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Der fränkische Galilei

Zeitgleich mit Galileo Galilei entdeckte der Gunzenhausener Simon Marius die Jupitermonde - 10.04.2010

Der »vergessene Astronom»: Die Zeichnung zeigt Simon Marius ungefähr im Alter von 40 Jahren. Es ist in etwa die Zeit, in der er im Werk »Mundus Iovialis» seine Beobachtung der Jupitermonde beschreibt. »Eine äußerst gründliche Arbeitsweise» bescheinigen ihm seine Anhänger. © NN-Archiv


Mit diesem neuartigen Instrument aus Holland soll sich das Firmament noch viel besser untersuchen lassen, heißt es. Schnell lernt der junge Mann die Vorzüge dieser langgezogenen Röhre kennen. Auch in jener Nacht zum 8. Januar 1610 hat er sie dabei, als er den Ansbacher Schlossturm hinaufklettert. Es ist ziemlich kalt, aber so etwas hält einen engagierten Astronomen nicht von der Arbeit ab.

Simon Marius blickt also hinauf zu den Sternen, so wie er es seit vielen Jahren regelmäßig tut. Was er an jenem Abend sieht, verwirrt den studierten Mathematiker allerdings. Um den Jupiter herum fallen ihm kleine, helle Flecken auf. Das Merkwürdige daran: Diese Sternchen scheinen den Planeten auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Es sind die vier Jupitermonde, die größten und hellsten Trabanten des Riesenplaneten, wie sich später herausstellt. . .

Der Beweis ihrer Existenz läutet ein neues Zeitalter ein. Es wirft das bisher gängige Weltbild über Bord, das davon ausgeht, alles kreise um die Erde. Vielmehr deutet nun einiges darauf hin, dass Kopernikus mit seinen Thesen doch Recht gehabt haben könnte, die Sonne sei der Mittelpunkt der Welt.

Was für eine bahnbrechende Entdeckung Simon Marius in jener Nacht macht, das ist ihm allerdings nicht sofort bewusst. Vielleicht ist seine Geschichte auch genau deshalb so tragisch. Denn nicht einmal einen Tag zuvor hat ein gewisser Galileo Galilei im fernen Padua ebenfalls die Jupitermonde vor der Linse. Im Gegensatz zu Simon Marius zögert der jedoch nicht lange und geht mit seiner Entdeckung sofort an die Öffentlichkeit. So kommt es, dass in den meisten Geschichtsbüchern stets vom großen Galilei zu lesen ist, während Simon Marius eher eine Randerscheinung bleibt.

In Ansbach und Gunzenhausen allerdings sind die Spuren des »fränkischen Galilei» noch heute, anno 2010, längst nicht verwischt. Das Gunzenhausener Gymnasium etwa wurde in den 60er Jahren nach ihm benannt. Es werden dort Astronomiekurse angeboten, außerdem haben Schüler vor einiger Zeit Karikaturen des Namenspatrons angefertigt. Die Teilnehmer des Leistungskurses Latein haben sein Hauptwerk »Mundus Iovialis» ins Deutsche übersetzt. Und auf dem Ansbacher Schlossplatz haben sie ihm ein steinernes Denkmal gesetzt.

Doch es sind vor allem die Menschen, die sich in der fränkischen Heimat des »vergessenen Astronomen» darum bemühen, dass er eben doch nicht in Vergessenheit gerät. Es sind Menschen wie Tassilo Freiherr von Falkenhausen und seine Ehefrau Ursula. Die Falkenhausens sind Nachfahren des Markgrafen Joachim Ernst von Brandenburg-Ansbach. Und der wiederum war einer der großen Gönner von Simon Marius.

»Er hat in dem Jungen eben ein Talent gesehen», sagt Baron Falkenhausen. Er sitzt im »gelben Zimmer» von Schloss Wald, das seine Familie in der achten Generation bewohnt. Das Barockschlösschen aus dem 18. Jahrhundert mit seinen alten Mauern bietet die optimale Kulisse für eine Zeitreise. Seine Frau Ursula reicht Tee und Gebäck. Mit am Tisch sitzen der Schwabacher Historiker Eugen Schöler und Frau Jessie, ebenfalls bekennende Marius-Fans.

»Für die damalige Zeit legte er eine fast schon unerhört gründliche wissenschaftliche Arbeitsweise an den Tag», schwärmt Schöler. Für den Historiker besteht kein Zweifel: »Simon Marius war einer der führenden Wissenschaftler Frankens und gehört unbedingt in eine Reihe mit den anderen großen Astronomen wie Tycho Brahe, Johannes Kepler und Galileo Galilei.»

