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Sensationelle Funde in Theilenhofen

Rest eines Theaters nachgewiesen - 16.04.2011 09:00 Uhr

Roms Stadt an der Lahn: Das ausgegrabene Forum im hessischen Waldgirmes ist mit dem Funden in Theilenhofen vergleichbar. Auch hier fanden sich völlig überraschend städtische Strukturen im direkten Grenzgebiet des obergermanisch-rätischen Limes. Das dortige Forum dürfte allerdings rund 100 Jahre älter sein als sein Theilenhofener Pendant und wurde vermutlich nur wenige Jahre genutzt.

Roms Stadt an der Lahn: Das ausgegrabene Forum im hessischen Waldgirmes ist mit dem Funden in Theilenhofen vergleichbar. Auch hier fanden sich völlig überraschend städtische Strukturen im direkten Grenzgebiet des obergermanisch-rätischen Limes. Das dortige Forum dürfte allerdings rund 100 Jahre älter sein als sein Theilenhofener Pendant und wurde vermutlich nur wenige Jahre genutzt. © Förderverein Römisches Forum Waldgirmes/FaberCourtial


Schwarz liegt der Acker unter dem weiten Theilenhofener Himmel. Die
17 Studenten der Universität Erlangen-Nürnberg klauben winzige Scherben zusammen. Dass unter dem unscheinbaren Acker eine Stadt im Bo­den liegt, erscheint unglaublich. Und genau das war es auch, bis die Uni­versität Kiel 2009 zur geomagne­tischen Prospektion anrückte. Die Messergebnisse bezeichnet Dr. Carsten Mischka als „sensationell“.

Ein halbkreisförmiges Theaterrund mit einem Durchmesser von 75 Metern samt Zuschauertribünen; ein mindes­tens 56 mal 100 Meter großes Forum; eine 56 mal 21 Meter große Basilika mit Nischen für großformatige Statuen: Monumentalbauten am Arsch der römischen Welt.

Die Gemeinde Theilenhofen liegt drei Steinwürfe entfernt. Heute hat sie knapp 1 200 Einwohner. Vor rund 1 900 Jahren dürfte Iciniacum fast doppelt so groß gewesen sein, schätzt Edgar Weinlich, der Limesfachberater des Bezirks Mittelfranken. Ein Gebäude mit der Dimension 56 mal 100 Meter sucht man in Theilenhofen heute vergeblich.

Nicht die Bauten sind die Sensation, sondern der Ort, an dem sie stehen. Bisher sah die Wissenschaft die rö­mischen Standorte am Limes als Mi­litärstützpunkte mit kleinen Zivil­siedlungen. Mal kleinere, mal größere Militärdörfer. Ein bisschen wie Aquarium, Babaorum, Laudanum und Kleinbonum aus den Asterixbänden.

Dann kam Theilenhofen. „Wir müssen uns das anders vorstellen als bisher“, fasst Mischka die Konsequenzen zusammen. „Hier war nicht dritte Welt, sondern genauso erste Welt, wie in den römischen Gebieten weiter südlich.“ Oder mit Blick auf Asterix: „Es war nicht Laudanum, es war auch noch nicht Lutetia, aber das war eine richtige, ansehnliche Stadt mit ge­pflasterten Straßen und sauber verputzten Häusern“, so Mischka.

So könnte das szenische Theater in Theilenhofen ausgesehen haben: Die Wissenschaftler stellten Parallelen zu dem gallo-römischen Theater im belgischen Blicquy fest. Hier eine Rekonstruktion.

So könnte das szenische Theater in Theilenhofen ausgesehen haben: Die Wissenschaftler stellten Parallelen zu dem gallo-römischen Theater im belgischen Blicquy fest. Hier eine Rekonstruktion. © ULB


Und offensichtlich war Theilenhofen nicht die Ausnahme. In Gnotzheim entdeckte Mrischkas Team vor Kurzem ein 35 mal 50 Meter großes Gebäude mit zahlreichen Raumteilungen, Säulenhalle und überdachten Gehwegen. Wenn die kleinen Kastelle in Gnotzheim und Theilenhofen über städtische Strukturen verfügten, erscheint auch das größere Alenkastell Biriciana in neuem Licht. „Die Annahme, dass dort nichts ist, wird langsam unwahrscheinlich“, sagt Mischka und bemüht sich um die in Wissenschaftskreisen gebotene Zurückhaltung.

