Donnerstag, 15.11.2018

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Ein totgeschwiegenes Problem

Ausstellung zum Thema Suizid in Weißenburg - 08.11.2018 15:58 Uhr

Angehörige tun sich mit Suiziden schwer, weil sie den freiwilligen Tod eines Menschen mitunter als Zeichen für eigenes Versagen werten. Das so­ziale Umfeld der Trauernden tut sich schwer, weil es sehr grundlegende Berührungsängste mit dem Thema gibt. Was darf man sagen, was nicht? Auch die Behörden veröffentlichen Suizide in aller Regel nicht, anders als tödliche Verkehrs- oder Arbeitsunfälle. Und die Medien sind ebenfalls vorsichtig, wenn es um die Berichterstattung geht. Die Angst, Nachahmer auf den Plan zu rufen, ist groß.

„Der Werther-Effekt“

Nicht ganz zu Unrecht, wie Sylvia Freiberger vom Krisendienst Mittelfranken feststellte. „Es gibt den sogenannten Werther-Effekt.“ Als sich der deutsche Fußballtorwart Robert Enke im Jahr 2008 suizidierte, sei die Zahl der „Schienen-Suizide“ in der Folge deutlich angestiegen, so die Sozialpädagogin, die seit zehn Jahren in dem Krisenteam arbeitet. Auch wenn an einer Schule ein Suizid geschehe, bleibe das Risiko für eine Folgetat in den nächsten Jahren erhöht.

Dass der Suizid auch lokal ein The­ma ist, zeigen mehrere Taten in der Region in diesem Jahr. Jüngster Fall ist der bestürzende Doppel-Suizid ei­nes älteren Ehepaars im Weißenburger Land. Ganz anders gelagert, aber auch als sogenannter „erweiterter Suizid“ einzustufen, ist der dramatische Fall in Gunzenhausen, bei dem ein Familienvater seine Kinder und Ehefrau tötete und aus dem Fenster sprang (wir berichteten).

Umsichtig reagieren

Freibergers wichtigste Botschaft in der Weißenburger Kiss: Den allermeis­ten Suizid-Gefährdeten kann mit relativ einfachen Mitteln geholfen werden. Wichtig ist, dass das Umfeld des Betroffenen umsichtig reagiert. Der erste und allerwichtigste Schritt bei der Hilfe ist: einen möglichen Suizid zum Thema zu machen. „Denkst Du an Suizid?“, sei eine Frage, die einem schwer über die Lippen komme, aber richtig sei, so Freiberger. „Mit dem Feedback, das dann kommt, können Sie arbeiten. Wenn da einer zögert, dann müssen sie sich Gedanken machen“, stellte die Diplom-Pädagogin fest. Und „Gedanken machen“, bedeutet in diesem Fall, professionelle Hilfe einzuschalten.

Wie etwa den kostenfreien Krisendienst in Nürnberg. Telefonisch können sich dort nicht nur Betroffene melden, sondern auch Angehörige. Nachbarn, Freunde oder Bekannte nachfragen, was sie jetzt tun sollen. „Es geht in diesem Fall auch darum, dass Sie Verantwortung abgeben“, stellt die Sozialpädagogin fest. Im Telefongespräch gibt der Krisendienst konkrete Ratschläge und übernimmt in akuten Fällen auch selbst und rückt zum Hausbesuch aus.

Klein, nicht sonderlich spektakulär, aber möglicherweise lebensrettend: Eine Ausstellung zum Thema Suizid ist derzeit in Weißenburg unterwegs. Sie zeigt unter anderem, was Warnsignale für einen möglichen Suizid sein können und wie sich das Umfeld dann am besten verhält. © Jan Stephan


Der Suizid sei so vielschichtig, dass es schwer sei, generelle Aussagen zu treffen, warnte Freiberger. Aber es gebe sehr wohl Faktoren, die auf ein erhöhtes Suizid-Risiko hinwiesen. Der Tod von Bezugspersonen, Trennungen, Scheidungen oder der Entzug der
Kinder etwa. Aber auch Jobverlust, Schulden oder Kränkungen könnten Auslöser sein. Speziell wenn andere Faktoren, wie psychische Erkrankungen, Gewalterfahrungen oder Suizide im Umfeld, hinzukämen.
Direkt ansprechen

Die Frage, wann der Verdacht besteht, dass jemand suizidgefährdet sei, beantwortete Freiberger knapp. „Sobald Sie sich die Frage stellen, ist der Verdacht gegeben.“ Und dann müssten die Betroffenen offen angesprochen werden und je nach Reaktion Hilfe eingeschaltet werden. Leider hielte sich immer noch der Mythos, dass man Suizidgedanken überhaupt erst aus­lösen könnte, indem man das Thema anspreche. „Das ist Quatsch. Keiner suizidiert sich, weil Sie ihn ansprechen, ob er das vorhat“, stellte Sylvia Freiberger fest. Das Gegenteil sei wahrscheinlicher. Denn acht von zehn Suizid-Versuche würden im Vorfeld angekündigt. Reagiert keiner auf diese Ankündigungen, verstärke das bei den Betroffenen den Eindruck, dass sie ohnehin allen egal seien.

Der durchschnittliche Suizident ist übrigens 57 Jahre alt – das Risiko nimmt im Alter zu – und zu 70 Prozent ein Mann. Wie groß das Problem ist, das macht die Ausstellung deutlich, die ab heute in Heilig Kreuz zu sehen ist. 10000 Menschen verlieren pro Jahr in Deutschland wegen eines Suizids ihr Leben. Das sei immerhin jedes Jahr ein halbes Weißenburg und ganz erheblich zu viel, merkte Freiberger an.

  

Jan Stephan

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