Dienstag, 20.11.2018

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60 Briefe an Anne Frank

Beeindruckende Lesung im Bunkerhotel - 25.11.2005

Das Tagebuch der Anne Frank ist heute ein einzigartiges Dokument aus der Zeit des Holocaust. Anne begann darin als 13-Jährige, in Briefform an eine imaginäre Freundin zu schreiben; den ersten Monat noch in Freiheit, die folgenden zwei Jahre in ihrem Versteck im Hinterhaus an der Prinsengracht, das auf engstem Raum noch weitere sieben Menschen beherbergte.

60 Briefe an Anne Frank, die für 60 Jahre Kriegsende in Deutschland stehen, hat die in Nürnberg lebende Schweizer Schriftstellerin Madeleine Weishaupt gesammelt und nun herausgegeben. Die Absender sind Literaten, Politiker, Wissenschaftler, Musiker, Künstler, Studenten und Schüler aus Nürnberg. Persönlichkeiten wie Günter Baum, Geraldino, Erich Ude, Ruth Zadek und Fitzgerald Kusz haben ihre Gedanken über Krieg und Holocaust zu Papier gebracht. Sie schreiben von ihren Ängsten, ihren Hoffnungen und immer wieder vom Frieden.

Ein großer Teil der Anthologie stammt von einer 6. Klasse des Willstätter-Gymnasiums, deren Schülerinnen genauso alt sind wie Anne Frank, als sie mit ihren Tagebuchbriefen begann. Im Rahmen ihres Deutschunterrichts hatten sie einem Brief Franks vom November 1943 beantwortet.

Tara Burk und Hannah Eßler trugen im Bunkerhotel aus ihren Briefen vor und beschrieben darin die Kriege, die sie kennen - die modernen Kriege: „. . . Sie ermorden Kinder, gehen in Cafés (. . .) und jagen sich mit einer Bombe in die Luft (. . .) und glauben, Gott wolle es so und alles, was sie getan haben, sei goldrichtig gewesen!“

Fast sechs Meter liegt das so genannte Bunkerhotel am Obstmarkt unter der Erde. Im Zweiten Weltkrieg diente es bei Bombenangriffen als ziviler Luftschutzraum. Nach dem Krieg fanden Menschen, deren Häuser nicht mehr standen, in den muffigen, halbhohen Räumen eine Notunterkunft.

„Auch dieser Raum ist ein Versteck“

Max Ackermann, der die Buchpräsentation vor einem dicht gedrängten Publikum leitete, wies auf Parallelen hin: „Auch dieser Raum ist ein Versteck.“ Wie ferne Geräusche von der Oberfläche ertönte im Rahmenprogramm die Klanginstallation von Tanja Hamm. Ausgestellt waren zudem Bilder und Collagen von Ruth Zadek, die zum Teil auch im Buch erscheinen.

Der Schriftsteller Elmar Tannert lud Anne Frank in seinem Brief auf einen Rundgang durch das heutige Nürnberg ein: „Keine Angst, Anne, Nürnberg ist nicht mehr die Stadt der Rassengesetze, Nürnberg ist heute die Stadt der Menschenrechte. (. . .) Ich möchte Dir gern die Videoüberwachungskamera in der Straße der Menschenrechte zeigen: ich möchte Dir sagen: Anne, in der Zeit, in der ich lebe, wäre es Dir erspart geblieben, zwei Jahre in einem Versteck ausharren zu müssen, man hätte Dich und Deine Familie schon nach zwei Wochen gefunden, denn wir leben in einer Welt, in der kein Mensch sich mehr verstecken kann.“

Aus dem Brief der Herausgeberin Madeleine Weishaupt an Anne Frank: „Wie waren deine letzten 15 minuten? welche gedanken hattest du noch? vierzehn dreizehn zwölf elf zehn. immer noch den wunsch nach frieden? immer noch hoffnung? neun acht sieben sechs. glaubtest du immer noch an das gute im menschen? fünf vier drei zwei. seine einsicht, sein wohlwollen - die umkehr, den aufstand, den widerstand, die befreiung, die freiheit? eins.“

Anne Frank starb wenige Wochen vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus. Von den acht Menschen im Hinterhaus überlebte nur ihr Vater, der ihr Tagebuch schließlich veröffentlichte. Lioba Schafnitzl 

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