Mittwoch, 12.12.2018

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Endstation Pflegeheim

Wir wissen alle, wie es in vielen Einrichtungen zugeht, aber wir wollen es einfach nicht wahrhaben - 17.03.2017 11:33 Uhr

Auf gepackten Koffern: Für die meisten Senioren ist es furchtbar, wenn sie die eigene Wohnung verlassen und ins Heim umziehen müssen. © Vladimir Voronin / Fotolia


Ich dachte: Stimmt. Ich weiß es auch. Wir wissen es alle, wie es in vielen — und Gott sei Dank, das sage ich ausdrücklich, nicht in allen — Pflegeheimen zugeht. Wir wissen es, weil wir es gesehen, gehört und gerochen haben, als wir dort jemanden besuchten. Weil Freunde und Verwandte es uns erzählt haben, die dort arbeiten oder deren Angehörige dort betreut werden. Wir wissen es aus der Zeitung, aus dem Fernsehen, aus dem Radio. Aber eigentlich wollen wir es gar nicht wissen. Eigentlich hoffen wir doch alle, dass wir selbst nie, nie, niemals dort einziehen müssen.

Eine absurde Situation. Wir Deutschen, die wir über Burkas streiten, bei jeder Flugverspätung und jedem Kratzer im Auto nach Entschädigungen schreien, machen die Augen zu, wenn es um unsere Alten geht oder um uns selbst und unsere eigene Gebrechlichkeit am Lebensende. Wir wollen nichts hören über unwürdige Pflege und schon gar nicht, dass wir alle irgendwann betroffen sein werden. Wohlgemerkt: Im Pflegeheim, nicht im Altenheim, wo noch rüstige Menschen wohnen.

Wenn ich Glück habe, dann liegen noch 35 oder mehr gute Jahre vor mir. Beruhigend. Aber dann? Einschlafen und nicht mehr aufwachen. Das wär’s. Ich kannte Menschen, denen das vergönnt war. Aber nur wenige. Die meisten von uns werden in den letzten Wochen, Monaten oder Jahren ihres Lebens Hilfe brauchen. Manchmal stelle ich mir vor, wie das konkret für mich aussehen könnte. Und ich baue all die Ereignisse mit ein, die mir inzwischen so viele Angehörige, Pflegekräfte und ehrenamtliche Betreuer geschildert haben.

Nehmen wir an, ich liege im Bett oder sitze im Rollstuhl und fühle mich ausgeliefert. Abhängig von den Pflegekräften, die hoffnungslos unterbesetzt sind. Vielleicht liege ich schon seit drei Stunden in meiner verschmutzten Windel — oder, um bei einem würdevollen Ton zu bleiben: in meiner Inkontinenzeinlage, — aber niemand kommt, um mich zu säubern.

Vielleicht kann ich die Notklingel gar nicht erreichen, weil sie zu weit weg ist. Und wenn doch und ich drücke den Knopf, dann kommt keiner. Oder eine Schwester ruft, sie habe keine Zeit. Oder ich höre, wie sie auf dem Gang sagt: "Ach, die Frau Heinrich klingelt. Die Frau Heinrich denkt, wenn sie läutet, dann muss sofort jemand kommen. Nein, die Frau Heinrich muss jetzt warten, genau wie alle anderen." Das lässt mich verzweifeln. Welch ein Glück, dass ich Angehörige habe, die mich besuchen. Wirklich schlimm sind all jene dran, die niemanden haben.

Klar, gibt es unter den Pflegekräften auch die Mitfühlenden, Emotionalen und Liebevollen, die Schutzengel der alten Menschen. Auch das wissen wir alle. Aber: In den meisten Berichten von Angehörigen kommen sie kaum vor. Da geht es um Zeitmangel, Macht, Raucherpausen und Unfreundlichkeit. Kommt das zur Sprache, dann heißt es, die Angehörigen wollten das Pflegepersonal diffamieren. Warum sollten sie das tun? Warum werden die Pflegekräfte in Schutz genommen, aber nicht die Alten?

