele davon erlagen später noch ihren Verletzungen. Ein Drittel der Treuchtlinger Häuser wurde vollkommen zerstört oder zumindest unbewohnbar.


Das Gerücht war jedoch schon vorher umgegangen, dass Treuchtlingen an diesem Tag das Ziel von Bombern werden sollte. Einige Frauen und Kinder flüchteten deshalb schon am Morgen, bevor Alarm gegeben wurde, in die umliegenden Wälder. Andere löschten das Feuer im Herd, öffneten die Fenster (wie sie es gelernt hatten) und versammelten sich in den Kellern, die als Luftschutzräume eingerichtet worden waren.


Für viele Menschen war nach dem Angriff allein schon die sichtbare Zerstörung erschütternd; die in dichten Qualm gehüllte Heimatstadt, womöglich das eigene Haus zerstört, die bizarre Kraterlandschaft und die vielen herumliegenden Toten. Nicht wenige hatten in dem Bombenhagel zudem Verwandte, Freunde und Bekannte verloren. Gerade junge Menschen litten darüber hinaus unter irrationalen Ängsten und sahen neben dem sich vor ihnen ausbreitenden Szenario außerdem ihre eigenen Lebensträume in Trümmern liegen.


Nach dem für Treuchtlingen sehr „schwarzen Freitag“ im Februar machten sich mehrere Trupps aus Soldaten, Kriegsgefangenen (darunter viele Russen), Arbeitsdienst und Volkssturm fieberhaft daran, die zerstörten Bahnanlagen zumindest provisorisch wieder in Gang zu setzen. Die Arbeiten gestalteten sich jedoch wegen der vielen weiteren Fliegeralarme als schwierig.


„Vollendung“ des Werks im April


Ein weiterer schwerer Angriff am 8. April vollendete das grausige Werk und hinterließ die Kleinstadt weitenteils in Trümmern. Neben dem ohnehin schon schwer beeinträchtigten Bereich um den Bahnhof herum wurde hierbei auch das Krankenhaus zur Hälfte zerstört.


Die Bergung der Toten dauerte noch im darauffolgenden Jahr an. Die insgesamt rund 600 Bombenopfer fanden schlussendlich auf der Kriegsgräberstätte am Nagelberg ihre letzte Ruhestätte. Der Wiederaufbau der Stadt ging in der Folgezeit sehr mühselig voran, da es an Material und vor allem an Arbeitern fehlte. Es wurde zum Teil mit primitivsten Mitteln hantiert. 

Sieghard Hedwig

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