Mittwoch, 14.11.2018

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Treuchtlingerin Elke Philipp reitet bei der EM

Mit Zügeln statt Krücken auf Titeljagd für Deutschland - 10.08.2013 09:59 Uhr

Elke Philipp auf Pferd Regaliz beim diesjährigen Maimarktturnier in Mannheim. © Philipp


Mit 20 Jahren ist Elke Philipp an einer Hirnhaut- und Kleinhirnentzündung erkrankt. Der zu spät erkannte Virus schädigte ihr Gehirn so stark, dass sie heute linksseitig spastisch gelähmt und rumpfinstabil ist. Das heißt, dass sie an Krücken gehen muss, links kaum greifen kann und mangels Muskelspannung oft schon ein kleiner Stups genügt, um sie umzuwerfen. Größere Anstrengungen sind ihr nur mit Hilfe eines permanenten Luftröhrenschnitts möglich, mit dem sie durch eine Öffnung im Hals atmen kann.


„Der Kampf kam mit der Krankheit“, sagt Philipp heute. Eineinhalb Jahre lag sie im Krankenhaus, es folgte Reha auf Reha. „Ich hab halt überlebt“, blickt sie auf diese Zeit zurück – mehr nicht. Die Familie habe ihr Halt gegeben.


In Heidelberg absolvierte die heute 49-Jährige einige Jahre später die Ausbildung zur medizinisch-technischen Laborassistentin, arbeitete danach zehn Jahre lang in der Klinik Höhenried am Starnberger See und studierte in Karlsruhe Großlabor­management. Dabei kam sie auch mit der „Hippotherapie“ in Kontakt, dem therapeutischen Reiten.


Von der Piste in den Sattel


Ihre ersten Schritte – oder besser Schwünge – im Behindertensport tat Elke Philipp jedoch auf Skiern: Von 1999 bis 2002 wurde sie zweimal deutsche Meisterin sowie Europapokal-Vierte im alpinen Parasport. Schon vor ihrer Erkrankung hatte sie viel Leichtathletik gemacht und in der Prinzengarde der Treuchtlinger Karnevalsgesellschaft getanzt.


Auf dem Pferderücken saß Philipp während dieser Zeit nur zu therapeutischen Zwecken. Allerdings mit großem Erfolg: Nach wenigen Jahren ersetzten die Krücken in vielen Situationen den Rollstuhl. Mit dem Pferd im Gelände erfuhr sie nach eigenen Worten „ein neues Freiheitsgefühl“.


Den Ausschlag, auch sportlich von den Brettern in den Sattel umzusteigen, gaben zwei Ereignisse: Ers­tens sollte Elke Philipp (die damals noch Elke Spiegl hieß) 2002 bei den Winter-Paralympics in Salt Lake City antreten, fand aber bis zuletzt keinen Sponsor. „Das hat mich sehr enttäuscht“, sagt sie. Zweitens lernte sie im selben Jahr den Treuchtlinger Apotheker Werner Philipp kennen, den sie drei Jahre später heiratete. Da war die gemeinsame Zeit erst einmal wichtiger als das Skifahren.


Vier Jahre später hieß es dann: „Jetzt wird richtig Reiten gelernt!“ Mit ihrem ersten eigenen Pferd Rousseau­ trainierte Elke Philipp fortan in Eysölden. Ihrem Mann brachte sie ebenfalls das Reiten bei, sodass er heute fester Bestandteil des EM-Teams ist.


Ebenso plötzlich kam im Jahr 2010 der sportliche Erfolg. Als erstes Turnier überhaupt meldete sich Philipp zu den deutschen Meisterschaften in Bochum an. Viele Freunde und Bekannte hätten sie damals eher belächelt, erinnert sie sich. Zu Unrecht: Dem dritten Platz bei den Grad-1-Behinderten folgten im Juli der bayerische Meistertitel sowie Sichtungslehrgänge für den Landes- und Bundeskader.

Seit dieser Woche hat Elke Philipp die rote Jacke des Nationalkaders. © Shaw



Zwei ganz besondere Tiere


Für die neuen Anforderungen reichten bald auch die Trainingsbedingungen in Treuchtlingen und der gutmütige, aber am Zügel unpräzise reagierende Sachsen-Anhaltiner-Wallach Rousseau nicht mehr aus. So wechselten die Philipps mit Ross und Reiter ins westfälische Rietberg zu Co-Bundestrainer Dirk-Michael Mülot und seiner Frau Hedwig sowie Ausbilderin Alexandra Suntrup. Jedes Wochenende trainieren sie dort seither mit den beiden neuen Pferden, den sechs- und 13-jährigen Hannoveranern Regaliz (spanisch für „Lakritz“) und Del Rusch.


