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"Das verbitte ich mir!"

Politiker und Journalisten arbeiten sich bislang vergebens an Gauland & Co ab: Vielleicht hilft der gute alte Knigge im Umgang mit der AfD - 29.09.2017 10:26 Uhr

Streiten bis aufs Blut? Besser nicht, sondern Fakten checken und höflich bleiben. Foto: Andrius Repsys / shutterstock.com


Ob bei Anne Will, Frank Plasberg oder Maybritt Illner — das Muster war in allen Talkshows gleich. Die politische Republik arbeitet sich an der AfD ab. Und wir Journalisten tun dies auch. Das Ergebnis liegt seit Sonntagabend auf dem Tisch. 12,6 Prozent haben ihr Kreuzchen hinter der selbsternannten Alternative für Deutschland gemacht. Es wurde viel zu viel über die AfD geredet, heißt es seither. Das habe der AfD noch mehr Menschen in die Arme getrieben.

Zu spät. Aber wie können Medien und Politik künftig angemessen mit der drittstärksten Kraft im Bundestag umgehen? Eine viel gestellte Frage, die auch Kommunikations-Profis vor Probleme stellt: "Das ist in der Tat ein Dilemma. Auf der einen Seite muss berichtet werden, weil manche Aussagen der AfD einen Nachrichtenwert haben. Auf der anderen Seite muss eben aufgepasst werden, nicht aus jedem Zitat eines AfD-Politikers eine Riesenwelle zu machen", beschreibt Christian Schicha den Spagat, vor dem die Gesellschaft im Wahlkampf stand und immer noch steht. Der Medienethiker lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und ist unfreiwillig zum Fachmann für den Umgang mit Populisten geworden. Warum? Weil er in seinem Seminar über Politische Kommunikation im Wahlkampf seinen Studenten freigestellt hat, worüber sie forschen wollten — am Ende blieben zwei Aspekte übrig: "Entweder wollten sie sich mit dem amerikanischen Präsidenten oder der AfD beschäftigen."

US-Präsident Trump und AfD-Frontmann Gauland mag viel unterscheiden, gemeinsam haben sie die Gabe, stets im Mittelpunkt des medialen Interesses zu stehen: "Ich find’s übrigens lustig, dass die ganze Zeit über uns geredet wird, ehe überhaupt mit uns geredet wird", kokettierte Gauland am Tag nach der Wahl im ARD-Studio sitzend ganz offen mit der AfD-Zentriertheit mancher Talkshows. Und spielt damit auf die Aufgeregtheit an, mit der Alice Weidel, Jörg Meuthen oder ihm stets begegnet wird.

Faktencheck ist angesagt

Diese Herangehensweise stört auch Henriette Löwisch massiv: "Über Taten berichten, nicht über Worte", lautet die Empfehlung der Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München. Sie hat unmittelbar nach dem Erfolg der AfD bei den Bundestagswahlen via Twitter "drei logische Schritte" für den Umgang mit den Rechtspopulisten empfohlen. Punkt zwei ist die Überprüfung der AfD-Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt und Punkt drei die Empfehlung "Hassreden nicht weiterverbreiten, sondern in klein gedruckter Schmuddelecke archivieren." Löwisch' Masterplan fußt auf der Erkenntnis, dass die AfD "ihre Energie aus der Empörung der Gegenseite" beziehe. Diese These teilt Professor Schicha vorbehaltlos: "Die Überhöhung, wie sie während und nach dem Wahlkampf zu beobachten war, halte ich für problematisch." Soweit die Analyse. Und wie soll ganz konkret ein anderer Umgang mit den Provokateuren, die künftig im Bundestag sitzen, aussehen? "Ich habe auch kein Rezept, sonder nur ein konservatives Konzept: Faktencheck ist angesagt."

