Freitag, 22.02.2019

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Porno-Prinz aus Gunzenhausen

Das unglaubliche Leben des Ferdinand Rodenstein - 18.02.2019 12:26 Uhr

Ferdinand Rodenstein


Die Rede ist von Ferdinand Rodenstein. „Einem der produktivsten, bedeutendsten und berüchtigsten Produzenten pornografischer Literatur in den 1920er-Jahren“, wie Prof. Dr. Florian G. Mildenberger feststellt.

Der deutsche Porno-König der 20er-Jahre wurde 1881 im ansonsten recht wohlerzogenen Gunzenhausen geboren. Allerdings in einer verpfuschten Familie.  Das Licht der Welt erblickte er in einem Gasthaus (Zur Eisenbahn, Ansbacher Straße 2). Als unehelicher Sohn einer Näherin und eines Wanderschauspielers, der nicht daran dachte, zu heiraten, sich dafür aber umbrachte.

Der kleine Ferdinand aber bewies Köpfchen. Er kam auf die Realschule. Nur elf von anfänglich 84 Kindern machten dort ihren Abschluss, Rodenstein war einer davon. Als Teenager bereits veranstaltet er in Gunzenhausen Lesungen in den Sandhöhlen am Weinberg und schreibt auch selbst.

Mit knapp 20 macht sich der junge Mann dann auf in die Stadt, um die Welt zu erobern, und sieht zunächst vor allem Gefängnisse von innen. Da der literarische Erfolg auf sich warten lässt, versucht Ferdinand mit allerlei Gaunereien seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er stellt sich dabei eindrucksvoll ungeschickt an. 1914 lebt er in Leipzig und ist schon 29-mal wegen Urkundenfälschung oder Betrug verurteilt worden.

Im Gefängnis verfasst er Gedichte, Märchen, Dorfgeschichten und fünf Theaterstücke, die er in Kleinauflagen im Leipziger Reform-Verlag drucken lässt. Kein einziges dieser idealistischen Stücke wird jemals aufgeführt. Nachdem auch ein Stipendiums-Antrag bei der Schiller-Stiftung abgelehnt wird, säuft sich Rodenstein in eine veritable Krise und landet in der Psychiatrie. Anschließend beschließt er, das zu schreiben, was sich verkauft. Erotische Romane mit saftigem Inhalt.

Und endlich hat er Erfolg. Er schreibt über Dirnen, den inzestuösen Adel, lesbische Liebe, Sadomasochismus und sehr, sehr junge Mädchen. Um der Zensur zu entkommen, gründet er einen vermeintlich wissenschaftlichen Verein, der sich mit der Volkserotik befasst, tatsächlich aber ein Porno-Versandring ist.

Es beginnt ein nervenzehrender Kampf mit den Zensur- und Justizbehörden, in dem sich Rodenstein als gewitzter Gegner entpuppt. Immer wieder verspottet er die Moralapostel, die ihn verfolgen. Dem Chef der Zensurbehörde gibt er eine Rolle in einem seiner Bücher. Samt Erektionsschwäche, versteht sich. Er dichtet die deutsche Nationalhymne zum Spottlied auf den verklemmten Amtsschimmel um und vertreibt seine pornografischen Schriften auch noch über eine katholische Buchhandlung. Kurzum, der Mann lässt wenig aus. Und er gewinnt. Sein bedeutendster Gegner in der Zensurbehörde wird wegen Fehlverhaltens entlassen.

Sterne - Schauspiel in fünf Aufzügen


Als im Lauf der 20er-Jahre aber das gesellschaftliche Klima liberaler wird, schießen überall neue Erotik-Verlage aus dem Boden. Rodensteins Porno-Verein ist nichts Besonderes mehr und wird eingestellt. Er selbst sucht nach der nächsten Provokation und verschickt nun erotische Bände, deren Einbände mit weiblichen Schamhaaren verziert sind.

Ende der 20er-Jahre ist Rodenstein wirtschaftlich am Ende. Er nimmt seine Betrügereien wieder auf und wandert erneut in den Knast. Dem Eintritt in die Reichsschrifttumskammer der Nazis verweigert er sich 1933 aus Überzeugung. Damit landen seine Werke endgültig auf dem Index. Rodenstein scheint nun langsam durchzudrehen. 1935 wird er eingesperrt, weil er eine Katze geschlachtet und verspeist hat. Er räumt das ein und erklärt es mit einem naturheilkundlichen Verfahren gegen seine Rückenschmerzen. Vermutlich hatte Rodenstein zu diesem Zeitpunkt bereits eine fortgeschrittene Form der Syphilis und erhebliche Wahnvorstellungen. 1935 scheint er eine Szene aus einem seiner Romane in der Realität nachzuspielen und belästigt ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft sexuell. Dafür landet er ein letztes Mal in Haft. Nur drei Wochen nach seiner Entlassung 1938 stirbt er in seiner Leipziger Wohnung im Alter von 57 Jahren.

Seine Werke sind weitgehend in Vergessenheit geraten. 1969 allerdings verlegt der Symposion Verlag den Bestseller „Der Hochmütigen Bändigung“ neu. Er wird im Internet antiquarisch gehandelt.   

  

Jan Stephan Carpe diem

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