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Sinn oder Unsinn der Kampfhundverordnung

Experten halten Kategorisierung nach Rassen für Unfug - 26.01.2012 07:29 Uhr

Ein sechsjähriger Junge ist in seinem Kinderzimmer von einem Kampfhund attackiert worden, den die Familie erst kürzlich als Geschenk erhalten hatte. Unser Foto zeigt nicht die Rasse Dogo Argentino, sondern dient lediglich als Symbolbild. © Hedwig


Die Kampfhundverordnung ist Ländersache und von Bundesland zu Bundesland anders angelegt. In Bayern teilt diese Verordnung – zuletzt 2002 novelliert – „Hunde mit gesteigerter Aggressivität und Gefährlichkeit“ in der Hauptsache in zwei Kategorien ein. Eine weitere Kategorie bezieht sich auf Diensthunde (Zoll, Polizei usw.) und soll hier unberücksichtigt bleiben.

Zum Halten von Hunden der Kategorie I (Pitbull, auch American Pitbullterrier, Bandog, Staffordshire Bullterrier, American Staffordshire Terrier, Tosa-Inu sowie alle Kreuzungen dieser Rassen untereinander oder mit anderen Hunden) ist eine besondere Genehmigung erforderlich. Bei diesen Tieren wird stets die Eigenschaft als Kampfhund vermutet. In Bayern muss der Halter hierbei ein berechtigtes Interesse nachweisen. Gegen seine Zuverlässigkeit dürfen keine Bedenken bestehen. Schließlich dürfen durch das Tier auch keine Gefahren für Leben, Gesundheit, Eigentum oder Besitz drohen. Theoretisch ist also eine Genehmigung möglich. Insider jedoch bestätigen, dass eine solche in Bayern in der Praxis praktisch nie erteilt wird.


Hunde der Kategorie II (Alano, American Bulldog, Bullmastiff, Bullterrier, Cane Corso, Dog Argentino, Dogue de Bordeaux, Fila Brasileiro, Mastiff, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Perro de Presa Canario, Perro de Presa Mallorquin, Rottweiler usw.; alle Rassen respektive Kreuzungen) gelten dann nicht als Kampfhunde, wenn im Einzelfall durch ein offizielles Sachverständigengutachten bzw. eine Wesensprüfung nachgewiesen wird, dass von dem Tier keine gesteigerte Aggressivität und Gefährlichkeit ausgeht. Ist dies per Gutachten bestätigt, wird nach einer weiteren Überprüfung des Gutachtens durch das Veterinäramt von der zuständigen Gemeinde ein sogenanntes „Negativzeugnis“ ausgestellt. Gutachten und Negativzeugnis kommen den Halter derzeit auf rund 250 Euro. Bei Halterwechsel wird übrigens eine neuerliche Überprüfung notwendig.


Das Halten eines Kampfhundes ohne gemeindliche Erlaubnis kann mit empfindlichen Geldbußen belegt werden. Zudem kann die Gemeinde das freie Umherlaufen von Kampfhunden oder einzelnen Rassen einschränken sowie Maulkorbpflicht, Schließvorrichtungen und Warnschilder an den Grundstücken anordnen.


Die „Mischlings-Masche“


Das alles klingt auf den ersten Blick ziemlich vernünftig. Allerdings steckt der Teufel – wie so oft – auch hier im Detail. So können zum Beispiel Hunde, die bei der Stadt für die Hundesteuer angemeldet werden, nicht immer in Augenschein genommen werden. Oftmals wird der Vierbeiner hierbei – bewusst oder aus Unwissenheit – schlicht als Mischling ausgegeben, obwohl er womöglich in eine der oben genannten Kategorien fällt.


Diesen Umstand räumt auch das Treuchtlinger Ordnungsamt ein. Laut Amtsleiterin Anita Enser könnte es durchaus eine gewisse Dunkelziffer geben, da bei den vielen Hunderassen und Kreuzungen keine völlige Kontrolle möglich sei. Die Polizei kontrolliere Hundehalter stichprobenartig, in jedem Fall jedoch bei Auffälligkeiten oder bei konkreten Übergriffen von Vierbeinern auf Mensch oder Tier. Hierbei auftretende Missstände melde diese dann dem Ordnungsamt. Im Zweifelsfall verlange die Gemeinde eine amtliche Überprüfung des Tieres, die vom Halter zu bezahlen ist. Dabei kann übrigens auch ein Hund, der unter keine der genannten Kategorien fällt, mit Auflagen belegt werden.