Das Besondere an den Tieren: Sie müssen nicht nur absolut zuverlässig und gehorsam sein, sondern sich auch immer wieder vom behinderten auf einen nicht behinderten Reiter umstellen. Letzterer fordert sie im Training, sitzt aber Elke Philipp im Sattel, dürfen die Pferde im Schritttempo nicht ungeduldig werden. Denn Reiten im Trab oder Galopp ist für Grad-1-Behinderte wie sie nicht drin. „Die winzigsten Bewegungen und Gewichtsverlagerungen sind wichtig“, erklärt die 49-Jährige. „Die Pferde müssen sehr sensibel und klar im Kopf sein und dürfen nie schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.“


Die gesamte Wettkampfvorbereitung ist laut Philipp „absolute Teamarbeit“. Sie werde „nie eine Medaille allein gewinnen – das ist immer das Team“. Dessen wohl wichtigstes Mitglied ist Ehemann Werner Philipp. Trotz eines plötzlichen Todesfalls in der Familie wird er seine Frau während der gesamten EM begleiten. Er weiß, wo sie Hilfe braucht, muss sie bisweilen aber auch bremsen, wenn sie sich zu übernehmen droht. Dann sagt er ihr schon einmal, dass sie vor dem Turnier lieber ausruhen sollte, als noch auszugehen.


Ob sie angesichts ihrer körperlichen Einschränkungen anfangs Angst hatte, mit den großen Tieren zu arbeiten? „Nie“, sagt Elke Philipp. Für sie sei das Reiten nicht zuletzt ein Austesten der eigenen Grenzen. Und sie habe ja Hilfsmittel, etwa besondere Steigbügel und Schlaufen an den Zügeln. „Eine Behinderung ist nur eine besondere Herausforderung, die gemeistert werden muss“, lautet ihr Credo.


Medaillen für Deutschland


Die diesjährigen FEI-Europameis­terschaften sind nach den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky das erste Mal, dass die Para-Reiter Bestandteil des regulären Turniers sind. Ihre Ergebnisse schlagen sich auch im Medaillenspiegel der Nationen nieder – bei den Deutschen laut Philipp bislang meist verbessernd. Drei Durchgänge gilt es zu absolvieren: Teamtest, Championats-Aufgabe und Kür.


Neben der Treuchtlinger New­comerin reiten in Dänemark das bereits bewährte deutsche Trio aus Dr. Angelika Trabert, Britta Näpel und Hannelore Brenner sowie als zweiter „Neuling“ Nora Kristina Hamann aus Fürstenberg. Trabert, die ohne Beine geboren wurde, und Näpel, die nach einer Vergiftung unter Lähmungen leidet, treten im Behinderungsgrad 2 an. Die aktuelle Doppelweltmeis­terin und Doppel-Paralympics-Siegerin Brenner, die nach einem Reitunfall teilquerschnittsgelähmt ist, startet im Grad 3. Die am schwersten Behinderten im Team sind aber Hamann (Grad 1b mit Spastiken nach einem Herzstillstand) und Elke Philipp, die als erste deutsche Para-Reiterin überhaupt bei einer EM im Grad 1a antritt.


Los geht es für die deutsche Equipe am Sonntag, 11. August – zuerst für vier Tage zum Training bei Co-Bundestrainer Mülot nach Langenberg. Am Donnerstag trifft sich der gesamte Bundeskader dann im Ausbildungszentrum Luhmühlen, um am 18. August weiter nach Dänemark zu reisen.


Elke Philipp, die beim jüngsten internationalen Turnier im belgischen Morsele mit ihren beiden neuen Pferden gleich einen ersten und einen dritten Platz geholt hat, freut sich aber nicht nur auf den Wettkampf, sondern auch darauf, „unser Land zu repräsentieren“. Strahlend zeigt sie ihre rote Jacke mit dem Bundesadler. Favoriten sind für sie bei den Para-Reitern allerdings die Engländer, die sogar zwei 1a-Behinderte in ihren Reihen haben. „Ich wäre schon sehr stolz, zumindest einen davon zu knacken“, meint sie.

Wer Elke Philipps EM-Teilnahme hautnah verfolgen möchte, findet ihr persönliches Turnier-Tagebuch im Internet unter www.elke-philipp.de.

 

Patrick Shaw

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