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Tobias Schaedler ist ein netter Mensch und pflegt die ungezwungene Art der amerikanischen Kontaktaufnahme. „Ich wollte mal anfragen, ob Du Interesse hättest, einen Artikel über das leichteste Material der Welt zu schreiben, das ich vor Kurzem entwickelt habe“, facebookte der gebürtige Ellinger aus dem fernen Malibu. Seine Anfrage steht auf der Liste von Sätzen, die man selber gerne mal über sich sagen würde, relativ weit oben. Smalltalk an der Supermarktkasse: „Hey, schön Dich mal wieder zu sehen, und wie läuft’s?“ „Ach, eigentlich alles wie immer. Frau, Kind und Hund geht’s gut, das Wetter ist schön, und außerdem habe ich gerade das leich-teste Material der Welt erfunden.“ Das sitzt.
Erst recht, wenn es auch noch stimmt. Tobias Schaedler hat mit seiner Erfindung weltweit für Aufsehen gesorgt. Das lässt sich schon daran ablesen, dass er zu seinen Forschungsergebnissen einen mehrseitigen Artikel in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlich hat. „Science“ ist für die internationale Gemeinde der Naturwissenschaftler in etwa das, was der „Kicker“ für den deutschen Fußball ist. Die Bibel.
Der 33-Jährige lässt sich davon aber nicht unnötig aus der Ruhe bringen. „Also Nobelpreis wird es dafür keinen geben, aber einen kleineren Preis vielleicht“, wiegelt er ab. Ein wenig stolz erlaubt er sich aber – vor allem deswegen, weil seine Forschungen eine „Erfindung“ im eigentlich Sinne hervorgebracht haben. „Es ist uns gelungen, ein wirklich neues Material zu entwickeln“, sagt Schaedler. „Das Mikrogitter ist keine Änderung von einem schon bekannten Material.“
Greifbar wird die Außergewöhnlichkeit des Materials an zwei Beispielen. Nummer eins: Das Mikrogitter lässt sich auf dem Kopf einer Pusteblume absetzen, ohne dass die zu Bruch geht. Nummer zwei: Lässt man das Gitter aus Schulterhöhe auf den Boden fallen, braucht es zehn Sekunden, bis es dort angekommen ist.
Wie bei so vielen bahnbrechenden Erfindungen ist die Idee, die dahinter steckt, von betörender Schlichtheit. Um das zu erkennen, braucht es ein wenig Vorwissen. Als ultraleichtes Material gilt, was eine Dichte von weniger als 10 Milligramm pro Kubikzentimeter auf die Waage bringt. Das gelingt nur, wenn Luft im Spiel ist. Bisher drängten sich Schäume und Gele um den Spitzenplatz des leichtesten Materials der Welt. Nur haben die einen entscheidenden Nachteil. „Herkömmliche ultraleichte Materialien haben alle eine ungeordnete, zufällige Architektur, was die mechanischen Eigenschaften beschränkt“, erklärt der Erfinder.
Sein Mikrogitter aber ist am Reißbrett entworfen, und bei der Erklärung muss er spontan an seine Heimat denken: „Ein Vergleich mit einem fränkischen Fachwerkhaus, in dem die Holzstreben das Gewicht tragen, bietet sich an.“ Je nach Anforderung kann Schaedler mit seinem Team die Gebilde aus Mikro-Streben herstellen. Am Ende steht immer ein „dreidimensionales Fachwerk im Mikroformat“.
Das feine Gitternetz aus Chrom- Nickel-Röhren besteht zu 99,9 Prozent aus Luft und ist trotzdem stabiler als die bisherigen ultraleichten Materialien. Anwebungsbereiche gibt es genug. Es eignet sich etwa für die Luft- und Raumfahrt, wo es auf jedes Gramm ankommt, aber auch für Elektroden von Batterien, oder wegen seiner hohen Energieabsorption zur Schalldämmung.
Bei so viel Erfolg denkt Schaedler einstweilen nicht daran, Malibu zu verlassen. Schon wegen des kalifornischen Wetters, mit dem das mittelfränkische nicht mithalten kann. Und über seinen Arbeitsplatz kann er sich auch nicht wirklich beschweren. Vom Büro aus blickt er direkt auf den Pazifik, und nach der Arbeit geht er gern mal schnell eine Runde Wellenreiten.
Und trotzdem: Seiner Heimat ist er nach wie vor verbunden. Schon, weil er seiner alten Schule einiges verdankt. Schaedler: „Die hervorragende naturwissenschaftliche Ausbildung am Weißenburger Gymnasium hat mein Interesse an der Materialwissenschaft geweckt, und ich greife bei meiner Arbeit regelmäßig auf Grundlagen zurück, die ich auf dem Gymnasium gelernt habe.“ Das wird seine Lehrer freuen.
Mindestens einmal im Jahr kommt der 33-Jährige nach Ellingen und Weißenburg um Familie und alte Freunde zu treffen. Außerdem kann er dann seine Sehnsucht nach dem deftigen fränkischen Essen und den gemütlichen Weißenburger Kneipen befriedigen. Irgendwann könnte er sich vorstellen, mit seiner amerikanischen Frau nach Deutschland zurückzukommen. Und, wer weiß, vielleicht trifft man Schaedler dann ja mal an der Kasse im Supermarkt …