Freitag, 22.02.2019

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Der Gunzenhäuser Ursprung von ABBA

18.02.2019 14:27 Uhr

Die aktuelle Doppelseite in der ersten Ausgabe des Kulturmagazins Carpe diem.


Der Vater von Anni-Frid Lyngstad, der dunkelhaarigen ABBA-Sängerin, ist Franke. Er wurde als Alfred Eugen Zemann 1919 in der Altmühlstadt geboren und verbrachte dort seine Jugend in der Bahnhofstraße 11, bis er etwa 20 war. Unter anderem in dem Café, das seine Mutter betrieb und an das sich alte Gunzenhäuser noch als Café Haase erinnern mögen.  

Die ABBA-Sängerin stammt väterlicherseits also aus dem Gunzenhäuser Bahnhofsviertel. Dort lebte die verwitwete Frau eines Konditors Josephine „Fini“ Zemann allein, seit ihr Mann aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr heimkehrte, und führte das Café und bald auch eine neue Beziehung. Zu dem ebenfalls verwitweten Kaufmann Alfred Haase, der mit  Fini im Alter von über 50 Jahren noch mal Vater eines Kindes wurde. Und damit einige Jahrzehnte später auch Opa einer Welt-Berühmtheit, was er aber selbst nicht mehr herausfinden sollte. 

Denn selbst sein Sohn erfuhr erst spät davon, dass er in Schweden ein Kind haben sollte. Zumindest behauptete er das stets. Und hier beginnt der unschöne Teil der Gunzenhäuser ABBA-Geschichte. Alfred Zemann, der sich zwischenzeitlich nach seinem leiblichen Vater in Haase umbenannt hatte, lernte das Konditorenhandwerk in Dinkelsbühl und Nürnberg, kam aber immer wieder nach Gunzenhausen, wo er im Café seiner Mutter Hand anlegte.

Der Zweite Weltkrieg verschlug ihn als Wehrmachtssoldat nach Norwegen. Und dort traf er wenige Kilometer vom Polarkreis entfernt, in der Bergarbeitersiedlung Bjørkåsen die 19-jährige Synni Lyngstad. Das schöne Mädchen mit den tief schwarzen Haaren und der 26-jährige blonde Deutsche mit dem stolzen Schnurrbart verliebten sich. Obwohl Alfred Haase in Deutschland bereits Frau und Kind hatte. 

Aber Deutschland war weit weg, der Krieg sehr nah und Trost willkommen. Es entstand eine Romanze, wie es sie im Krieg vielfach gab. Nur dass nicht aus jeder ein Kind erwuchs, das später zum Weltstar werden sollte. Synni Lyngstad wurde schwanger, da war der deutsche Soldat aber schweren Herzens nach dramatischen Abschiedsszenen bereits wieder verschwunden. Zurück in die Heimat beordert. 

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Die schwedische Legende lebt!

Mit „Waterloo“ startete die „Super-Abba-Show“ in den turbulenten Abend und reihte auch heuer wieder Welthit an Welthit. Die Fans der schwedischen Kultband kamen voll auf ihre Kosten und sangen und klatschten begeistert mit. Am Ende gab es stehende Ovationen. Die Zugabe „I have a Dream“ in der ausverkauften Karmeliterkirche war das „i-Tüpfelchen“ auf einer Show, an der man eigentlich nur die etwas billig wirkenden Kostüme kritisieren kann.


Für Synni war die Schwangerschaft eine Katastrophe. Sie war nicht nur alleinerziehend, das Kind war auch noch vom Feind. Die Norweger hatten für solche Kinder sogar ein eigenes Schimpfwort.  „Tyskerbarn“, ein Kind der Schande, nannten sie die kleine Deutsch-Norwegerin Anni-Frid. 

Die Einwohner der Bergarbeitersiedlung sorgten dafür, dass die junge Mutter samt Kind und Großmutter die Flucht ergriff. Die kleine Familie wanderte nach Schweden aus. Indirekt bereitete der Hass in ihrer Heimat so erst den späteren Welterfolg dieses „Kinds der Schande“ vor. In Schweden traf Anni-Frid auf Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus sowie Benny Andersson, aus denen ABBA werden sollte. 

Bis dahin hatte sie aber noch einiges zu überstehen. Und auch später zogen sich die Schicksalsschläge durch Anni-Frids Leben, ihren Ruhm bezahlte sie bitter. Mutter Synni starb 1947 im Alter von nur 21 Jahren an Nierenversagen. Anni-Frid war nicht einmal alt genug, um sich später an ihre Mutter erinnern zu können. Das Kind wuchs bei der Großmutter auf. Im Glauben, ein Waisenkind zu sein. Ihr Vater sei im Krieg gefallen, hatte die Großmutter ihr erzählt. 

Alfred Haase lebte zu diesem Zeitpunkt als Konditor in Karlsruhe. Er war zu seiner Familie zurückgekehrt, hatte seine Ehe wiederaufgenommen. Das norwegische Abenteuer blieb im Krieg, seiner Frau erzählte er nichts von dem schönen Mädchen mit den schwarzen Haaren. Fast täglich dürfte der gebürtige Gunzenhäuser aber im Radio die ABBA-Songs gehört haben. Ohne zu wissen, dass ihm da gerade seine Tochter entgegensang.

Ein Zufall führte schließlich dazu, dass Anni-Frid 32 Jahre nach ihrer Geburt ihren Vater das erste Mal zu Gesicht bekommen sollte. Ende August 1977 erschien in der Bravo eine Geschichte über Anni-Frids schwierige Kindheit. Dort stand auch, dass ihr Vater der deutsche Soldat Alfred Haase war. Einer Nichte von Haase, die selbst großer ABBA-Fan war, fiel die Namensgleichheit mit ihrem Onkel auf, zudem wusste sie, dass er im Zweiten Weltkrieg in Norwegen stationiert gewesen war. 

