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Montag, 12.11.2018

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„Gesund und gut fürs Immunsystem“

Holzhauspionier Dr. Erwin Thoma kommt nach Weißenburg - 26.02.2018 11:44 Uhr

Naturfreund pur: Der österreichische Holzingenieur Dr. Erwin Thoma hatte die Idee, Häuser zu 100 ­Prozent aus Holz herzustellen, und referiert am 1. März in der Karmeliterkirche. © Jakob Hirsch


Wie sind Sie dazu gekommen, dass Ihnen Wald und Umwelt so am Herzen liegen?
Dr. Erwin Thoma: Die Frage ist: Wollen wir mit der Natur gehen oder weiter gegen sie vorgehen? Wenn man gut leben will, sollte man es so machen wie die Vögel oder Ameisen im Wald, die nichts zerstören durch ihr Dasein.

Wie haben Sie erfahren, dass Holz eine positive Wirkung hat?

Thoma: Ich bin in den Alpen und mit viel Holz um mich herum aufgewachsen. Mein erster Beruf war Förs­ter. Als meine Kinder in die Schule kamen, mussten wir umziehen. In unserem neuen Haus bekamen meine Kinder eine starke Allergie gegen Chemikalien in Holzprodukten, sprich Spanplatten. Ihr Großvater meinte kurzerhand, dass wir die Spanplatten durch Massivholz ersetzen sollten und siehe da: Meine Kinder wurden wieder gesund. Das war ein tolles Erlebnis, zu sehen, dass so etwas funktioniert. Deshalb wollte ich eine solche Erfahrung in meinen Beruf miteinbeziehen.

Besonders als Förster war das für Sie sicher interessant.

Thoma: Eben. Ich habe die Holzindustriebetriebe beliefert und habe mir immer gedacht, dass Bäume etwas Wunderbares sind – diese Nachhaltigkeit und die ganze Lebenskraft. Aber was passiert dann mit dem Baum? Ich  bin zu der Überzeugung gekommen, dass es nicht befriedigend ist, was in der Welt passiert, und dass man das sicher besser machen kann. So gab es für mich zwei Möglichkeiten: nur reden oder selbst etwas tun. Ich habe mich für zweiteres entschieden.

Was genau kann Holz Ihrer Meinung nach im positiven Sinn bewirken?

Thoma: Wer sich mit Holz umgibt, lebt gesünder und länger. Ich hätte früher nie gewagt, sowas zu behaupten. Aber es gibt mittlerweile viele Studien, die nachweisen, dass Holz eine fantastische Wirkung auf unsere Gesundheit, Stärkung des Immunsys­tems und auch auf Heilungsprozesse hat. Außerdem ist der Wald das genaue Gegenmodell zu dem, was wir momentan in unserer Gesellschaft und Wirtschaft treiben.

Inwiefern?

Thoma: Der Wald ist ein großes Unternehmen, das viel Materie bewegt und trotzdem keinen Abfall prodzuziert. Es ist eine hundertprozentige Kreislauf-Wirtschaft. Der Wald arbeitet nur mit regenerativen Energien. Das heißt, der Wald ist zukunftsfähig. Wir Menschen hingegen haben ein
System entwickelt, in dem fast alles, was wir aus der Natur entnehmen, zerstört, kontaminiert oder belastet wird. Deshalb muss der Wald ein Vorbild für unsere Wirtschaft und In­dustrie sein. Und es ist möglich, dem Vorbild des Waldes zu folgen.

Weder mit Leim noch mit Dübeln gebaut: Die Firma Thoma wirbt damit, Häuser ausschließlich aus Holz zu bauen. Auch in Deutschland ist das reine Holzhaus mittlerweile populär. © PR


Was bedeutet das konkret?

Thoma: Wir bauen zum Beispiel Häuser, die ohne Dämmstoff und Technik und trotzdem energieunabhängig sind. Das heißt, sie sind im Winter warm und im Sommer kühl. Die einfache Sonneneinstrahlung reicht dafür aus.

Sie sagen auch, dass Holz den Menschen gut tut. Bedeutet das, dass eine bestimmte Holzart bei bestimmten Allergien gut tun?