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Ich stelle mir vor, ich liege seit Wochen hier, starre die Wand an und warte auf meinen Tod. Manchmal habe ich Hunger. Zu den Mahlzeiten stellt man mir ein Tablett vor die Nase. Aber ich kann nicht mehr alleine essen. So werden die Speisen nach einiger Zeit wieder abgetragen. Ich habe Durst und kann nicht alleine trinken. Aber niemand hat Zeit, mir den Becher zu halten. Die Zahnprothese passt schon lange nicht mehr, aber einen Zahnarzt ruft niemand.

Ich würde gerne mal an einem Sommerabend mit dem Rollstuhl in den Garten gefahren werden. Aber nach dem Abendessen um 17 Uhr lassen sie die Rollläden herunter und erwarten, dass wir bis morgens durchschlafen. Das kann ich nicht. Jene, die nachts — oder auch tagsüber — unruhig sind, schreien, um sich schlagen und durch die Gänge wandern, die bekommen Medikamente, damit sie vor sich hindämmern. Manchen legen die Schwestern sechs oder mehr Pillen auf einen Löffel, die die Alten dann zu einem Brei zerbeißen und mühsam hinunterschlucken.

Oder sie werden festgebunden. Man sagt: fixiert. Das müsse sein, weil eben eine Pflegerin, die sich nachts um 60 Bewohner kümmert, nicht allen gerecht werden kann. Das verstehe ich. Weil die unruhigen Bewohner, die ruhigen stören, sich zu ihnen ins Bett legen, manchmal den Sessel mit der Toilette verwechseln oder weglaufen. Ein Alptraum.

Im Artikel 1 des Grundgesetzes steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Ist so ein Leben im Pflegeheim damit vereinbar? Eine junge Rechtswissenschaftlerin der Uni Regensburg kam vor ein paar Jahren zu der Auffassung: Nein, hier werden Grundrechte verletzt. Sie folgerte: Weil der Staat seiner Schutzpflicht gegenüber Pflegebedürftigen nicht nachkomme, sei der Weg zum Verfassungsgericht frei.

Mit Unterstützung des Sozialverbandes VdK legten im Jahr 2014 sieben Männer und Frauen zwischen 35 und 89 Jahren Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Sie gingen davon aus, dass sie selbst in absehbarer Zeit ins Pflegeheim kommen würden und sich dann gegen die Zustände dort nicht wehren könnten. Und sie wollten erreichen, dass die Politik dazu verdonnert wird, Heimbewohner vor unwürdiger Behandlung zu schützen.

Ein Jahr später wies das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde ab. Dabei ging es gar nicht um die Frage, ob die Würde des Menschen verletzt werde, sondern lediglich darum, ob dieses Gericht in diesem Verfahren über diesen Anspruch entscheiden solle. Laienhaft ausgedrückt: eine formale Sache der Zuständigkeit.

Himmelherrgottsakra! Als juristischer Laie möchte man schreien vor Empörung. Denn wer überwacht denn nun eigentlich unsere Würde, die so unantastbar sein soll? Juristisch ist die Abweisung dieser Beschwerde legitim. Aber wer schreitet denn nun ein? Und vor allem: Was muss passieren, dass sich die Situation in den Heimen flächendeckend verbessert?

Die Alten haben keine Zeit mehr, um zu klagen

"Wir waren nicht überrascht, aber bedauern es sehr, dass wir gescheitert sind", sagt Alexander Graser, Professor für Öffentliches Recht an der Uni Regensburg und einer der Prozessvertreter bei dem Verfahren in Karlsruhe. Das Gericht argumentierte unter anderem, die Kläger hätten Zeit, sich rechtzeitig ein gutes Heim zu suchen. Außerdem hätten sie die Möglichkeit, dann zu klagen, wenn sie im Pflegeheim von Missständen betroffen seien. Zuständig sind dann zunächst die einfachen Gerichte. "Es ist völlig weltfremd, anzunehmen, dass geschwächte, demente Menschen in dieser Situation Rechtsschutz suchen könnten", sagt Graser. Sie hätten gar keine Zeit mehr, sich jahrelang durch die Instanzen zu klagen.