Als sie ihren Onkel mit dem Namen Synni Lyngstad konfrontierte, fiel der Gunzenhäuser  aus allen Wolken.  Und bald wohl auch seine deutsche Ehefrau. Er erinnerte sich an das ferne Abenteuer am norwegischen Polarkreis, an das Mädchen mit den schwarzen Haaren. 

Er versuchte Kontakt aufzunehmen und scheiterte. Er drang zu Anni-Frid nicht durch, für sie war ihr Vater seit 32 Jahren tot und dieser Mann aus Deutschland ein Fremder. Sie schickte schließlich ihren Mann und ABBA-Kollegen Benny Andersson vor, der mit Haase Kontakt aufnahm. Er fragte nach Details zum Leben der Mutter in Norwegen, die er nur kennen konnte, wenn er sie auch gekannt hatte. „Er wusste viel mehr als das, was ich ihn fragte“, stellte Andersson später fest. Anni-Frid war klar: Der deutsche Bäcker war ihr Vater. 

Bald saß der Mann aus der Gunzenhäuser Bahnhofstraße in einem Flugzeug nach Stockholm. Man traf sich im Anwesen des ABBA-Paares für ein langes Wochenende zum Kennenlernen. Dramatische Szenen müssen sich abgespielt haben, wie man den Berichten von Anni-Frid, Benny und Alfred Haase im Nachhinein entnehmen kann. Anni-Frid brach in Tränen aus und auch Haase tat sich schwer, mit einem 32-jährigen Weltstar als Tochter emotional zurechtzukommen. Bald aber fand man sich. Anni-Frid bat den Haase, ihr Geschichten über die ferne Mutter zu erzählen. Benny übersetzte vom Deutschen ins Schwedische. Man sah sich die Stockholmer Altstadt an, ging gemeinsam essen, Anni-Frid und Benni kauften ein Mitbringsel für Haases in Deutschland gebliebene Frau. Es sah nach einem Happy End aus. 

Allerdings nur auf den ersten Blick. Vater und Tochter blieben zunächst tatsächlich für einige Jahre in Kontakt, eine innige Beziehung wollte sich daraus aber nicht entwickeln. Nach etwa fünf Jahren brach sie die Verbindung zu ihrem Vater dann komplett ab. Aus ihrem Umfeld war zu hören, dass sie ihrem Vater nicht mehr glaubte, dass er nichts von der Schwangerschaft ihrer Mutter gewusst zu haben. „Ich ziehe es vor, mit Menschen zusammenzusein, die dich auch in schweren Zeiten nicht verlassen“, kommentierte sie den Abbruch des Kontakts später einmal bitter. Allerdings äußerte sie sich an anderer Stelle auch freundlicher über ihren Vater und begründete die mangelnde Bindung damit, dass es schwierig sei, wenn man mit 32 Jahren auf einmal einen Vater bekäme.

Haase starb 2008 in seiner Wahlheimat Karlsruhe. Angeblich soll es später zwischen Vater und Tochter noch den ein oder anderen sporadischen Kontakt gegeben haben. Aber vermutlich hatte Anni-Frid auch genug mit den neuen Schicksalsschlägen kämpfen. 

Ihre erste Ehe, die sie mit 17 Jahren mit einem schwedischen Teppichhändler und Hobbymusiker schloss, erbrachte zwei Kinder, aber eine frühe Scheidung. 1969 kam sie mit  Benny Andersson zusammen, den sie 1978 heiratete. Drei Jahre später, noch vor dem Ende von ABBA, informierte die Plattenfirma die Welt über die Scheidung. Mitte der 1980er-Jahre lernte Lyngstad den Deutschen Heinrich Ruzzo Prinz Reuß von Plauen kennen und heiratet erneut. In dieser Ehe scheint sie ihr Glück zu finden, bis ihr Mann 1992 einem Krebsleiden erliegt, was Anni-Frid aus der Bahn wirft. 1998 stirbt schließlich auch ihre Tochter aus erster Ehe bei einem Autounfall. 

Wirtschaftlich musste sich Anni-Frid früh in ihrem Leben keine Sorgen mehr machen. Ihr Privatleben aber war immer wieder von schweren Schicksalsschlägen gezeichnet. Musikalisch veröffentlicht die Sängerin einige überschaubar erfolgreiche Alben und zog sich früh ins Privatleben zurück. Heute lebt die 73-Jährige im schweizerischen Zermatt und auf einem Landgut in Schweden. 

Über die Jahrzehnte gab es immer wieder Gerüchte über eine Wiedervereinigung von ABBA und sie blieben jahrzehntelang auch genau das. Gerüchte. Bis sich im vergangenen Jahr überraschend die alte Truppe wieder im Studio versammelte und sofort Spaß daran hatte, gemeinsam Musik zu machen. Im März 2019 sollen nun vier neue Songs veröffentlicht werden. Mittlerweile erhoffen sich manche Fans sogar ein ganzes neues Album. Alfred Haase wird das nicht mehr mitbekommen. Er starb 2008 in Karlsruhe. Die weltberühmte Tochter blieb eine Episode in seinem Leben, genauso wie dieses schöne norwegische Mädchen im Frühjahr 1945. Trotzdem: Ohne den Soldaten aus Gunzenhausen hätte es ABBA nie gegeben.  

Unser Dank gilt dem Gunzenhausener Stadtarchivar Werner Mühlhäuser, der mit seinen grundlegenden Recherchen diesen Artikel ermöglicht hat.  

Jan Stephan Carpe diem

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