Freitag, 19.10.2018

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Treuchtlinger Maidemo: Gegen digitalen Lohndiebstahl

EVG-Sekretär Reiner Bauch beleuchtete Chancen und Gefahren der „Arbeitswelt 4.0“ - 02.05.2018 06:04 Uhr

„Die Schonzeit für die Arbeitgeber ist vorbei!“, gab sich DGB-Kreisvorsitzender Willi Ruppert (rechts) bei seiner Begrüßungsrede kämpferisch. © Patrick Shaw


Kühles Wetter, der Brückentag und nicht zuletzt wohl der schwere Unfall in Wettelsheim begrenzten die Teilnehmerzahl auf ordentliche, aber nicht überzeugende 120 bis 130. Ihnen heizte DGB-Kreisvorsitzender Willi Ruppert aber gleich ordentlich ein. „Die Schonzeit für die Arbeitgeber ist vorbei“, rief er den Arbeitnehmern, Gewerkschaftern und Vertretern von Sozialverbänden und Politik kämpferisch zu. Es gelte, die Tarifflucht zu unterbinden, ein gerechtes Steuersystem zu schaffen, für ein solidarisches Europa einzutreten und gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit aufzustehen.

Bürgermeister Werner Baum (SPD) blickte indes zurück und erinnerte an „den fortwährenden Kampf der Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gerechtigkeit“. In der Arbeitswelt von morgen gehe es dabei verstärkt um „mehr Zeit statt mehr Geld“. Auf diesen Aspekt ging auch Pfarrer Hans Schmidtlein aus Bechhofen ein, der vehement für den arbeitsfreien Sonntag eintrat.

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„Die Rente muss zum Shoppen reichen!“ Diese und weitere Forderungen vertraten DGB und EVG bei der zentralen Maikundgebung des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen in Treuchtlingen.


Hauptredner der Kundgebung, die der Trachtenverein tanzend begleitete, war Gewerkschaftssekretär Reiner Bauch von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. Er mahnte ebenfalls, Errungenschaften wie Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung oder bezahlten Urlaub „zu bewahren, aber auch den Wandel des Berufslebens mitzugestalten“. Die Digitalisierung biete viele Möglichkeiten, nur sei „das Neue nicht automatisch auch gut“.

Als wegweisend bezeichnete Bauch die jüngsten Tarifabschlüsse von IG Metall, IG BCE und EVG. Sie ermöglichten „mehr Flexibilität im Sinne der Beschäftigten und Arbeitszeiten, die zum Leben passen“. Unbezahlte Überstunden seien dagegen „Lohndiebstahl“. Als Gegengewicht zu Leistungsdruck, permanenter Verfügbarkeit und Personalabbau brauche es mehr Mitbestimmung. Entschieden entgegentreten will Bauch der Tarifflucht und dem „Wildwuchs an atypischen Beschäftigungsverhältnissen“. Nur wer einen Festanstellung habe, könne für sich und seine Familie eine Zukunft aufbauen.

Den digitalen Wandel in der Arbeitswelt gerecht gestalten möchte Hauptredner Reiner Bauch von der EVG Augsburg. © Patrick Shaw


Außerhalb der Betriebe machte der Mairedner bezahl­baren Wohnraum, Rente und Gleichstellung als soziale Brandherde aus. Wer jahrelang gearbeitet hat, müsse von seiner Rente gut leben können – aber auch, wer Kinder erzieht oder Angehörige pflegt. Eine auskömmliche Altersversorgung sei keine Finanzierungs-, sondern eine Verteilungsfrage.

Scharf kritisierte Bauch die ungleichen Löhne und Chancen von Frauen. Das Entgelttransparenzgesetz bringe Transparenz, aber keine Gerechtigkeit. Für „untragbar“ hält der Gewerkschafter den Wohnraummangel in Bayern. Den Bau bezahlbarer Wohnungen zu fördern, sei verfassungsgemäß Aufgabe des Staates. Wenn er die Verfassung ernst nähme, hätte Ministerpräsident Markus Söder aber seinerzeit nicht 32.000 Sozialwohnungen an einen Immobilienhai verkauft. Es brauche bei diesem Thema „klare ordnungspolitische Maßnahmen und keine halbherzigen Mietpreisbremsen“.

Klare Kante zeigte Bauch schließlich der AfD – wenngleich er die drei Buchstaben nicht in den Mund nahm. Wer sie wähle, der wähle nicht nur Fremdenhass, sondern auch „die Steinzeit“ bei Mitbestimmung, Arbeitszeitschutz und Gleichstellung. Die Vorstellungen der Rechten seien „die reinste­ Form des Neoliberalismus“. 

Patrick Shaw Redaktion Treuchtlinger Kurier E-Mail

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