Donnerstag, 21.03.2019

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"Zwischen Steinwurf und Teddybären-Weitwurf"

Der Autor und Menschenrechtsaktivist Urs M. Fiechtner las und diskutierte im Treuchtlinger Kulturzentrum Forsthaus - 10.11.2016 06:05 Uhr

Feinsinniger Poet, geschickter Erklärer und streitbarer Geist im Dienste der Grundrechte: Urs M. Fiechtner entließ sein unverdient kleines Treuchtlinger Publikum mit vielen neuen Denkanstößen. © Patrick Shaw


Antworten auf einige dieser Fragen gab der Ulmer Menschenrechtsaktivist und Autor im Treuchtlinger Kulturzentrum Forsthaus. Der Lions Club Altmühltal hatte Fiechtner zu der Lesung eingeladen, die sich dem politischen Reizthema „Flucht, Asyl, Exil“ überraschend literarisch, teils sogar poetisch näherte und ebenso feinsinnig wie plakativ Gesellschaftsethik, Psychologie und die Macht der Sprache miteinander verknüpfte. Es war ein Abend, der im wohltuenden Kontrast zu all den aufgeregten Fernsehdebatten und geifernden Internetkommentaren stand, und aus dem wohl nahezu jeder der leider nur knapp 20 Besucher neue Blickwinkel, frische Denkanstöße und Fragen an sich und seine Überzeugungen mit nach Hause nahm.

„Was macht Menschen fremd und uns Angst vor anderen?“ Wer den wahren Geist von Grundrechten wie dem Recht auf Flucht und Asyl erfassen möchte, muss sich diese Frage früher oder später stellen. Denn es ist leichter, etwas Fremdes abzulehnen, als das, was man versteht und in sich selbst wiederfindet. Wie fremd sind uns also diese Leute aus anderen Ländern, ja von anderen Kontinenten, wenn man die Sprache einmal beiseite lässt?

„Überhaupt nicht“, sagt Urs Fiecht­ner. Und er kann es beweisen anhand des uralten Zitats eines aztekischen Künstlers, das wörtlich übersetzt sehr rätselhaft klingt. Sinngemäß bedeutet es jedoch einfach: „Überleben ist Handwerk. Aber Leben ist Kunst.“ Und das versteht wirklich jeder, egal welche Sprache er spricht oder wie er sozialisiert wurde, egal ob Deutscher oder Flüchtling. „Wo ist hier der Zusammenprall der Kulturen?“, fragt Fiechtner.

Eben weil sich alle Menschen in ihrem Grundverständnis so ähnlich sind, habe er bisher auch keine Antwort auf die Frage gefunden, was sich die CSU und andere „Wächter des Abendlandes“ unter dem Begriff „Leitkultur“ vorstellen, so der 62-Jährige. Die deutsche Sprache könne es nicht sein, wenn man bedenke, dass der Durchschnittsbürger von den mehr als 650.000 Vokabeln seiner Muttersprache nur rund 20.000 beherrsche und es zum Verfassen eines typischen Berichts der Bildzeitung gerade einmal 200 Begriffe brauche. „Ist das Kultur?“

Sprache prägt die Debatte

Ganz entscheidend ist die Sprache aber laut Fiechtner für den Ton der Debatte. Der Begriff „Flüchtlingskrise“ etwa: „Damit sind sicher nicht die 65 Millionen Menschen gemeint, die weltweit auf der Flucht sind, sondern nur die zwei Millionen, die sich erdreis­ten, nach Europa zu kommen“, ätzt der Schriftsteller. Und auch das nur, weil „wir zu geizig sind“. Denn neun von zehn Migranten würden lieber in ihrer Heimatregion bleiben – wenn die Weltgemeinschaft die verhältnismäßig geringen Kosten für Lager und Versorgung aufbringen würde.

In Europa treffen dann schwer traumatisierte Opfer von Folter und Gewalt auf eine Gesellschaft, die sie ebenso wenig verstehen wie ihre Gastgeber die Welt, aus der sie kommen. In den Augen der Zuwanderer sei der typische Deutsche manisch ordnungsliebend, rechtfertige sich ständig und müsse alles und jeden anmelden, benennt Fiechtner gängige Klischees. Dabei gebe es den Deutschen ebenso wenig wie den Flüchtling.

„Flüchtlinge sind Menschen, die Geschichten über Grenzen tragen“, heißt es dem Autor zufolge in einem Zitat von Berthold Brecht. Das Problem: „Oft sind sie nicht in der Lage, ihre Geschichte zu erzählen, und wir nicht in der Lage, zuzuhören.“ Wenn beide das könnten, „gäbe es fast keine Fremdenfeindlichkeit mehr“.

Verbunden in Vielfalt

Letztlich ist es ein Plädoyer für die Freude an der Vielfalt und den gleichzeitigen Sinn für das Verbindende, das Urs M. Fiechtner hält. Es gelte, den richtigen Mittelweg „zwischen Steinwurf und Teddybären-Weitwurf“ zu finden.

Damit kritisiert der Menschenrechtsaktivist nicht nur Fremdenfeindlichkeit, sondern auch Leute, die selbst dann „solidarisch betroffen“ sind, wenn ein Zuwanderer aus Unwissen Senf mit Zahnpasta verwechselt – statt einfach mit ihm über das Missverständnis zu lachen. „Wir Deutschen denken oft, dass das Gegenteil von etwas Dummem zwingend intelligent ist“, so Fiechtner. Deshalb seien große Teile der Bevölkerung „entweder xenophil oder xenophob, statt Flüchtlinge einfach wie Ihresgleichen zu behandeln“.

Womit der Referent zurück zur Frage der (Leit-)Kultur kommt. Die kann nach seiner Auffassung nicht aus Schuhplattler und Weißwurst bestehen, ebenso wenig wie aus deutscher Sprache, Pünktlichkeit oder Wertarbeit. „Unsere gemeinsame Kultur ist europäisch“, sagt Fiechtner. Ihre Wurzeln hat sie in der Aufklärung, ihre Katastrophe in den zwei Weltkriegen.

Es sind die Menschenrechte, die dem Schriftsteller zufolge als einzig relevanter gemeinsamer Nenner die so verschiedenen Menschen Europas im Geiste verbinden. Allein sie taugen ihm zufolge für den Kulturbegriff, da hinter ihnen die Jahrtausende alte, bittere Erfahrung Europas stecke. Dass Deutschland sie ins Grundgesetz übernommen habe und seit 70 Jahren in Frieden und Freiheit lebe, sei mehr als jede Tradition oder technische Erfindung „die größte zivilisatorische Errungenschaft und der größte Fortschritt“.

Zur Person

Urs M. Fiechtner, geboren 1955 in Bonn, aufgewachsen unter alten Nazis und späteren Putschisten in Lateinamerika, heute sess­haft in der Nähe von Ulm, ist freiberuflicher Autor, begnadeter Vorleser und Träger zahlreicher Literaturpreise. 1976 gründete er die interkulturelle „autorengruppe79“. Viele seiner Bücher behandeln Themen rund um die Menschenrechte, mit denen er sich auch als Berater von Behandlungszentren für Folteropfer und langjähriges Mitglied von Amnesty International auseinandersetzt. Für dieses Engagement flog es 1970 von der Schule und freut sich, dass er heute zum selben Thema von Schulen in ganz Deutschland als Referent eingeladen wird. 

PATRICK SHAW

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