Mittwoch, 12.12.2018

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Ein Exot wird langsam hoffähig

Klassische Musik auf dem Akkordeon - ein internationaler Erfolg - 07.07.2007

Ausgezeichnete Vize-Weltmeister: Bernd Kast, Martina Janschak, Eva Pauler-Müller, Marco Röttig, Sonja Hieronymus und Frank Pape (v. l.) vom Nürnberger Akkordeon-Ensemble. © Niklas


Jedenfalls nicht die Art von Musik, die der inzwischen 31-jährige Röttig bevorzugt: «Jesu bleibet meine Freude» von Johann Sebastian Bach, «Vocalise» von Sergej Rachmaninoff und «Variationen einer Variation von Mozart» - ein Stück, das der Erlanger Komponist Werner Heider eigens für Marco Röttig und sein «Nürnberger Akkordeon-Ensemble» geschrieben hat.

Gassenhauer sucht man in dessen Repertoire vergeblich. Die Interpretationen der «ernsten» Musik sind aber so vergnüglich, virtuos und ungewöhnlich anzuhören, dass das jährliche Konzert des Ensembles in der Meistersingerhalle stattfinden kann.

Den Nürnbergern, die seit 1997 in der internationalen Akkordeon-Szene für Furore sorgen, graust es vor Fußgängerzonen-Musikern mit ihren oft verstimmten Quetschen. Diese festigen nämlich den Ruf des Akkordeons als dröhnendes Instrument, das feucht-fröhliche Feiern anheizt. Dabei, schwärmt Franz Pape, könne es so viel mehr: seine Klangfarben ändern und sich dann anhören wie Streich- oder Blasinstrumente, es kann laut oder leise, weich oder hart klingen.

Doch nur geübte Fingerfertigkeit kann dem Akkordeon, das es erst seit den 1920er Jahren gibt, solche Töne entlocken. Man muss Register ziehen und Tasten spielen, gleichzeitig den Balg mit Gefühl auseinanderziehen und zusammendrücken. Da das Instrument aber ziemlich schnell, wenn auch stümperhaft gespielt werden kann, sind wirklich gute Interpreten selten. Diese wählen daher meist anspruchslose Liedchen. Kein Wunder, dass das Akkordeon im Vergleich zu einem anerkannt ernsthaften Instrument wie Klavier kaum Ansehen besitzt.

Das bekam auch Eva Müller-Paul zu spüren. Sie hatte an der Musikhochschule im Hauptfach Akkordeon studiert, belächelt als Exotin. Das war in den 60er und 70er Jahren noch anders, erinnert sie sich. In dieser Hochzeit war es eine beliebte Alternative zu Geige oder Klavier. Ihr Vater und ihre Schwester spielten die «Quetsche», sie führt die Tradition fort. Wenn auch mit einem 15 Kilo schweren Profi-Instrument, das Zehntausende Euro wert ist: eine «Stradivari des Akkordeons».

Dass sie und ihre Kollegen so erfolgreich werden, damit hatte sie nicht gerechnet. Schließlich entstand das Ensemble nur, weil einige Mitglieder des Akkordeon-Orchesters an der Nürnberger Musikschule sich etwas langweilten und experimentieren wollten. Dann bekam das Sextett 2001 den Musikpreis der Stadt Mannheim, beim Deutschen Akkordeon-Ensemble-Wettbewerb war es mehrmals Preisträger. Die neueste seiner vielen Trophäen erhielt das Ensemble im Mai in Innsbruck. Seitdem darf es sich Vize-Weltmeister nennen. Sicher ist: Onkel Alfred wäre stolz auf sie.

Das «Nürnberger Akkordeon-Ensemble» tritt am Sonntag, 8. Juli, ab 11 Uhr im Pellerhaus am Egidienplatz 23 auf. Eintritt: 10 Euro. Der Betrag kommt dem Wiederaufbau des Pellerhofes zugute. 

Ngoc Nguyen

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