Nun ist dieser Faktencheck in Livesendungen ebenso schwer zu realisieren wie in einer Interviewsituation. Ein Beispiel: Als die AfD ihren umstrittenen Wahlkampfauftritt in der Nürnberger Meistersingerhalle hatte, konnte ich im Vorfeld gemeinsam mit einem Kollegen Alexander Gauland und Jörg Meuthen interviewen. Dabei musste ich erleben was es heißt, wenn einem das Gegenüber buchstäblich entgleitet — ganz gleich, wie intensiv nachgebohrt wird, und unabhängig davon, wie problematisch die Zitate von AfD-Protagonisten wie Björn Höcke, mit denen wir Gauland und Meuthen konfrontiert hatten, auch sein mögen. Ein Beispiel: Auf die Frage, ob die Aussage von Björn Höcke, wonach in Berlin ein "Denkmal der Schande" stehe, antisemitisch sei, antwortete Gauland: "Was Höcke ausgedrückt hat, ist doch völlig richtig. Schauen Sie doch nach Paris oder London, dort wird an Napoleon oder Churchill erinnert. Und bei uns in Berlin?" Da gehe es eben um das finsterste Kapitel deutscher Geschichte, so Ex-CDU-Mann Gauland. Natürlich hat Höcke auch andere Hintergedanken und natürlich sind etliche Aussagen von ihm als rechtsradikal einzustufen — die AfD-Spitze mag sich auf diese Debatte aber gar nicht erst einlassen.

Wir haben uns übrigens gegen einen Abdruck des Interviews entschieden. Denn ganz gleich, welche Fragen gestellt worden sind, der eloquente und intelligente Polit-Profi, der lange Jahre als Staatskanzleichef des früheren hessischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann gearbeitet hatte, fand stets einen Ausweg aus der vermeintlichen Sackgasse. Sonst ein Freund des Klartextes, relativierte er stets Zitate seiner Parteifreunde. Auch seine eigenen: Angesprochen auf sein umstrittenes Boateng-Zitat, wonach keiner den dunkelhäutigen Fußballnationalspieler als Nachbar haben wolle, entgegnete Gauland, dass ihm Boateng gar kein Begriff gewesen sei, er quasi kein Bild des Bayern-Profis im Kopf hatte. Kaum zu glauben, dass der Mann so naiv und unwissend sein kann.

"Die Dämonisierung hat die Partei erst groß gemacht"

Es wird deshalb sehr interessant sein, zu beobachten, wie die Parlamentarier anderer Parteien im Bundestag mit der AfD umgehen. Der Nürnberger Martin Burkert (SPD) hatte schon vor dem Wahlergebnis eine leise Vorahnung, als er sagt: "Mit dem Einzug der AfD ändert sich alles". Sein Kollege Michael Frieser (CSU) ist ebenso wenig glücklich über die neue Fraktion. Er kann sich zumindest bei seiner Frau informieren: Denn Stefanie Frieser hat als Präsidentin des Deutschen Kniggebundes für jede Gesprächssituation den passenden Rat. Mit Blick auf die AfD ist es ihr zunächst ganz wichtig, vor Vorurteilen zu warnen: "AfD-Leute, gleich ob Wähler oder Funktionäre, sind nicht alle mit Blockwarten aus der NS-Zeit gleichzusetzen — genau diese Dämonisierung hat die Partei erst groß gemacht."

Deshalb lautet ihre Empfehlung an die Bundestagsabgeordneten anderer Parteien: "Das sind zunächst auch Menschen, denen ich genauso begegne wie allen anderen — mit Respekt. Man muss mit denen reden, die sitzen in den Ausschüssen und wohl auch weiterhin in den Talkshows." Aber eben bitte nicht "mit Schaum vor dem Mund".

Stattdessen, so Friesers kniggekonformer Tipp, müssten die Worte des Gegenübers genau abgewogen werden. Werde dabei eine Grenze verletzt, darf dies auch angesprochen werden. Konkret: Wenn Gauland kurz nach Schließung der Wahllokale der Kanzlerin androhe, sie werde ab sofort von der AfD gejagt, dann sei eine rote Linie überschritten. "Das verbitte ich mir", hätte die Knigge-Präsidentin dem AfD-Mann gesagt.

Und Gauland? Hätte mindestens keine weitere Gelegenheit gehabt, zum x-ten Mal seine Aussagen zu interpretieren oder zu relativeren. "Wir können zumindest einen respektvollen Umgang vorleben", meint die Fachfrau. Vielleicht sollten die Von-der-Leyens aus der Politik und die Wills aus den Talkshows darüber auch mal nachdenken. 

Von Michael Husarek

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