Mittwoch, 12.12.2018

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"Alle schauen weg"

Der Pflegekritiker Claus Fussek im Interview - 17.03.2017 11:36 Uhr

Auch Alte Menschen haben eine Würde. © Oleh Slepchenko / iStockphoto


Herr Fussek, Wie sieht die Situation denn derzeit für die alten Menschen in vielen Pflegeheimen aus? .

Zum Beispiel so: Zwei Pflegekräfte — häufig nicht ausgebildet — sind zuständig für bis zu 30 schwerst pflegebedürftige Menschen. Da kann sich jeder ausrechnen, dass es gar nicht möglich ist, so vielen beim Anziehen, Waschen, Toilettengang, beim Essen eingeben zu helfen. Und dann auch noch jemandem beim Sterben die Hand zu halten. Wir wissen das doch alle. Man hat den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft für die Alten, Kranken, Sterbenden niemand so richtig interessiert.

Und warum interessiert uns das so wenig? Werden wir nicht alle mal irgendwann betroffen sein?

Und ob. Die meisten von uns. Jeder soll sich das einfach mal vorstellen: Man läutet. Man muss dringend zur Toilette. Die Schwester ist völlig überfordert. Und dann müssen die alten Menschen ihre Notdurft in Windeln verrichten oder bekommen einen Dauer-Katheter. Dabei könnten sie mit Hilfe noch selbstständig die Toilette benutzen. Das ist würdelos. Oder: Alte Menschen können häufig nicht mehr selbst essen, brauchen sehr viel Zeit zum Kauen und Schlucken. Da hat kaum jemand Zeit, ihnen das Essen einzugeben. Dann wird das Tablett einfach wieder abgetragen. Genauso ist es mit den Getränken. Die Leute haben Durst und bekommen oft nichts.

Ist das in allen Pflegeheimen so?

Nein, glücklicherweise nicht. Es gibt auch die guten Heime. Aber die Situation ist in sehr vielen Einrichtungen dramatisch. Und jeder, der es wissen will, kann hingehen und sich jeden Tag die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Pflegeheimen anschauen. Ich habe in den vergangenen vier Jahrzehnten weit mehr als 50 000 Anrufe, Briefe und Mails erhalten. Wenn mich Angehörige und Pflegekräfte abends zu Hause anrufen und erzählen — das kann man kaum aushalten.

Claus Fussek ist 64 Jahre alt, Sozialpädagoge und Autor, seit 1978 im ambulanten Beratungs- und Pflegedienst "Vereinigung Integrationsförderung" in München tätig. Seit fast 40 Jahren kritisiert Fussek in Medien die Missstände in der Altenpflege. Sein neuestes Buch: "Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte" (Knaur-Verlag). © Marcus Schlaf


Hat sich denn auch etwas verbessert?

Nein, überhaupt nicht. Das Ausmaß der schlechten, der gefährlichen Pflege ist groß. Die guten Einrichtungen, denen man seine Eltern anvertrauen würde, die sind sicherlich nicht die Regel. Aber: Man muss auch davon ausgehen, dass die Situation oft von Station zu Station von Schicht zu Schicht unterschiedlich ist. Sie besuchen Ihre demente Mutter, schauen, wie sie frisiert und angezogen ist, und dann wissen Sie, wer heute Dienst hat.

Viele Pflegeheime werben mit Bestnoten für sich. Wie kann das sein, wenn bei der Pflege so vieles im Argen liegt?

Jeder in der Szene weiß, wie diese Noten zustande kommen. Die Heimträger sind selbst beteiligt. Das ist Real-Satire. Da bringt es gute Noten, wenn ein Speiseplan gut lesbar ist oder die Dokumentation angeblich gut geführt wurde. Dabei weiß doch jeder, dass die Dokumentationen oft gefälscht sind. Optimiert heißt das im Jargon. Da werden Leistungen angeführt, die nie erbracht wurden, weil keiner Zeit hatte. Es kann also sein, dass jemand sich wund liegt, weil er nicht regelmäßig umgelagert wird, und trotzdem kriegt das Heim Bestnoten. Ich sage: Liebe Pflegekräfte, dokumentiert doch endlich nur, was ihr leisten könnt!

Was machen denn die guten Heime anders?

Das Zauberwort heißt Wertschätzung. Es ist eine Frage der Haltung von der Heimleitung bis zur Putzfrau. In den gut geführten Häusern halten alle zusammen. Die Pflegekräfte sind stolz darauf, wenn Menschen gut versorgt sind. Sie sind stolz, wenn alte Menschen wieder aufblühen und manchmal wieder nach Hause können, stolz darauf, dass es bei ihnen keine Magensonden gibt, nicht fixiert wird. Aber da sind natürlich viele Ehrenamtliche und Angehörige, die sich kümmern. Ohne die — das sage ich deutlich — geht es nicht. Da sind die Alten abends um 22 Uhr noch auf und mobil. Ich begleite gerade eine ältere Dame in einem Pflegeheim in München. Um 18 Uhr, wenn ich das Heim betrete, sind alle im Bett. Und man wundert sich, dass die Bewohner nicht bis morgens durchschlafen. Viele sind nachts unruhig. Und wenn dann eine Nachtwache für bis zu 70 Menschen auf verschiedenen Stockwerken verantwortlich ist, dann wissen wir, was passiert.

Nämlich?

Sie werden ruhiggestellt. Das geht doch gar nicht anders. Ich bin oft fassungslos über die scheinheilige Empörung darüber. Die Nachtwachen können ja gar nicht so viele Leute versorgen.

Sind die guten Heime wesentlich teurer?

