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Treuchtlingen: Bahn testet leise Güterwaggons

Mehr Waren sollen auf die Schiene, dort ist es aber heute schon voll - 16.05.2018 06:08 Uhr

Nicht nur Möhren (hier im Hintergrund) ist vom Bahnlärm geplagt, auch andere Orte wie Solnhofen leiden unter lauten Güterzügen. Die Bahn und Waggonhersteller testen nun einen „Innovativen Güterwagen“ (vorne im Bild), der deutlich leiser sein soll. © Andreas Dollinger


Fast 1,5 Millionen Kilometer Stau soll es laut ADAC 2017 auf deutschen Straßen gegeben haben. Der Verkehr auf den Autobahnen und Bundesstraßen nimmt immer mehr zu. Auch die Bewohner Dietfurts können sich ein Bild davon machen, wälzen sich doch fast 2000 Lastwagen täglich auf der B2 durch den Ort, der nach langem Ringen wohl endlich eine Umgehung bekommen soll.

Vor allem der Lastwagenverkehr ist manchen ein Dorn im Auge, so verursachen zu viele 40-Tonner Straßenschäden, produzieren Lärm und verschmutzen durch ihre Abgase die Umwelt. In der Politik und der Industrie wird daher der Ruf nach der Verlagerung von mehr Gütern auf die Schiene laut – auch, um Staus zu umgehen, die bei den Unternehmen für Geldeinbußen sorgen.

Doch wer an den Gleisen in Treuchtlingen und Umgebung wohnt, wird sich fragen: Noch mehr Verkehr? Denn bereits jetzt ist die Bahnstrecke von Nürnberg nach Treuchtlingen chronisch überlastet. Seit Wochen ersetzt die Bahn im Raum Ansbach marode Oberleitungsmasten, zwischen Triesdorf und Lehrberg kann deshalb nur ein Gleis genutzt werden. Die Folge: Die meisten Güterzüge nehmen von und nach Würzburg den Umweg über Fürth und die Nürnberger Ringbahn nach Treuchtlingen, wie ein Insider berichtet.

Sperrungen sorgen für Überlastung

Hinzu kommen derzeit regelmäßig Baumaßnahmen mit Sperrungen zwischen Nürnberg und Regensburg, auch diese Züge fahren daher aktuell über Treuchtlingen. Da zwischen Fürth und Eibach die Nürnberger Ringbahn jedoch nur eingleisig ausgebaut ist, stauen sich aktuell vor allem in den Abendstunden regelmäßig Züge bis weit nach Treuchtlingen und stehen meist an jedem Bahnhof mit Überholgleisen.

Besonders massiv war die Behinderung am Abend des 19. April, einem Donnerstag, an dem laut Fahrgästen sämtliche Ausweichgleise in den Bahnhöfen von Treuchtlingen bis Nürnberg nicht ausreichten um alle Güterzüge aufzunehmen. Mehrere Güterzüge mussten deswegen auf freier Strecke warten, bis das Nadelöhr Ringbahn frei wurde. Dabei blockierten sie natürlich auch die Regionalbahnen nach Nürnberg. Aufgrund des Stop-and-Go Verkehrs kamen viele Nahverkehrszüge, die Treuchtlingen pünktlich verlassen hatten, erst mit rund 30 Minuten Verspätung in Nürnberg an.

Wie die Bahn auf Anfrage mitteilt, gebe es im Gütertransport beim Verkehrsaufkommen starke Schwankungen zwischen Werktagen und Wochenenden. Ähnlich wie im Güterverkehr auf der Straße, wo Lastwagen über das Wochenende auf Rast- und Parkplätzen geparkt werden, werden auch im Güterverkehr auf der Schiene regelmäßig Züge auf geeigneten Gleisen planmäßig abgestellt. Warum die Gleise aber in den vergangenen Wochen nicht immer ausreichten, wurde nicht beantwortet.

Doch nicht nur der Stau auf der Bahnstrecke ist für die Fahrgäste ärgerlich. Die vielen Güterzüge sind vor allem Anwohnern ein Dorn im Auge. Seit Jahren setzen sich die Bewohner von Solnhofen für mehr Lärmschutz ein. Dort durchschneidet die Bahnlinie den Ort, sie befindet sich allerdings nicht auf einem Bahndamm wie in Treuchtlingen, sondern ist ebenerdig mit der gesamten Umgebung.

Gesetzliche Vorgaben

Die aktuell wohl effektivste Methode um Anwohner vor dem Radau vorbeifahrender Züge zu schützen, sind Lärmschutzwände. Allerdings wirken sie nur punktuell, verschandeln das Ortsbild oder erzielen in Tallagen, wie in Solnhofen, nur kleine Verbesserungen. Nicht nur die Politik im Altmühltal fordert daher seit langem dass die Züge selbst leiser werden müssen.

Ansätze und Projekte zur Reduzierung des Lärms direkt am Zug gab es in den vergangenen Jahren viele, aber nur selten haben diese tatsächlich Einzug in den alltäglichen Bahnbetrieb gehalten. Meist waren diese Maßnahmen einfach zu teuer. Lediglich moderne Container- und Taschenwagen sind auch heute schon spürbar leiser, wohl auch, weil hier eine Umsetzung vergleichbar einfach und beispielsweise die Schweiz schon seit vielen Jahren leisere Waggons vorschreibt. Da derartige Waggons regelmäßig im Alpentransit verkehren, stellten sich die Bahngesellschaften entsprechend schnell darauf ein.

