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Turbulentes Leben in 29 barocken Zimmern

Blick hinter hohe Mauern: Familie von Süsskind lebt seit acht Generationen auf Schloss Dennenlohe - 02.06.2011

„Frau Baronin kommt gleich!“, ruft eine freundliche Stimme zur Begrüßung. Frau Baronin, das ist Sabine Freifrau von Süsskind, die hier zusammen mit ihrem Mann Robert und den beiden 13-jährigen Zwillingen lebt.

Bereits in der achten Generation wohnen die Süsskinds in dem prächtigen Barockschloss aus dem Jahr 1734, das Leopold Retti entworfen hat. Auf seinem Reißbrett entstanden auch das Neue Schloss in Stuttgart und die Ansbacher Residenz. Seit jener Zeit ist die Fassade unverändert, heute steht das herrschaftliche Anwesen unter Denkmalschutz. Dass Dennenlohe nahe Unterschwaningen im Landkreis Ansbach, eingerahmt von Kavaliershäusern, Gärten und einem Gutshof, durchaus vorzeigbar ist, haben auch Filmemacher längst erkannt: Für Fernsehserien wie „Schloss Hohenstein“ und „Frankenberg“ diente es als Kulisse.

155 Fenster in 29 Zimmern

Doch wer meint, in solch einem Besitz den Prinzessinnentraum träumen zu dürfen, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „Man muss das Chaos lieben“, meint die Baronin mit einem Augenzwinkern „und als Schlossherrin durchaus flexibel sein.“ Nein, eine perfekte Hausfrau sei sie keine, Tischdecken sind bei ihr schon allein aus praktischen Gründen bei zwei halbwüchsigen Kindern und sieben Hunden abgeschafft worden. Einzig die Stoffservietten gehören zu jedem Mahl dazu.

500 Quadratmeter Grundfläche hat das Schloss mit insgesamt 29 Zimmern im Haupthaus und 155 Fenstern, die allesamt geputzt und in Schuss gehalten werden wollen.

„Gott sei Dank!“, seufzt die Baronin, ist das Haus mit Empire-Möbeln und nicht mit barocken Schwergewichten ausgestattet. Da trifft sich die Familie in der Bibliothek, im Kamin- oder Billardzimmer. Zentral ist der riesige Esstisch, wo gerne und oft zusammen mit Freunden getafelt wird. Gastfreundlichkeit sei ein hohes Gebot des Adels, erzählt die Baronin, in deren Gefriertruhe immer genügend Leckereien für unerwarteten Besuch sind. Ein großes Haus lebe von vielen Gästen, sagt sie.

Das Übernachtungsproblem stellt sich in Dennenlohe nicht: aus den ehemaligen Gesindekammern sind wohnliche Gästezimmer mit modernen Duschen und Bädern entstanden.

Und immer wieder gelingt der Spagat zwischen Tradition und Moderne: Wenn etwa die Sofas nicht aus dem Antiquitätenladen, sondern aus dem schwedischen Möbelhaus sind. Oder auch in einem der riesigen Kinderzimmer, das aus zwei Räumen mit breiten Flügeltüren besteht: Hier liegt das Modellbau-Boot neben einer Ausgabe von Harry Potter, zahlreiche Exemplare von Perry Rhodan stehen im Regal, während von der Stuckdecke, als Zugeständnis an den Denkmalschutz, der mächtige Kronleuchter baumelt.

Was eine Baronin ausmacht? Sabine von Süsskind lacht. Stressresistent müsse man sein, kreativ und zupacken können. Mut zur Lücke müsse man haben, ständig gehe in dem großen Anwesen irgendwo etwas kaputt.

Sieben Monate lang habe sie, als die Kinder noch klein waren, einen ganzen Winter lang die Ölfarbe im Treppenhaus abgespachtelt, mit dem Presslufthammer 70 Stunden lang die Bäder bearbeitet. Enorme Summen verschlingt der Besitz, allein die Heizkosten schlagen pro Saison mit 25000 Euro zu Buche.

Schilf und Brennessel

Kreativ war und ist auch ihr Mann, Robert von Süsskind, der in den vergangenen 20 Jahren aus einer „Schilf- und Brennnesselwüste“ einen 14 Hektar großen Park geschaffen hat, der Gartenliebhaber aus der gesamten Republik ins verschlafene Örtchen zieht. Täglich ist der grüne Baron in seinem Park unterwegs, gräbt, buddelt und gestaltet. Kaum ein Gewächs, das nicht eigens von ihm gepflanzt wurde.

Dass ein Schloss wie Dennenlohe seit Generationen in Privatbesitz ist und noch dazu von einer jungen Familie bewohnt wird, verwundert den einen oder anderen Gartenbesucher.

Eintritt wollten einige schon bezahlen, um die Räume zu besichtigen, erzählt von Süsskind, die dreistere Spezies husche schon mal durchs Tor und nehme unaufgefordert auf der Terrasse Platz.

Und alle versuchen, an der hohen Gartenmauer einen Blick aufs Schloss zu erhaschen. Auch sie möchten wohl gerne bleiben.

Vom 2. bis 5. Juni finden in Dennenlohe die 12. Schloss- und Gartentage statt. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. Eintritt 10 Euro. Internet: www.dennenlohe.de  

VON BIRGIT HERRNLEBEN

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