Kenner der Szene, die für Hunderassen freilich ein geschultes Auge haben, gehen davon aus, dass es in Treuchtlingen eine ganze Reihe von Tieren gibt, die zwar unter eine der beiden Kategorien fallen, jedoch überhaupt nicht gemeldet sind. Einige Vermutungen gehen sogar soweit, dass darunter mehr Hunde aus der Kategorie I zu finden seien als aus der Kategorie II. Dies ruft gerade bei denjenigen Haltern, die für ihren Schützling alle nötigen Papiere besorgt haben, einigen Unmut hervor. Sie fühlen sich durch diese „schwarzen Schafe“ oftmals in Misskredit gezogen.


Ein weiteres Problem sind die vielen Kreuzungen, die am Ende – wenn überhaupt – nur ein Fachmann richtig einordnen und nach ihrer Gefährlichkeit beurteilen kann. Apropos Gefährlichkeit: Gerade Fachleute ziehen stark in Zweifel, ob es überhaupt Sinn macht, die Gefährlichkeit und Aggressivität an irgendeiner speziellen Rasse festzumachen. Kampfhunde würden letztlich vom Menschen gemacht, lautet deren Kredo.


Hans Schmidt aus Wettelsheim ist selbst Züchter von Bullterriern und darüber hinaus öffentlich bestellter und beeidigter Sachverständiger für das Hundewesen: „Wenn man einen normal gezüchteten Bullterrier vor sich hat, mutet der eher wie ein Schoßhund an, obwohl er unter die Kategorie II fällt. Auf der anderen Seite kann zum Beispiel ein ursprünglich gutmütiger Schäferhund, der nicht unter die Kampfhundverordnung fällt, durch falsche Erziehung, Quälerei, Krankheit oder Traumatisierung zu einem großen Risiko werden.“ Schmidt macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass er die Kampfhundverordnung in Bayern für wenig sinnvoll hält. Er legte in einem Gespräch mit unserer Zeitung außerdem Statistiken vor, die wiedergeben, dass die meisten Übergriffe (Beißatta­cken usw.) zumeist nicht von sogenannten Kampfhunden ausgehen, sondern in der Hauptsache von „normalen“ Tieren – allen voran dem Schäferhund. Die Zahlen stammen allerdings aus dem Bundesland Hessen, „weil in Bayern keine Unterlagen zu bekommen sind“.


Und noch einen Kritikpunkt hat er in petto: So ist in der Kategorie I unter anderem der „Bandog“ mit aufgeführt. Diese Rasse gibt es Schmidt zufolge gar nicht. Sie wird übrigens auch von der FCI, der Weltorganisation der Kynologie (Hunderassenkunde) nicht als solche anerkannt.


Warum kein Hunde-Führerschein?


Die Regelung, wie sie zum Beispiel im Bundesland Nordrhein-Westfalen gehandhabt wird, hält er da für weit realistischer. Dort müssen nach seinen Worten Hunde – völlig unabhängig von ihrer Rasse – ab einer Schulterhöhe von 40 Zentimetern und ab 20 Kilogramm Körpergewicht generell durch einen Wesenstest offiziell begutachtet werden.


Zudem treibt ihn ein weiteres Kriterium um, das in der Kampfhundverordnung völlig unberücksichtigt bleibt: der Hundehalter selbst. Hier stellt er die (rein rhetorische) Frage: „Was helfen alle Gutachten und Papiere für einen Hund der Kategorie II, wenn der Halter zum Beispiel aufgrund seiner körperlichen Konstitution sein Tier im Notfall überhaupt nicht festhalten kann?“ Daher favorisiert er statt eines „Alibi-Gesetzes“ eine Art Hundeführerschein, der Halter und Vierbeiner sowie deren Zusammenspiel als Ganzes in den Fokus rückt. Ein solcher Schein käme in seinen Augen der Realität sehr nahe und würde auch dem berechtigten Wunsch der Menschen (und Tiere) im Umfeld nach Unversehrtheit weit mehr gerecht werden.


Er befürchtet jedoch, dass sich an der bestehenden Verordnung kaum etwas ändern werde, da sich kein Politiker an einem solchen Thema die Finger verbrennen wolle. Man will ja schließlich keine schlafenden Hunde wecken... 

Sieghard Hedwig

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