Um die Umstellung des gesamten Fuhrparks auf leisere Wagen zu beschleunigen, regte die Bundesregierung vor einigen Jahren zusammen mit der TU Berlin und der RWTH Aachen das Forschungsprojekt „Innovativer Güterwagen“ an. Vorhandene Komponenten und Technologien sollen dabei in neuen Güterwagen aufgebaut und erprobt werden. Der Fokus liegt dabei auf der Minderung des Lärms, der Einsparung von Energie sowie der Digitalisierung der Waggons. Ziel ist der Beweis, dass eine Beschaffung derartiger Waggons trotz dieser Technologien für die Betreiber wirtschaftlich sinnvoll ist.

Digitalisierung hält Einzug

Zusammen mit Herstellern aus ganz Europa wurden in den vergangenen Jahren entsprechende Waggons entworfen und gebaut. Die Firmen lieferten auch neue Radsätze, Bremsanlagen und automatische Kupplungen sowie Telematiksysteme zur digitalen Kontrolle der Waggons.

Vor kurzem haben nun die Deutsche Bahn als Europas größter Güterwagenbetreiber und der größte Waggonvermieter VTG mit dem Praxistest der Waggons begonnen – auch auf den Bahnstrecken rund um Treuchtlingen. Im Zugverband werden vier Wagen-Typen erforscht, wobei neben die Neuentwicklungen auch einige bewährte ältere Modelle gekuppelt sind, um einen direkten Vergleich zu haben.

So kommen etwa sechsachsige Schwerlastflachwagen für den Transport von Blechrollen, Kessel- und Containerwagen sowie Autotransporter zum Einsatz. Die Wagen sind dabei jeweils leer, zur Hälfte oder vollständig beladen. Hinzu kommen noch drei ältere Wagen, die untereinander mit automatischen Mittelpufferkupplungen ausgerüstet sind. Alle Wagen verfügen über die neueste Telematik, eine elektrische Strom- und Datenleitung sowie eine elektropneumatische Bremsanlage mit digitaler Anzeige. Mittels GPS kann der aktuelle Standort des Zuges jederzeit über das Internet abgerufen werden (www.innovativer-gueterwagen.de).

Zur Reduzierung des Lärmpegels tragen neben dem allgemeinen kons­truktiven Aufbau insbesondere Radsätze und Drehgestelle bei. Während beim heute üblichen Standard-Güterwagen-Drehgestell Y25 die beiden Radsätze weitgehend starr gelagert sind, können sie sich im neuen RC25NT, welches unter den Kessel- und Containerwagen verbaut ist, an Kurven und Gleisneigung anpassen und sollen so für weniger Lärm und Verschleiß von Rad und Schiene sorgen. Schallabsorber auf den Rädern, Scheibenbremsen und Gummifederung sollen ebenfalls helfen, den Lärmpegel zu senken.

In einem Versuchszentrum durchgeführte Messungen ergaben, dass die aktuellen Lärmgrenzwerte für Neufahrzeuge um „deutlich mehr als fünf Dezibel“ unterschritten werden. Anders als die meisten Maßeinheiten, ist Dezibel nicht linear, sondern logarithmisch. Das heißt, bereits eine Reduzierung um sechs Dezibel entspricht einer Halbierung des Lärmpegels. Noch leiser werden die Wagen mit Lärmschürzen direkt an den Rädern. Diese sind allerdings ferne Zukunftsmusik, mangels Betriebszulassung werden sie nur für Messungen auf dem Versuchsring montiert.

Neben dem Versuchszentrum wird der Zug in Deutschland auf fünf Rundkursen erprobt. Die Südschleife führt dabei von Nürnberg nach München, wobei meist über Treuchtlingen und Donauwörth aber teilweise auch durchs Altmühltal gefahren wird. Bis zum Jahresende sollen 150.000 Kilometer gefahren worden sein, die Ergebnisse sollen dann auf der Eisenbahnfachmesse InnoTrans in Berlin präsentiert werden.

Über eine Milliarde Investitionen

In Fachkreisen wurde geschätzt, dass in den nächsten Jahren Inves­titionskosten von über einer Milliarde Euro in leisere Güterwagen anstehen, zumal die Bundesregierung den Einsatz lauter Güterwagen ab 2020 verbieten und mit Strafzahlungen belegen will. Den Mammutanteil von 85 Prozent werden dabei wohl die Bahnunternehmen selbst leisten müssen. Die Bundesregierung wollte der Branche deswegen eigentlich entgegenkommen und ab 2018 pro Jahr etwa 350 Millionen Euro der „Schienenmaut“ übernehmen.

Obwohl dieses Versprechen des damaligen Bundesverkehrsministers Alexander Dobrindt (CSU) auch im Koalitionsvertrag steht, hinderte dies seinen Nachfolger Andreas Scheuer (CSU), nicht, es kurzerhand wieder zu streichen. Bei den Bahngesellschaften und Waggonvermietern wird dies die Bereitschaft neue, leisere Modelle zu beschaffen wohl eher nicht steigern.

Der Bund fördert, wie auch in den vergangenen Jahren, weiterhin die Umrüstung von Altfahrzeugen auf Flüsterbremsen (die sogenannte LL-Sohle) mit jährlich 20 Millionen Euro. Flüsterbremsen sind allerdings nur als ein Bestandteil eines ganzen Bündels an nötigen Maßnahmen um den Lärm zu reduzieren. 

Benjamin Huck Treuchtlinger Kurier E-Mail

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