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Ab heute im Kino: So gut ist die "Es"-Neuverfilmung

Stephen Kings Bestseller neu belebt: Horror vom Allerfeinsten - 28.09.2017 08:23 Uhr

Bill Skarsgård als Clown Pennywise, die Verkörperung des namenlos Bösen, das alle 27 Jahre zuschlägt. © Foto: dpa


There's something rotten in the State of Maine - und damit ist nicht das gammelige alte Lagerhaus am Stadtrand gemeint, in dessen Keller sich der Eingang zu dem Reich von "Es" findet, jener Kreatur, die tief in den Eingeweiden der fiktiven US-Kleinstadt Derry lauert.

Als finstere Version von "Stand By Me" (ebenfalls nach einer Kurzgeschichte von Stephen King) wird "Es" gemeinhin gehandelt. Die Verfilmung des 1500-Seiten-Wälzers aus dem Jahr 1986, den King nach eigener Aussage in manischen Nachtsessions oftmals unter dem Einfluss von Alkohol und kolumbianischem Marschierpulver aufs Papier warf, erzählt zwar eine Coming-Of-Age-Geschichte, ist aber trotzdem ein lupenreiner Horrorfilm – ein sehr klassisch inszenierter. Unerbittlich dreht der argentinische Regisseur und Guillermo-del-Toro-Protegé Andrés Muschietti an der Spannungsschraube und stürzt seine jungen Helden in ein Meer von Angst und Verzweiflung. 

Im Zentrum der Geschichte steht der "Klub der Verlierer": Sieben Jugendliche, die den Kampf gegen das namenlose Böse aufnehmen. Das sucht alle 27 Jahre die fiktive Kleinstadt im verregneten Bundesstaat Maine heim und nährt sich von den Ängsten und Alpträumen der Bevölkerung. Am liebsten taucht "Es" in Form des tanzenden Clowns Pennywise auf – einer längst ikonischen Figur des internationalen Gruselbetriebs, die der schwedische Schauspieler Bill Skarsgård ganz großartig neu auflegt. Wer bis dato keine Angst vor Clowns hatte, darf sich ab sofort in Coulrophobie (bekanntlich eine anerkannte Krankheit) üben. Seine Auftritte kündigt der Kinderfresser Pennywise
gerne mit roten Luftballons an ... um dann blitzschnell mit scharfen Zähnen zuzuschlagen.

Zum Abschluss jeder "Saison" gibt es noch einmal ein finales Blutbad in der Stadt, bevor die nächsten 27 Jahre wieder Ruhe ist. In Derry redet niemand darüber. Stumm werden die neuen Vermisstenplakate über die alten getackert, ansonsten ist jeder vorwiegend mit sich selbst beschäftigt. Überhaupt sind die Erwachsenen in diesem Gruselmärchen ein einziger Alptraum – und alles andere als eine Hilfe. Besitzergreifende Mütter, übergriffige Väter, brutale Cops und schmierige Hinterwäldler, dazu die üblichen mobbenden Halbstarken, die zum Personal einer jeden guten amerikanischen Highschool gehören - der "Klub der Verlierer" ist auf sich allein gestellt. Doch mit Hilfe alter Karten kommen unsere Antihelden dem Gestaltenwandler auf die Spur und machen sein Versteck aus. Ab jetzt heißt es Zusammenstehen, denn nur gemeinsam besteht eine Chance, "Es" zu besiegen.

Der Regisseur bleibt dem Buch größtenteils treu

Andrés Muschietti erzählt den King-Klassiker in Details gerafft, aber sehr werkgetreu. Einzig die im Roman vorkommende Gruppensex-Szene in der Kanalisation ist rausgefallen (klar, ist ja eine amerikanische Produktion), außerdem wurde die Geschichte aus den 50er in die späten 80er Jahre verlegt.

Nachgerade perfekt fängt der Film die Stimmung jener unbeschwerten Sommerferientage ein, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Das Ende der Kindheit zeichnet sich jedoch bereits am Horizont ab, erste sexuelle Gefühle knospen auf, und es schleicht sich das leise Gefühl ein, dass das, was da neu ins Leben drängt, selbiges nicht zwingend besser machen wird.

Nicht zuletzt geht es in "Es" um Schuld, schließlich war es der stotternde Bill, der seinem kleinen Bruder Georgie das Papierschiffchen bastelte, das dieser im Rinnstein schwimmen ließ und das dann in den Gulli hinabgeschwemmt wurde, in dem Pennywise lauerte und den armen Buben mit sich riss. Während sich die Eltern längst mit dem Tod ihres Jüngsten abgefunden habe, glaubt Bill noch immer, Georgie retten zu können.

Muschietti inszeniert die berühmte Eröffnungsszene nahezu deckungsgleich wie in der TV-Verfilmung von 1990 mit Tim Curry als bösen Clown. Nur dass seine Neuauflage ganz andere technische Möglichkeiten hat und mit diesen nach Herzenslust spielt. Ohne dass hier ein explizites Technikfeuerwerk von außergewöhnlichen Spezialeffekten abgebrannt wird, sind es vor allem die längst selbstverständlichen digitalen Tricks und Aufhübschungen, die den ungefilterten Grusel sicherstellen. Hier stimmt tatsächlich alles.

Satte 135 Minuten läuft "Es" und gerät keinen Moment langweilig. Der Spannungsbogen hält, die Schauwerte stimmen, das jugendliche Personal giert großartig. Auch wenn die Klaviatur des Schreckens, auf der Muschietti spielt, sattsam bekannt ist (dunkle Keller, huschende Gestalten, plötzliche Angriffe aus dem Nichts), so verfehlt sie nicht ihre Wirkung. "Es" ist ein perfekter, atmosphärisch dichter Horrorfilm, der den Zuschauer tief in seinen Kinosessel kriechen lässt. Fortsetzung folgt 2019 mit Teil 2, dann tritt der "Klub der Verlierer" erneut zusammen – 27 Jahre später, im Erwachsenenalter. (USA/135 Min.) 

Stefan Gnad

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