Nein, gar nicht. Sie haben einen ähnlichen Pflegeschlüssel, nicht mehr Personal. Aber: eine engagierte Heimleitung. Und engagiertes Personal. Ausgebildete, empathische Kräfte. Viele Heime nehmen heute doch wahllos jeden, den sie kriegen können. Und wenn beim Pflegepersonal dann emotionale Kälte, Macht und Unfähigkeit zusammenkommen . . . Da sind Menschen darunter, die würde der Nürnberger Tiergarten wegen fehlendem Einfühlungsvermögen nicht anstellen. Das Irre ist, dass die guten Pflegekräfte aufhören, weil sie das, was sie mal gelernt haben, nicht ansatzweise umsetzen können. Sie sind ausgebrannt. Und sie haben Angst. Wenn die Pflegekräfte untereinander zusammenhalten würden, wenn sie sich mit den Angehörigen und den ihnen Anvertrauten solidarisieren würden, dann wären sie mächtiger als alle Piloten und Lokomotivführer zusammen. Keine Pflegekraft muss Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Sie können sich in Nürnberg, München, überall ihre Stelle aussuchen.

Verdienen denn die Heime an schlechter Pflege?

Je schlechter gepflegt wird, desto mehr Geld verdienen alle im Gesundheits- und Pflegesystem. Denn die berüchtigte "Pflege in die Betten" führt dazu, dass Menschen schneller in einen höheren Pflegegrad eingestuft werden. Und dafür gibt’s mehr Geld.

Was heißt in die Betten pflegen?

Eigentlich sollten alte Menschen mobilisiert werden, damit sie möglichst lange selbstständig leben können. Das kostet Zeit. Je selbstständiger ein Mensch ist, desto weniger Geld bekommt die Einrichtung, weil weniger Pflege notwendig ist. Also: Je schlechter gepflegt wird, je immobiler jemand wird, desto höher ist der Pflegegrad und desto mehr Geld bekommt das Heim. Ein Chirurg einer Klinik sagte mir im Vertrauen: Jedes Druckgeschwür, jeder Oberschenkelhalsbruch ist ein Wirtschaftsfaktor. Es verdienen alle daran. Das Krankenhaus, der Rettungsdienst, das Pflegeheim. Ein Heimleiter einer positiven Einrichtung hat mir gesagt: Ein gut geführtes Heim zeichnet sich dadurch aus, dass es seine Einnahmen verringert. Es müsste folglich ein Anreizsystem geben, so dass Heime mehr Geld für Pflegebedürftige bekommen, die selbstständig und mobil bleiben.

Sie beklagen, dass alte Menschen am Ende ihres Lebens häufig nicht genug zu essen und zu trinken bekommen, verdursten, festgebunden und mit Psychopharmaka vollgepumpt werden. Da schießt einem das Wort Folter durch den Kopf.

Das ist Folter! Das ist strafrechtlich relevant: Da geht es um unterlassene Hilfeleistung, Verletzung der Aufsichtspflicht. Körperverletzung. Würden wir solche Bilder aus einem Tierheim sehen, würden die Menschen zu Recht auf die Barrikaden gehen. Unser Frühwarnsystem funktioniert nicht. Wenn über Pflegeheime berichtet wird, dann heißt es immer, das seien Einzelfälle. Wir wissen alle, dass das nicht stimmt, aber verdrängen es kollektiv. Wir wollen es nicht wissen und hoffen, dass es uns selbst nicht trifft. Aber das wird es. Es heißt: Das arme Personal ist überlastet. Und das ist auch richtig. Aber: Pflegekräfte werden ständig als Opfer dargestellt. Über die Alten wird nicht gesprochen. Können Sie sich vorstellen, dass eine Erzieherin, die Kinder vernachlässigt oder misshandelt, von deren Eltern in Schutz genommen wird?

Wie findet man denn ein gutes Heim?

Es muss vor Ort sein, so dass Sie Ihre Angehörigen jederzeit besuchen können. Hören Sie auf persönliche Empfehlungen. Fragen Sie den Notarzt, den Rettungssanitäter, den örtlichen Bestatter. Die kommen unangemeldet in die Heime. Gehen Sie selbst hinein. Sprechen Sie mit der Heimleitung. Mit den Pflegeschülerinnen. Sehen Sie sich um. Schauen Sie den Bewohnern und den Pflegekräften in die Augen. Wie ist die Atmosphäre? Nach was riecht es? Nach Kot und Urin? Und Sie müssen regelmäßig präsent sein. Wenn Ihr Vater eine halbe Stunde zum Essen eingeben braucht, dann müssen Sie das Personal unterstützen. Natürlich ist klar: Gute Heime haben lange Wartelisten. Das ist ein Problem, denn meistens muss es ja schnell gehen, wenn jemand nicht mehr zu Hause bleiben kann.

Eigentlich sollte uns doch das Grundgesetz auch am Lebensende schützen. Dort steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar . . .

Ich sage: Die Würde des Menschen ist altersabhängig. Die Lobby rüstiger Senioren ist groß. Aber die Lobby der Pflegebedürftigen ist winzig. Wir brauchen eine würdevolle Hospizkultur, damit sich Menschen am Ende ihres Lebens nicht vor dem Sterben fürchten müssen. Wir brauchen Kommunen, die sich verantwortlich fühlen, Projekte anregen und in denen sich alle gemeinsam für ihre Alten einsetzen. Das sind doch unsere Eltern! Das sind irgendwann auch wir! Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, werden wir uns bald mit dem Thema der aktiven Sterbehilfe auseinandersetzen müssen. Dann werden immer mehr alte Menschen diese Option für sich einfordern. Denn es ist ja bald keiner mehr da, der pflegt. Und keiner, der ohne Angst ins Pflegeheim geht. 

Von Birgit Heinrich

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