Graser verweist außerdem auf Zahlen aus dem Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes, der im Auftrag der Pflegekassen die Heime begutachtet. Dort sei die Rede von 20 000 vermeidbaren Druckgeschwüren im Jahr und 15 000 Fällen von unzureichender Versorgung mit Flüssigkeit. "Diese Zahlen hauen einen doch aus den Socken. Und wir müssen davon ausgehen, dass sie noch wesentlich höher sind", so der Rechtswissenschaftler. "Wir sind sehr enttäuscht", sagt auch Ulrike Mascher, Präsidentin des VdK Deutschland. Die Pflegebedürftigen und deren Angehörige könnten doch selbst gar nicht klagen. Sie hätten viel zu viel Angst. Nicht mal bei Beschwerden wollten sie ihren Namen nennen, aus Sorge, die Betroffenen im Heim würden noch schlechter behandelt.

"Das größte Problem ist, dass es nicht genügend qualifizierte Pflegekräfte gibt, dass viele Stellen unbesetzt bleiben, aber auch, dass die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen oft sehr schlecht sind", so Mascher. Viele engagierte Altenpflegerinnen geben irgendwann ihren Beruf auf, weil sie den Druck nicht mehr aushalten. "Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich höre, dass Pflegeheime als gute Investition beworben werden, dass es nicht um die alten Menschen geht, sondern dass daran verdient wird", sagt Mascher.

Wie das wohl ist, wenn man in einer Alten-Massenabfertigung arbeitet? Wenn man jeden Tag weiß: Ich schaffe es nie, egal, wie sehr ich mich plage. Ich stelle mir vor, ich bin Altenpflegerin und gehe immer mit schlechtem Gewissen heim. Kein Wunder, dass ich manchmal zynisch bin, schimpfe, ungerecht und wütend werde. Im Nachtdienst muss ich 60 Menschen versorgen, davon sind 30 inkontinent, viele dement. Manche schreien, sind aggressiv, bedrohen andere. Bei jedem schaue ich mich drei Mal um. Wenn einer zwischendurch gesäubert werden will, dann muss er warten.

Viele sind depressiv. Mehr als ein Drittel der Bewohner bekommt Psychopharmaka. Es gibt Nächte, da liegen drei alte Menschen gleichzeitig im Sterben. Aber ich habe keine Zeit, auch nur einem von ihnen die Hand zu halten. Ständig muss ich einspringen, wenn jemand krank wird, werde an freien Tagen oder aus dem Urlaub geholt. Ein Knochenjob.

In Deutschland sind derzeit knapp 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon leben etwa 790 000 in einem der rund 13 500 Pflegeheime. Eigentlich sollte man meinen, sie müssten dort gut versorgt werden, zumal viele aus eigener Tasche zwischen 1 500 und 2 000 Euro pro Monat dafür zahlen. Manche noch mehr. Sie sind Kunden. Doch in der Altenpflege fehlen 30 000 Fachkräfte. In 20 Jahren werden es 270 000 sein. Eine Katastrophe für jeden von uns.

Neulich fuhr ich mit dem Regionalzug und lauschte dem fröhlichen Gespräch zweier Altenpflegeschülerinnen. Sie riefen in der Schule an und entschuldigten sich für ihr Zuspätkommen, weil der Zug wegen einer Signalstörung nicht pünktlich war. Zwei junge, lustige Mädchen mit hochgesteckten Haaren, voller Lebensfreude. Ich dachte, in 35 Jahren wechselt ihr vielleicht meine Windeln, gebt mir zu essen und zu trinken. Oder ihr habt keine Zeit für mich. Dann seid ihr etwa 55. Vielleicht zermürbt, vielleicht habt ihr längst aufgegeben und umgeschult. Wer weiß, wie das für euch und für mich einmal werden wird?

  

Von Birgit Heinrich

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