Dienstag, 25.09.2018

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Kunst-Skandal in der Provinz

Avenidas y flores - 30.08.2018 15:15 Uhr

Die Anwaltskanzlei Meyerhuber und Partner ließ mit Genehmigung der Familie Gomringer das Gedicht in ihren beiden Kanzleien im Großformat anbringen.


Gendern bedeutet im strengen Sinne die Dampfabstrahlung der Gesellschaft mit dem Ziel, jeden Zellrest Ungleichheit vom Skelett des Lebens zu schaben. Der gnadenlose Strahl der Gender-Kritik traf in diesem Jahr das Eugen-Gomringer-Gedicht Avenidas, das auf der Fassade einer Berliner Hochschule gepinselt war und dort sieben lange Jahre unbehelligt prangte.

Weil Studierende es qua plötzlicher Eingabe für frauenfeindlich  hielten, wurde es nach aufgeregten Debatten überstrichen. Verblüffenderweise führte das zu einem Aufstand der Provinz. Zunächst entschied man sich im oberfränkischen Rehau, wo Gomringer seit 40 Jahren lebt, die Zeilen auf einer Wand anzubringen. Und fast zeitgleich zog man auch in Gunzenhausen und Ansbach hinterher, wenn auch nicht gar so öffentlich.

Die Anwaltskanzlei Meyerhuber und Partner ließ mit Genehmigung der Familie Gomringer das Gedicht in ihren beiden Kanzleien im Großformat anbringen. „Allen Interessierten steht es nun frei, sich selbst ein Bild von dem Kunstwerk zu machen und sich zu fragen, ob die Sichtweise eines spanischen Gedichts aus dem Jahr 1953 über die Schönheit von Alleen, Bäumen und Frauen einen Akt geschlechtlicher Diskriminierung darstellt“, so die verantwortlichen Partner der Kanzlei.

Der Vollständigkeit halber sei hier auch die Position der Gegenseite geschildert. Die Kritik hat im Wesentlichen zwei Ansatzpunkte. Auf der einen Seite würden die mujeres (Frauen) in dem Gedicht mit Dingen gleichgesetzt, dazu noch mit Dingen wie flores (Blumen), die auch noch ein klassisches weibliches Attribut seien. Auf der anderen Seite störte sich der ein oder andere Studierende an dem admirador (Bewunderer) und sieht in ihm vermutlich einen Quasi-Spanner.

Nun kann man von dem Ärger halten, was man will. Nur sicher  festzustellen ist, dass die Gender*innen noch ordentlich Arbeit vor der Hüfte haben. Erinnert sei etwa an den guten alten Goethe, der die Unverschämtheit besaß, ein Liebesgedicht mit „Du bist mein“ zu betiteln und in den darauffolgenden Zeilen die von ihm Angebetete auch noch mit einer Taube, also einem Tier zu vergleichen.

Da wird es einiges an Farbe brauchen, bis der ganze Goethe überstrichen ist. Bis dahin kann man sich zumindest überlegen, ob es nicht aggressivere Arten der Herabsetzung gibt als die Bewunderung. 

Jan Stephan Carpe diem

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