Was macht Wechselwähler zu Wechselwählern?

11.9.2018, 19:16 Uhr
Die Wechselwähler, die oft erst in letzter Sekunde entscheiden, welcher Partei  sie ihr Kreuzchen geben, stehen besonders im Fokus der Wahlforscher (im Bild: Landtagswahlplakate in München).

© Matthias Balk/dpa Die Wechselwähler, die oft erst in letzter Sekunde entscheiden, welcher Partei sie ihr Kreuzchen geben, stehen besonders im Fokus der Wahlforscher (im Bild: Landtagswahlplakate in München).

Bei jeder Wahl die gleiche Partei wählen? Das machen viele Menschen nicht. Im Gegenteil: Zahlreiche Wähler entscheiden sich einfach neu und wechseln die Partei. Aber warum tun sie das? Dieser Frage gehen Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit Blick auf die Landtagswahl in Bayern auf den Grund.

Ein Team aus Politikwissenschaftlern und Statistikern möchte vor der Wahl sowie nach dem Urnengang am 14. Oktober mehrere Tausend Wähler befragen, um so ein genaues Bild von den Wechselwilligen und ihren Motiven zu bekommen. Nach einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Instituts GMS sind sich nur 37 Prozent der Bayern im Moment ihrer Wahlteilnahme und Wahlabsicht schon sicher.

"Besonders Regierungen, Parteien und öffentliche Verwaltungen haben ein großes Interesse zu erfahren, wie und warum Menschen ihre Wahlentscheidung von einer Wahl zur nächsten ändern", sagt der Politikwissenschaftler Paul W. Thurner, der das Projekt zusammen mit Helmut Küchenhoff vom Statistischen Beratungslabor der LMU koordiniert.

Dabei greifen die Forscher auf eine Methode zurück, die sie bereits bei der Bundestagswahl 2013 entwickelt haben und die sich laut Thurner von denen der kommerziellen Anbieter unterscheidet. So möchten die Forscher zusammen mit Studierenden der LMU zum einen Wähler nach ihrem Urnengang am Wahltag befragen. Neben der Wahlentscheidung sei hier auch etwa das Alter oder Geschlecht von Interesse.

"In München, Regensburg und Passau möchten wir rund 20 000 Menschen nach der Wahl erreichen", sagt Thurner, der bei dem Projekt mit den Universitäten in Passau und Regensburg zusammenarbeitet. Zum anderen werden Studierende mit Unterstützung eines Meinungsforschungsunternehmens bereits vor der Wahl potenzielle Wähler per Telefon und über ein Online-Panel zu ihrem Wahlverhalten und Wohnort sowie zu ihren soziodemografischen Daten befragen. Auf diesen Wegen sollen bis zu 6000 Menschen erreicht werden.

"Die vor und nach der Wahl erhobenen Daten kombinieren wir und können so durch das von uns entwickelte statistische Analyseverfahren präzisere Aussagen zur Wählerwanderung treffen sowie zu den möglichen Gründen, warum in bestimmten Städten Wähler von Partei A zu Partei B gewechselt sind", erklärt Thurner. Durch dieses Vorgehen möchten die Forscher Aussagen zum Wechselverhalten der Wähler in ganz Bayern treffen können.

Die Vorteile dabei seien, mit gegebenenfalls weniger Befragten – und damit kostengünstiger als bei Wählerwanderungsanalysen von kommerziellen Unternehmen – verlässliche Aussagen zum Wechselverhalten der Wähler und ihren Gründen treffen zu können. "Zudem ist unsere Methode die einzige komplett transparente und wissenschaftlich fundierte zur Analyse von Wählerwanderungen in Deutschland", sagt Thurner.

Bei der Forschungsgruppe Wahlen, die etwa für das ZDF regelmäßig Wahlanalysen erstellt, sieht man das Projekt der Münchner Forscher jedoch kritisch. "Eine Wählerwanderungs-,Rechnung‘ ist methodisch äußerst fragwürdig", teilt Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen, auf Anfrage mit. Dies beruhe letztlich auf den "aus unterschiedlichen Gründen unrichtigen Angaben der Befragten, was sie bei der jeweils fünf Jahre vorausgegangenen Wahl gewählt haben". So können sich Befragte oft nicht richtig erinnern, für welche Partei sie zuvor gestimmt haben. Eine Wählerwanderungsanalyse mache die Forschungsgruppe Wahlen deshalb nicht.

Wählerwanderung wird eingehend analysiert

Eine andere Einschätzung trifft das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap, das ebenfalls Wahlforschung betreibt und bislang der ARD Wahlanalysen lieferte. Das Berliner Institut wird auch zur Landtagswahl in Bayern Wählerwanderungen analysieren. Dabei setzen sie wie auch die Forscher in München auf Befragungen im Wahllokal direkt nach dem Urnengang, kombinieren diese aber nicht noch mit Daten von vor der Wahl.

Bei der vergangenen Landtagswahl in Bayern habe Infratest dimap knapp 5000 Menschen befragt, wie eine Sprecherin mitteilt. Das Vorgehen der Münchner Forscher möchte sie nicht konkret beurteilen. Sie halte das Vorgehen von Infratest dimap aber für besser, da sie ihre Analyse auf Basis von Aussagen einzelner Personen erstellen und nicht durch das Zusammenführen verschieden erhobener Daten. Gemeint ist hierbei die Kombination von Daten, wie sie die Münchner Forscher bei ihrem Projekt vorhaben.

Neben dem reinen Forschungszweck des Projekts steht an der LMU auch der Erkenntnisgewinn für die rund 100 Studierenden im Vordergrund, die daran beteiligt sind. "Das Projekt ist systematisch in die Lehre eingebunden. Die Studierenden helfen bei der Planung, werden für die Datenerhebung geschult und sind auch später bei der Analyse involviert", sagt Thurner. Die Erkenntnisse sollen später publiziert werden – doch die reinen Ergebnisse gebe es schon kurz nach der Wahl zu sehen.

 

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