Thoma: Es geht beim Hausbau um das Reinheitsgebot des Holzes. Egal ob Fichte oder Tanne, es geht darum, nicht kontaminiertes Holz zu verwenden. Zum Beispiel sollte man keine verleimte und beschichtete Spanplatte benutzen, sondern wirklich unbehandeltes Massivholz.

Sie selbst nennen Bäume ja ein „belebtes Lebewesen“. Muss man da auch daran glauben, dass es wirkt, ähnlich wie bei Globuli?

Thoma: Wir arbeiten wissenschaftlich und ich habe großen Respekt da­vor, was Menschen glauben. Aber die Wirkung des Holzes ist und bleibt gleich, egal was man glaubt.

Ein Beispiel, wieso es wichtig ist, sich mit den Bäumen genauer ausei­nanderzusetzen, um umweltfreundlich zu sein, ist das sogenannte Mondholz.   Darunter versteht man Holz, das nur bei abnehmendem Mond in der Zeit der Saftruhe geerntet wird. Was daran soll so gut für die Umwelt sein?

Thoma: Dieses Holz ist nachweisbar wesentlich dauerhafter und resistenter gegen Insekte und Pilze. Es müssen  keine giftigen Holzschutzmittel verwendet werden, die Menschen und Umwelt belasten, und die Häuser halten trotzdem jahrhundertelang.

Sie haben die These aufgestellt „Es ist besser mit der Natur zu arbeiten als gegen sie“. Ist durch die reinen Holzhäuser nicht auch viel mehr Baumrodung nötig?

Thoma: Wenn die Bäume im Wald nicht mehr umgeschnitten werden würden, dann würde man das Leben jedes jungen Baumes verhindern, der darunter schon wächst. Wenn der alte Baum nicht wegkommt, bringt man sozusagen den jungen um. Natürlich ist es besser, das junge Leben wachsen zu lassen. Für jeden Baum, den wir hier in unseren nachhaltig bewirtschafteten Wäldern nicht ernten, wird Beton, Plastik, Kunststoff und vorbelastetes Material verarbeitet. Es ist also für die Natur besser, wenn wir unsere Bedürfnisse mit nachwachsenden, regenerativen Rohstoffen decken, anstatt belastete Stoffe zu verwenden. Man kann die Natur nicht besser schützen, als hier bei uns die reifen Bäume zu ernten.

Sind Ihre reinen Holzhäuser mittlerweile in Deutschland schon sehr bekannt?

Thoma: Zurzeit tut sich sehr viel.  Den Menschen wird klar, dass mit Holz energieunabhängige Häuser gebaut werden können. Das hat eine große technologische als auch gesellschaftliche Relevanz. Der Holzbau ist auf dem Vormarsch und ist die angesagte Bauweise der Zukunft.

Gibt es deswegen Probleme mit Baugenehmigungen?

Thoma: Da hat sich glücklicherweise viel geändert bei den Bauge­setzen. Wir haben zum Beispiel als erste große Firma in Hamburg in der Gebäudeklasse 5 (innerstädtisch über fünf Geschosse, d. Red.) das erste Hochhaus nur mit Holz gebaut. Das war zunächst schwer zu genehmigen. Aber jetzt sieht man, dass in solchen Häusern der Brandschutz sogar größer ist als in betonierten Häusern. Wir sind in einer Umbruchphase, die in eine erfreuliche Richtung läuft.

Was sind Ihre interessantesten Projekte gewesen bislang?

Thoma: Wir haben in der holländischen Stadt Venlo das Rathaus, ein großes Verwaltungsgebäude, errichtet. Die Prämisse des Baus war komplette Abfallfreiheit. Ein Messergebnis hat uns dabei wirklich überrascht: Die Luftqualität im Haus ist besser als vor dem Haus. Die reinigende Wirkung des Holzes ist verrückt.

Ist ein reines Holzhaus momentan noch sehr teuer?

Thoma: Nein. Wenn man nach dem Lebenszyklus der Häuser geht, sind wir immer billiger. Es fallen zwar zunächst höhere Investitionskosten an, aber später hat man eben auch viel geringere Betriebskosten.    

Interview: HANNA GRETA SCHMIDT

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