Mittwoch, 20.03.2019

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«Armut wird schön geredet»

22.04.2010

»In einem reichen Land arm zu sein, ist viel bedrückender, als in einem armen Land«, sagt der be-kannte Armutsforscher und berichtet von Kindern, die von ihren Altersgenossen ausgelacht werden, weil sie im Winter in Sandalen und Sommerkleidung in die Schule kommen. »Diese Demütigung ist schlimmer, als ohne Essen ins Bett zu müssen.«

Butterwegge konstatiert ebenso wie die Zeit-Journalistin Ulrike Meyer-Timpe (die NZ berichtete), dass die Problematik vom Tabu zum Topthema in den Talkshows avanciert sei; ernst genommen werde sie aber trotzdem nicht. »Das Problem wird verniedlicht und schöngeredet.« Butterwegge verweist auf ein Zitat von Altkanzler Helmut Schmidt. »Er hat gesagt, dass ein Hartz -IV-Empfänger heute mehr hat als ein Facharbeiter zu seiner Zeit. Aber ein Jugendlicher vergleicht sich doch mit anderen Jugendlichen von heute und nicht mit denen von vor 70 Jahren, als Schmidt jung war.«

Die Gründe für diese Verharmlosung sieht Butterwegge in der Selbstdefinition der Bundesrepublik, die sich seit Wirtschaftswunderzeiten als Gesellschaft begreife, in der Armut keine Rolle spiele. »Bei uns verhungern die Armen auch nicht am Wegesrand.« Doch das dürfe nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass das Problem nicht existiert.

Als Mittel gegen die Armut plädiert der 59-Jährige für einen Mindestlohn, Tarifverträge, das Verbot bezahlter Überstunden und die 35-Stunden-Woche. Damit bekämen mehr Leute Arbeit, und prekäre Beschäftigungsverhältnisse würden eingedämmt. Er möchte eine Grundsicherung, die sich am Bedarf der Leute orientiert und frei von Repressionen ist. Zur Finanzierung müssten die über die Steuergesetze der vergangenen Jahre entlasteten Reichen ihren Teil beitragen.

Das bedingungslose Grundeinkommen für alle Bürger lehnt Butterwegge dagegen als »Irrweg« ab, weil es dem Grundgedanken des Sozialstaats widerspricht, dass nur der etwas bekommen soll, der auch Bedarf hat. Auch warnt er davor, Bildung all zu sehr zur »Wunderwaffe« gegen Armut hochzustilisieren – zumal in Zeiten, in denen etwa durch die Einführung der Studiengebühren Bildungszugänge erschwert werden.

Den ständigen Verweis auf Selbstvorsorge des Bürgers hält Butterwegge für zynisch. »Es gibt in Deutschland 82 Millionen Menschen, aber 93,5 Millionen Lebensversicherungen. Die Leute sorgen vor – wenn sie können.« Ihm werde oft vorgeworfen, er wolle den Sozialstaat der 70er Jahre zurück. Damit könne er gut leben. Damals habe es noch keine Stadtteile gegeben, die man abends aus Sicherheitsgründen lieber mied. »Auch die gut situierten, aber nicht ganz reichen Bürger müssen doch ein Interesse daran haben, dass die Gesellschaft befriedet ist. Ich kann mir zum Beispiel keine Privatarmee zu meinem Schutz leisten.«

Längere Pause bis zur Dritten Armutskonferenz

Butterwegge gehörte zu den prominentesten Referenten bei der Zweiten Armutskonferenz (die Premiere gab es Ende 2007), die gestern zu Ende ging. Organisator Georg Hopfengärtner vom Sozialamt war mit dem Verlauf der Tagung, an der rund 250 Fachkräfte aus dem Sozialbereich, Politiker und Verwaltungsleute teilnahmen, sehr zufrieden. Bis zur Dritten Armutskonferenz wird es dennoch etwas dauern, denn die Intervalle sollen vergrößert werden. Es steht laut Hopfengärtner aber fest, dass es eine Fortsetzung geben wird. 

Marco Puschner

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