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Vernichtende Bilanz: Bund Naturschutz kritisiert ICE-Trasse

Wut vieler Bürger entlang der Strecke ist nach wie vor groß - 06.12.2017 16:49 Uhr

Politik und Bahn haben den Bau der Schnellfahrtstrecke gegen den Widerstand der Hauptbetroffenen entlang der Strecke durchgeboxt. © DB AG/ Hannes Frank


Der Lichtenfelser Forst: von einer gewaltigen Schneise durchzogen. Das Banzer Hügelland: zerschnitten. Die Mainquerung bei Wiesen: nicht mehr wiederzuerkennen, wenn man alte und neue Fotos vergleicht. Alleine auf den 34 Schienenkilometern von Ebensfeld bei Lichtenfels bis zur Landesgrenze nach Thüringen ist nichts mehr so wie es einmal war. "Unsere schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen", sagt Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bund Naturschutz (BUND). Bund Naturschutz und die Bürgerinitiative "Das Bessere Bahnkonzept" sind 25 Jahre lang gegen das Prestigeprojekt der Bahn zu Felde gezogen. Sie haben von Beginn an vor großen Kostensteigerungen gewarnt (die sich tatsächlich mehr als verdreifacht haben) und durchgerechnete Alternativvorschläge auf den Tisch gelegt. "Deren Umsetzung hätte die Hälfte gekostet und ein Vielfaches an Vorteilen gebracht", sagt Weiger. Doch jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, muss auch BN-Landesbeauftragter Richard Mergner die Niederlage eingestehen.

5,3 Milliarden für 107 Kilometer

Weiger und Mergner sowie einige alte Weggefährten aus Oberfranken tun das auf einer Pressefahrt zu besonders neuralgischen Punkten der Neubaustrecke. Ihre Bilanz fällt vernichtend aus. Für die geschätzten 5,3 Milliarden Euro, die man für 107 Schienenkilometer ausgegeben hat, bekomme man vergleichsweise wenig.

Hubert Weiger (Mi.) und seine Mitstreiter halten den ICE-Bau für einen großen Fehler. © Konopka/BN


Immerhin: Die Fahrzeit von Nürnberg bis in die Bundeshauptstadt verkürze sich, räumt Hubert Weiger ein. Aber die Zeitersparnis werde ja wieder aufgefressen, weil die Bahn zwar in die Schiene investiere, aber nicht in Verlässlichkeit und Pünktlichkeit. "In der Regel muss man ja heute immer einen Zug früher nehmen, um rechtzeitig da zu sein." Die kürzere Fahrzeit kann nach Überzeugung des Bund Naturschutz vor allem niemals die Nachteile aufwiegen. Weil ein ICE in höchstem Tempo keine engen Kurven fahren kann und nur geringe Steigungen schafft, haben Planer gewaltige Breschen in die Landschaft und Löcher in die Hügel und Berge geschlagen. "Dabei ist doch das Land unsere wertvollste Ressource. Dieses Land wird durch ein solches Milliardenprojekt aber entwertet", ereifert sich Weiger.

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Rechte der Bürger ausgehebelt

Und: Politik und Bahn haben den Bau der Schnellfahrtstrecke gegen den Widerstand der Hauptbetroffenen entlang der Strecke durchgeboxt. Mittels Beschleunigungsgesetz wurden nach Ansicht von Richard Mergner Rechte von Bürgern und Gemeinden ausgehebelt. Trotzdem ging es, was den Bau angeht, nur im Schneckentempo voran. Eigentlich hätten schon 2004 die weiß-rot lackierten Vorzeige-Züge der Deutschen Bahn mit Tempo 300 durch Oberfranken und den Thüringer Wald rauschen sollen. Erst 13 Jahre später kann jetzt die Kanzlerin zusteigen.

Derweil ist die Wut vieler Bürger entlang der Strecke nach wie vor groß. Die für den Bau notwendigen Grundstücke habe die Bahn längst bebaut, erzählt Stefan Kabitz von der in den 1990er Jahren gegründeten Bürgerinitiative "Das Bessere Bahnkonzept". Doch viele frühere Eigentümer hätten bislang dafür kein Geld gesehen.

Doch welche Lehren zieht der Bund Naturschutz aus seiner Niederlage? Hubert Weiger wünscht sich eine andere "Beteiligungskultur". Eine gute Planung wische Alternativen nicht vom Tisch, sondern prüfe sie ernsthaft. In dieser Hinsicht, so ist der BUND-Vorsitzende überzeugt, hätte die Politik auch dazugelernt. Deshalb könnte die ICE-Strecke von Nürnberg nach Berlin die vorletzte Schienenverkehrs-Infrastrukturmaßnahme in Deutschland sein, die an den Bedürfnissen von Mensch und Natur vorbeigeplant worden sei. Die letzte ist dann: Stuttgart 21. 

Robert Gerner

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