Dienstag, 11.12.2018

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Ein Richter mit harter Schale

Nach 35 Jahren beendet Otto Brixner seine Justizkarriere - 15.05.2008

Derzeit leitet Otto Brixner, Chef der 7. Strafkammer des Landgerichts, noch einen Drogenprozess im historischen Schwurgerichtssaal. © Sippel


Brixner wird laut, wenn man ihm etwas vormachen will. «Ich ärgere mich, wenn ich angelogen werde», sagt der Jurist, der als Vorsitzender der 7. Strafkammer des Landgerichts schon unzählige Schwerverbrecher hinter Schloss und Riegel gebracht hat. Seit 35 Jahren steht er im Dienste Justitias, die meiste Zeit davon als Strafrichter. «Ich war eigentlich der geborene Staatsanwalt», resümiert Brixner und erinnert sich an die ersten drei Jahre seiner Laufbahn, wie er bei jedem tödlichen Verkehrsunfall mit der Polizei vor Ort war, um erste Ermittlungen zu führen, oder wie er nachts mit Kripobeamten im Gebüsch hockte, um einen Drogendealer mit fünf Gramm Haschisch zu schnappen.

Auch in seiner Richtertätigkeit verlässt sich Brixner am liebsten auf die eigene Wahrheitssuche als auf faule Kompromisse. «Ich bin kein Freund des Deals», sagt Brixner, dem jede Art des prozessualen Kuhhandels widerstrebt. «Da bleibt die Gerechtigkeit gegenüber den Opfern, dem staatlichen Strafanspruch und den Bürgern auf der Strecke.» Jeden einzelnen Fall verhandelt er daher von A bis Z nach den klaren Regeln der Strafprozessordnung. Das macht ihn nicht gerade beliebt bei Kollegen und Anwälten, die den Deal, also die Urteilsabsprache, für eine moderne heilbringende Errungenschaft und notwendige Konfliktlösungsstrategie im Kampf gegen wachsende Aktenberge betrachten.

Stets laut und deutlich die Meinung gesagt

Doch Brixner stört es keineswegs, mit seinen festen Prinzipien anzuecken. So zog er sich einst den Unmut Nürnberger Muslime zu, die Dienstaufsichtsbeschwerden einlegten und ihn wegen Volksverhetzung anzeigten: Brixner hatte nach einem Vergewaltigungsprozess, in dem es um die Gewalt in einer türkischen Ehe gegangen war, in seiner Urteilsbegründung Suren aus dem Koran zitiert, um zu verdeutlichen, welch fragwürdiges Frauenbild im Islam herrsche. Am Ende habe sich dann aber die Justizministerin voll hinter ihn gestellt, erinnert sich Brixner.

«Ich sage meine Meinung eben laut und deutlich». Damit dürfte der Richter zu einer aussterbenden Spezies bei der Justiz gehören, wo heute eher Stromlinienförmigkeit zum Erfolg führt. Selten lässt sich ein Vorsitzender derart in die Karten schauen, was seine rechtspolitischen Positionen betrifft. So ist Brixner für die Herabsenkung der Strafmündigkeit, die derzeit bei 14 Jahren liegt. In diesem Alter sei «das Kind oft schon in den Brunnen gefallen.» Also müsse das Jugendstrafrecht vorher ansetzen, ist der Jurist überzeugt. Von einem Schmusekurs, dass also «der Jugendrichter mit in die Zelle geht und dem jungen Straftäter ein Buch vorliest», hält Brixner ebenso wenig wie von «Erlebnisreisen nach Neuseeland» als Ahndungsmaßnahme.

Auch kritisiert Brixner «die ungerechte Bevorzugung der Schwerkriminalität gegenüber der leichten Kriminalität». Je mehr ein Täter verbrochen habe, umso günstiger komme er nach dem Gesetz davon. Das gelte nicht nur im Betäubungsmittelstrafrecht. Für Brixner gehört deshalb auch die so genannte lebenslange Freiheitsstrafe, die de facto bei nur 15 Jahren liegt, abgeschafft. Vielmehr sollte man Haftstrafen aufaddieren und Höchststrafen von bis zu 40 Jahren verhängen können, fordert der Richter.

Einen ausgeprägten Willen, Kampfund Sportsgeist bewies der aus dem Schwäbischen stammende Brixner, der übrigens Oberstleutnant der Reserve ist, nicht nur im Beruf. Über Jahre trainierte er als leidenschaftlicher Handballer u. a. die Club-Frauen. Die Sporthallen waren neben den Gerichtssälen seine zweite Heimat. Wenn sich Brixner Ende Juni in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, will er nicht mehr juristisch tätig sein, sondern sich ganz seiner Ehefrau widmen. Kochen wird er für sie aber nicht. «Ich habe im Leben zu viele Zwiebeln und Kartoffeln geschält», lacht der Wirtssohn, der in der elterlichen Bahnhofsgaststätte aufwuchs und schon als Kind mit anpacken musste. Susanne Stemmler 

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