Wer war nun dieser Mann, der immer im Schatten des großen Galilei stand, und der auf den wenigen Bildern, die es von ihm gibt, stets als streng und erhaben dreinblickender Herr mit langgezogenem Gesicht und dickem Kinnbart dargestellt wird?

Am 10. Januar 1573 wird Simon Marius in Gunzenhausen geboren. Sein Vater Reichart ist Büttner und Bürgermeister der kleinen Gemeinde. Er hat neben Simon noch sieben weitere Kinder zu versorgen. »Die Familie war zwar nicht arm, aber ein Studium hätten sie ihren Kindern kaum ermöglichen können», meint Baron Falkenhausen. Er nennt es einen glücklichen Zufall, dass dem Jungen dennoch eine gute Ausbildung zuteil wurde: Eines Tages hört der Markgraf Georg Friedrich von Ansbach den jungen Simon Marius singen und beschließt, ihn auf die fürstliche Schule bei Heilsbronn zu schicken. Er hat ein Faible für Gesang, aber auch für Mathematik und Astronomie. Der Himmel und das Wetter faszinieren ihn ohnehin schon von Kindesbeinen an. Wann immer es geht, beobachtet er die Vorgänge am Firmament aufmerksam.

Nach dem Schulabschluss studiert er in Nürnberg Medizin und nutzt 1602 die Möglichkeit eines Stipendiums in Padua. In der italienischen Stadt trifft er zum ersten Mal auf Galilei. Der neun Jahre ältere Mathematiker und Astronom doziert zu dieser Zeit als Professor am örtlichen Mathematik-Lehrstuhl.

1605 beruft Joachim Ernst von Brandenburg-Ansbach Simon Marius zum fürstlichen Hofastronomen. »Viele Fürsten haben sich als Aushängeschild der wissenschaftlichen Leistung Künstler oder Wissenschaftler an den Hof geholt», sagt Historiker Schöler, während er den Blick im Raum umherschweifen lässt. An einem alten hölzernen Raumteiler hält er inne. »Man könnte es als eine Art Schauen hinter den Paravent der Welt bezeichnen. Ein durchaus riskantes Unterfangen für die damalige Zeit.»

Erst mit der Teleskopie, also mit der Erfindung des Fernrohrs durch den Niederländer Hans Lippershey, werden so bahnbrechende Entdeckungen möglich, wie jene, welche der Gunzenhausener am 8. Januar 1610 vom Turm des Ansbacher Schlosses aus macht. Das Fernrohr hatte ihm zuvor der Markgraf Joachim Ernst aus Holland kommen lassen. »Am Abend dieses Tages sah ich um die fünfte Stunde drei Gestirne, die sich westlich des Jupiter gleichsam auf einer geraden Linie mit ihm befanden», so beschreibt Marius diese Beobachtung in seinem Werk »Mundus Iovialis».

»Es ist inzwischen erwiesen, dass zwischen der Entdeckung Galileis und der von Simon Marius keine 24 Stunden liegen», sagt Schöler. »Wie also», fragt er leise, »soll da der eine vom anderen abgekupfert haben?»

Abgekupfert hat Simon Marius vermutlich nicht, aber er machte einen entscheidenden Fehler. Während nämlich Galilei seine Entdeckung bereits im März 1610 im Sternenboten bekannt gab, veröffentlichte der Franke seine Feststellungen erst vier Jahre später. Seine »fast schon unerhörte Gründlichkeit und Sorgfalt», glaubt Historiker Schöler, war der Grund für die späte Publikation. »Er hatte da etwas Interessantes gesehen, wollte seine Beobachtungen aber noch einmal überprüfen.»

»Vieles hat Simon Marius letztlich sogar genauer beschrieben als Galilei», ergänzt Baron Falkenhausen. Genutzt hat ihm das jedoch wenig.

Längst war Galilei nämlich zu Weltruhm gekommen. Simon Marius blieben die großen Ehren stets verwehrt. Obwohl er weitere bedeutende Entdeckungen machte – etwa den Andromedanebel oder die Sonnenflecken.

1624 stirbt er als kleines Licht in der astronomischen Welt im Alter von 51 Jahren. Manche sagen, es war die große Enttäuschung, die ihn aus dem Leben riss. 

Stephanie Händel

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