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Der erste Urvogel ist gar keiner

Forscher Rauhut und Foth: Es war ein Raubdino - 05.12.2017 07:57 Uhr

Der erste Urvogel ist gar keiner: Oliver Rauhut und Christian Foth untersuchten das 1855 gefundene „Haarlemer Exemplar“ genau und entdeckten, dass es eigentlich ein gefiederter Raubdino ist. © MWAK


Die Anchiornithiden sind eine Gruppe vogelähnlicher Raubsaurier, die vor wenigen Jahren erstmals in China identifiziert wurden. Diese eher kleinen vogelähnlichen Saurier hatten Federn an Armen und Beinen und sind noch älter als der Archäopteryx. „Das Fossil ist der erste Nachweis dieser Gruppe außerhalb Chinas und in Europa. Und es ist neben dem Archäop­teryx erst der zweite vogelähnliche Raubsaurier aus der Jurazeit, der au­ßerhalb Ostasiens gefunden wurde. Damit stellt es eine noch größere Rarität dar als die Exemplare des Archäopteryx“, beschreibt Rauhut, der an der Paläontologischen Staatssammlung in München arbeitet und an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrt.

Der Urvogel hat über die Paläontologie und seine wissenschaftliche Bedeutung hinaus Promi-Status: Er zählt heute zu den berühmtesten Fossilien. Archäopteryx ist nicht nur der älteste Vogel, sondern belegt als Übergangsform zwischen Reptilien und Vögeln, dass die heutigen Vögel direkte Nachfahren von Raubdinosauriern sind. Oliver Rauhut und Christian Foth hatten das sogenannte „Haarlemer Exemplar“ des Archäopteryx in jüngster zeit genauer unter die Forscherlupe genommen. Wie beide in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „BMC Evolutionary Biology“ darstellen, zeigt dieses Exemplar jedoch einige Unterschiede zum Archäopteryx auf. Damit „ist es keiner der berühmten Urvögel“, bringt Rauhut das Ergebnis der taxonomischen Untersuchung auf den Punkt.

Gefunden worden war das Fossil 1855 in Jachenhausen im sogenannten Solnhofener Archipel – ebenso wie alle bisherigen und nun auf elf reduzierten Exemplare des Archäopteryx. Die neue Zuordnung wirft zudem ein neues Licht auf die Evolution der vogelähnlichen Raubsaurier: „Unsere biogeografische Analyse zeigt, dass die ganze Gruppe der den Vögel nahestehenden Raubsaurier aus Ostasien kommt – alle geologisch ältesten Funde stammen aus China. Im Zuge ihrer Expansion Richtung Westen haben sie auch das Solnhofener Archipel erreicht“, erläutert Foth, der als Paläontologe am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart forscht und arbeitet. Der Raubsaurier, der bislang fälschlicherweise als Archäopteryx galt, würde damit zu den ersten Ankömmlingen seiner Gruppe in Europa gehören.

Das Solnhofener Archipel im heutigen Altmühltal war vor 150 Millionen Jahren eine Riff-Insel-Landschaft, die sich Richtung Westen und Süden zum Meer hin öffnete. Das untersuchte Haarlemer Fossil wurde einst am östlichen Rand des Archipels entdeckt, nahe dem Festland. Da die Anchiornithiden im Gegensatz zum Archäop­teryx nicht fliegen konnten, kamen sie möglicherweise nicht viel weiter. Fossilien des Archäopteryx dagegen wurden bisher nur im westlichen Plattenkalk nahe dem damaligen offenen Meer entdeckt, wo sie vermutlich auf kleineren Inseln lebten. Oliver Rauhut plädiert dafür, die bisher entdeckten Fossilien genau zu untersuchen: „Nicht alles, was in den Solnhofener Platten gefunden wird, muss ein Archäopteryx sein.“

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Als neuen Gattungsnamen für das Fossil, das bislang Haarlem im Namen trägt, weil es im niederländischen Ort selben Namens im Museum aufbewahrt wird, schlagen Rauhut und Foth „Ostromia“ vor – nach dem amerikanischen Paläontologen John Ostrom, der das Haarlemer Exemplar in den 1970er-Jahren erstmals als Raubsaurier erkannte. 

Rainer Heubeck

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