Ob in Nachbarschaft der Weißenburger Thermen noch Forum, Theater und Markthalle im Boden liegen, wird die Welt in Weißenburg die nächsten Jahre allerdings kaum erfahren. Die römische Zivilsiedlung ist modern überbaut. Da müsste schon jemand ein sehr tiefes Spargelbeet graben, um auf römische Mauerfundamente zu stoßen. Der auf diese Weise aufgetauchte römische Schatzfund zeigt allerdings, dass man auch in Biriciana in der ers­ten römischen Welt mitspielte.

Lädt man den Kieler Wissenschaftler zum Spekulieren ein, dann spricht er mit Blick auf das Theilenhofener Iciniacum von einer „Boomtown in Goldgräberstimmung“. „Die Soldaten müssen versorgt werden, es entsteht eine Gemeinschaft, die verwaltet werden will. Eine Zivilverwaltung bildet sich. Wohlstand entsteht und der wird in der römischen Welt auch gerne gezeigt.“ So könnte die Stadt am Rande der römischen Welt entstanden sein.

Wie lange Iciniacum sich des blühenden römischen Lebens erfreute, ist allerdings unklar. Die geomagnetischen Untersuchungen zeigen keine zeitlichen Abfolgen, sondern nur Gräben, Mauern und Fundamente. Sicher lässt sich allerdings sagen, dass es mit dem Theater nicht allzu lange gut ging. Ein Gebäudebefund über den Theatermauern weist darauf hin, dass der Bau noch während der Besiedlungszeit abgebrochen und die Fläche neu genutzt wurde.

Das muss nicht für den Niedergang der Stadt sprechen. Vergleichbare Befunde kennt die Archäologie aus dem gallo-römischen Bereich, wo diese Theaterform bisher ausschließlich gefunden worden war. „Ein Theater kann eine relativ kurzfristige Sache sein. Es kommt jemand zu Geld und baut ein Theater, um seinen Reichtum zu zeigen. 20 Jahre später findet sich keiner mehr, der das unterhalten will und es wird abgebrochen“, erklärt Mischka. Forum und Basilika scheinen dagegen länger in Nutzung gewesen zu sein.

Römisches Einkaufszentrum?

Auch hier gibt es aber Zweifel, wie weit es mit der Boomtown her war. Dass der Forenbereich nicht in die Zivilsiedlung eingebunden ist, wirft Fragen auf. Eine Art römisches Einkaufszentrum auf der grünen Wiese? Eventuell zumindest mitfinanziert aus staatlicher Hand, um die angrenzende Germanenbevölkerung zu beeindru­cken und auf seine Seite zu ziehen? Möglich.

Die Theilenhofener Funde dürften al­lerdings ein weiterer Beleg dafür sein, dass der Limes keine starre Grenze war. Römer und Germanen belauerten sich nicht am Verlauf des Limes, sondern kamen in Kontakt und trieben Handel – unter anderem auf dem Forum in Iciniacum.

Die nächsten Jahre versprechen spannende Erkenntnisse. Carsten Mischka will mit seinem Team noch weitere mittelfränkische Kastellstandorte un­tersuchen – unter anderem Ellingen. Und die Sammlung der Oberflächenfunde wird durch die Uni Erlangen ausgewertet. Die Ergebnisse beider Forschungsmethoden sollen dann übereinandergelegt werden.

Am Ende werden offene Fragen bleiben, die nur durch eine Grabung geklärt werden könnten. Im Moment erscheint diese Option aber utopisch. Edgar Weinlich ruft eine Summe von zwei Millionen Euro für eine Grabung auf – nur eine grobe Schätzung. Cars­ten Mischka allerdings kann sich vorstellen, dass „chirurgische Eingriffe“ möglich sein könnten. 

Jan Stephan

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