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Treuchtlingen hat noch sein Bier

500 Jahre Reinheitsgebot: Von einst vier Brauereien ist nur noch eine übrig – Wet-Jubiläum in Windischhausen - 23.04.2016 10:00 Uhr

Braumeister Jochen Engelhardt aus Wettelsheim in der Abfüllung der Brauerei Strauss. Das Pils „Wet“ ist das jüngste Produkt des Familienbetriebs, es feiert heuer seinen 10. Geburtstag. Eine besondere Festbiervariante gibt es im Juni beim Jubiläum der Feuerwehr Windischhausen-Heumödern. © Benjamin Huck


„Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gerste, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen.“ So steht es im Reinheitsgebot, das vor 500 Jahren in Kraft trat. Nur Hopfen und Malz sollen im Bier sein, keine anderen Kräuter oder Zusatzstoffe.

In dieser Zeit wurde an vielen Orten in Treuchtlingen Bier gebraut, meist direkt in den Gaststätten. Günther Leibhard vom Heimatmuseum hat sich mit deren Geschichte beschäftigt. Etwa fünf Gasthöfe mit angeschlossener Brauerei habe es einst in der Kernstadt gegeben, im Gasthaus zum Bären, im Gasthaus Roter Ochse am heutigen Rathausplatz sowie in einer Gaststätte, die sich auf dem Gelände des Treuchtlinger Kuriers in der Hauptstraße befand.

Zu einem großen Unternehmen entwickelte sich das, was 1596 auf einer Urkunde noch als „Preyhaus“ bezeichnet wurde. Die Brauerei ging von einem Privatmann über an die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, die 1664 einen „Bierzwang“ einführten. Alle Gastwirtschaften in Treuchtlingen mussten fortan das Bier von der markgräflichen Brauerei beziehen. Selbst durften sie keinen Gerstensaft mehr herstellen.

Im Jahr 1792 kam die Brauerei zusammen mit dem gesamten Fürs­tentum in preußischen Besitz. Kurz danach wurde der Bierzwang wieder aufgehoben – mit der Folge, dass neue Brauereien entstanden. Der ehemalige Staatsbetrieb wurde dabei quasi „privatisiert“. Neuer Besitzer wurde 1797 Johann Georg Feldner. Das Brauhaus blieb genau 100 Jahre lang in seiner Familie. Lediglich der Name änderte sich, als 1835 Johann Matthias Huß einheiratete.

Die Brauerei wurde 1897 von einem gewissen Fritz Schäff übernommen. Bis zum Jahr 2005 stellte der Großbetrieb als Schäffbräu das Bier her, seitdem konzentriert er sich auf Mineralwasser. Aus dem Sommerkeller der Brauerei war schon vorher die Diskothek „Monument“ entstanden.

Die zweite traditionsreiche Brauerei in der Treuchtlinger Kernstadt war die Brauerei Roth, von der heute noch die Wallmüller-Stuben zeugen. Der Wirt Johann Georg Hummel kaufte das Anwesen im Jahr 1837. Seine Nachfolger, Heinrich und Babette Dorner, ließen 1874 eine neue Bierbraueinrichtung einbauen. Wann genau die Brautätigkeit aufgenommen wurde, ist nicht eindeutig belegt. Die Brauerei blieb ebenfalls in der Familie. 1896 heiratete Karl Roth ein. Nach dessen Tod im Jahr 1956 führten die Töchter den Betrieb bis 1966 weiter.

Die Brauereigebäude selbst wurden – wie auch weitere große Teile der historischen Bausubstanz in Treuchtlingen – in den 1970er Jahren abgebrochen. Sie standen dort, wo heute die Luitpoldarkaden zu finden sind. Nur die einstige Gaststätte (heute Wallmüllerstuben) blieb erhalten. Karl Roth hatte zur Kühlung seines Biers gleich zwei Sommerkeller betrieben: den zwischen den Kellern der Schäffbräu und der Wettelsheimer Brauerei am nordöstlichen Patrichberg sowie den erst nach 1900 erbauten Perlachbergkeller, der später von Schäff übernommen wurde.

