Mittwoch, 20.03.2019

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„Schluss mit dem Wahnsinn”

1150 Menschen protestierten gegen Atomkraft - 27.04.2011 08:03 Uhr

Ein beeindruckendes Bild: 1150 Menschen demonstrierten auf dem Weißenburger Marktplatz mit Fahnen, Transparenten und Plakaten für ein Ende der Atomkraft. © Stephan


Volksfeststimmung auf dem Marktplatz. Der Protest gegen die Atomkraft zeigte sich in Weißenburg ausgesprochen bunt. Jugendliche standen neben Naturschützern, Kirchenvertretern neben Politikern der Linken, Junge neben Alten. „Ich als Oberbürgermeister der Stadt Weißenburg bin stolz auf Sie. Sie zeigen, dass unsere Demokratie funktioniert und nicht nur in Talkshows stattfindet, wo wechselnde Talkmaster die immer gleichen Gäste interviewen“, rief OB Jürgen Schröppel den Demonstranten zu.

Wer sich allerdings vergleichsweise rar gemacht hatte, war die lokale Politik. SPD, Linke und ÖDP hatten als Mitglieder des Bündnisses ihre Vertreter entsandt. Die CSU hielt sich in beachtlicher Geschlossenheit von der Demonstration fern. Kein einzig prominentes Gesicht fiel im Zug auf. Auch Freie Wähler und FDP-Vertreter aus Stadtrat und Kreistag wurden nicht gesichtet.

Dafür hielt OB Schröppel eine engagierte Rede. „Ich bin jetzt 49 und habe schon dreimal erlebt, dass das Restrisiko Realität wird“, sagte Schröppel und zählte auf: „Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima.“ Die Konsequenz für ihn: „Jetzt muss endlich Schluss sein mit diesem Wahnsinn.“ Der Marktplatz quittierte die kämpferische Rede des Stadtoberhaupts mit anhaltendem Jubel.

Die Demonstranten hatten bei den folgenden sieben Redebeiträgen noch viel Gelegenheit Apellen zum Atomausstieg Applaus zu spenden. Florian Knaupp und Gero Löw sprachen für Bündnis 90/Die Grünen und argumentierten aus zwei Richtungen gegen eine Nutzung der Kernenergie. Sie sei – wegen zahlreicher versteckter Subventionen – unwirtschaftlich und zudem ethisch nicht verantwortbar.

 „In Deutschland ist jedes Auto, aber kein einziges AKW versichert.“
Gero Löw (Bündnis 90/Die Grünen)

Erkan Dinar nutzte seinen Auftritt auf der Bühne zu einer Attacke auf die rot-grüne Bundesregierung, die sich unter Kanzler Schröder über den Tisch habe ziehen lassen, weil der Atomausstieg eben doch rückholbar gewesen sei. Die lokalen SPD-Vertreter ließen es mit versteinerten Mienen und ohne Applaus über sich ergehen. Dinar forderte eine Allparteien-Konferenz, mit dem Ziel ein Verbot der Nutzung der Atomkraft für militärische und zivile Zwecke im Grundgesetz zu verankern.

Reinhard Ebert von der ÖDP sprach von den „Weißmachern“ der Atomlobby. „Die wollen uns weißmachen, dass die Lichter ausgehen, wenn die AKWs abgeschaltet werden. Jetzt ist die Hälfte abgeschaltet und – ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist – bei mir hat nichts geflackert.“ Angesichts der unüberschaubaren Risiken bezeichnete Ebert den Einsatz der Atomenergie als „kriminell“.

Erhard Bendig (Bund Naturschutz und LBV) rief die Demonstranten auf, die Politiker nicht mehr zu wählen, „die uns belügen, wenn sie vom angeblich unverzichtbaren, billigen Atomstrom reden.“ Auch er verwies auf die Milliardensubventionen, die die Atomindustrie erhalten. Philipp Bengel rief im Namen des Weißenburger Jugendzentrums zur „Revolution der Energieversorgung“ auf. 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 seien möglich, zitierte er aus einer Studie von Greenpeace. Er ärgerte sich darüber, dass Kritiker der Atomkraft bisher oft wie kleine Kinder hingestellt würden, die sich etwas wünschen, aber sich keine Gedanken machen, wie es bezahlt werden kann.

Die evangelische, die methodistische und die katholische Kirchengemein- de Weißenburg schickten die bei- den evangelischen Pfarrer Gerhard Schamberger und Arne Schnütgen auf die Bühne. Sie verglichen die Atomkraft mit dem Turmbau zu Babel. „Wir alle wollen groß und mächtig sein und unser Turm soll am besten bis in den Himmel reichen. Die Bibel nennt das Hochmut. Sehr viel von diesem Hochmut wird in der Atomdebatte sichtbar.“ Die Risiken der Nutzung der Kernkraft sei mit dem biblischen Auftrag der Bewahrung der Schöpfung nicht vereinbar. Schnütgen forderte: „So schnell wie möglich raus aus der Atomenergie.“

Uwe Döbler stellte für die SPD fest, dass sich seine Partei auf allen politischen Ebenen für den Ausstieg einsetze. Das sei auch bei der Demo zu sehen: „Die einzige Abgeordnete, die da ist, ist Christa Naaß. Von den Schwarz-Gelben sehe ich niemanden.“

 „Wir wagen uns mit der Atomenergie an eine kosmische Kraft heran. Aber die ist nicht unser Maß. Es ist Hochmut, wenn wir vorgeben, diese beherrschen zu können.“
Arne Schnütgen (Kirchengemeinden) zum Risiko der Atomkraftnutzung.

Nach rund zwei Stunden endete die größte Demonstration nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Konzert der Band Wild Camping. Die trällerten unter anderem ein von Monika Hümmer getextetes Proteslied: „Aussteigen, so lang es geht / nach dem Super-Gau ist es zu spät“. Die Jugendlichen in den ersten Reihen skandierten zwischenzeitlich etwas weniger melodisch, aber inhaltlich prägnant: „Atomkraftwerke sind Scheiße.“ Der ein oder andere mag sich an der Wortwahl gestört haben, inhaltlich aber hätte wohl keiner der 1150 Anwesenden widersprochen. 

Jan Stephan

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