Das Historische Foto aus der Zeit um 1910 zeigt die damals beherrschende „Skyline“ der Schlöte der Brauerei Schäff. Damals floss die Altmühl (im Vordergrund) noch unbegradigt an der Stadt vorbei. © Archiv


Jenseits der großen Häuser gab es in der Altmühlstadt außerdem noch eine kleine, weitgehend unbekannte Brauerei: die Weizenbierbrauerei Wachtler. Sie war eine Besonderheit in der Region und wurde 1927 von Josef Dischinger in der Fischergasse gegründet. Schon 1928 wurde sie von Friedrich Wachtler übernommen, dessen Sohn sie bis 1943 führte. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt. Die Brautätigkeit wurde danach nicht mehr aufgenommen und das Haus in den 1970er Jahren abgerissen.

Die Brautradition in der Kernstadt Treuchtlingen und damit das Treuchtlinger Bier sind Geschichte. Doch zum Glück gab und gibt es im benachbarten Wettelsheim eine ebenso traditionsreiche Brauerei. Im Jahr 1797, nach dem Fall des Bierzwangs, ersteigerte Nikolaus Erdinger die Konzession für das Dorf und baute in der Folge das Brauhaus sowie eine Gaststätte.

1820 erwarb Elisabeth Stöhr das Anwesen, nachdem ihr Vorgänger bankrott gegangen war. Einschließlich mehrerer Einheiraten betrieb die Familie die Brauerei ungefähr ein halbes Jahrhundert lang. Mitte des 19. Jahrhunderts baute Johann Georg Ranzenberger den Wettelsheimer Keller, der sich bis heute im Sommer größter Beliebtheit erfreut.

Den heutigen Namen der Brauerei Strauß und der dazugehörigen, erfolgreichen Biersorten begründete Johann Michael Strauß, der das Unternehmen 1874 kaufte. Seither ist es in Familien­besitz.

Braumeister Jochen Engelhardt steht im Abfüllraum der Brauerei in der Wettelsheimer Ortsmitte und füllt Festbier ab. Die Freiwillige Feuerwehr Windischhausen feiert heuer auch Jubiläum, allerdings nur 110-jähriges. Vor zehn Jahren wurde fürs Fest eigens das „Wet“-Pils kreiert, das nun auch Geburtstag feiert. Das Festbier, das es vom 10. bis 12. Juni in Windischhausen gibt, wird stärker sein als das aus der Flasche, so Engelhardt.

Im kürzlich zum Reinheitsgebotsjubiläum erschienenen Buch „100 Beste Biere Bayerns“ ist die Brauerei Strauß als „Bewahrer der Märzentradition“ ausgezeichnet. Die Autoren loben den erhalt der historischen Sorte, sie sei „eine Besonderheit, die heute nur noch selten zu finden ist.“ Die Tradition zu bewahren findet Engelhardt wichtig. Das Märzen gibt es immerhin schon seit 150 Jahren aus dem Holzfass am Wettelsheimer Keller.

Der Chef der Veltins-Großbrauerei aus NRW sagte vor Kurzem eine Welle von Brauerei-Pleiten voraus. Der Bierkonsum in Deutschland gehe zurück, in der Branche tobe ein Verdrängungswettbewerb. Das glaubt Engelhardt auch, aber „das betrifft vor allem die Fernsehbiere, nicht uns kleinen Handwerksbrauereien.“ Die Kunden würden sich seit einigen Jahren auf die Regionalität besinnen. „Lieber geben sie ein oder zwei Euro mehr für einen Kasten aus; dafür wissen sie, wo es herkommt.“

In Wettelsheim kommt Hopfen aus der Holledau und Malz aus Pappenheim in den Sud – so wie es das Reinheitsgebot vorschreibt. Auch nach 500 Jahren hält Braumeister Engelhardt das Gebot für wichtig: „Wenn erst einmal ein anderer Zusatzstoff zugelassen wird, ist es schwer, eine Grenze für andere Zutaten zu ziehen.“ Außerdem gebe es 200 verschiedene Malze und 50 verschiedene Hopfensorten, die lassen eine große Kombinationsmöglichkeit zu.

Der Erfolg gibt ihm recht. Seit einiger Zeit liefert Engelhardt pro Monat drei Paletten Bier nach Berlin. Eine ehemalige Treuchtlingerin hat dort eine Wirtschaft eröffnet und sich an das Getränk ihrer Heimat zurückerinnert, so Engelhardt: „Und sie kann sich über den Absatz nicht beschweren.“

 

Hubert Stanka/Benjamin Huck Treuchtlinger Kurier

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