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Geldgeschenke für die Geister

Ein Besuch in einem der zahlreichen Tempel in Taipeh ist eine ganz besondere Erfahrung - 11.10.2010

Das prächtige Innere eines taiwanesischen Tempels. © dpa


Und damit ist jeder zufrieden. Eine Institution wie den Papst oder einen Mullah, der sagt, was dort wie zu praktizieren oder zu interpretieren ist, gibt es nicht. Der Laie bestimmt alles. Die logische Folge des Fehlens jeglicher Körperschaften: Es gibt keine Kirchen-, vielmehr eine Tempelsteuer. Und dennoch: Die Bauten sind prächtig geschmückt, die Farbe frisch, die Böden blitzblank, nicht eine Glühbirne (und davon gibt es Zehntausende) ist kaputt. Wie kommt das? Ganz einfach, durch Spenden.

Die Namen der Geber werden in der Nähe von Altären ausgestellt und sind so den Göttern sehr nah. Obendrein erwirbt nahezu jeder gläubige Besucher das sogenannte Geistergeld. Dabei helfen freundliche Damen, die hinter langen Theken im Eingangsbereich sitzen, wo viele Menschen stehen, Räucherstäbchen verbrennen und im Rhythmus der Gesänge mitwippen, ins Gebet vertieft. Geschäftsleute im feinen Zwirn sind darunter, alte Damen, junge Mädchen mit Minirock, Mittzwanziger mit Rolling-Stones-Shirts - eine Kleiderordnung gibt es hier nicht. Aber zurück zum Geistergeld: Die Damen am Eingang verkaufen es, gegen einen sehr geringen Betrag: Akkurat abgepackte, große, gelbe Zettel. Sie sind die Währung im Jenseits. Und da man für Anverwandte als gläubiger Buddhist auch nach deren Tod Verantwortung für deren Wohlbefinden trägt, versorgt man sie mit "Geistergeld", welches nach dem Besuch an mehreren Altaren in einen großen Ofen geworfen und verbrannt wird, damit es zu den Ahnen aufsteigen kann.

Wer sich unsicher ist, ob er vielleicht einen großen Kredit aufnehmen, den Job kündigen oder die Scheidung einreichen soll, findet hier im Tempel ebenfalls Hilfe. Und zwar mit den Orakelsteinen, zwei schmucklosen, halbmondförmigen Holzstücken, die etwa so groß sind wie ein geviertelter Apfel. Eine Seitenfläche ist glatt, die andere gerundet. Diese Orakelsteine nimmt man zwischen beide Handflächen, schüttelt sie, formuliert im Geist eine Frage vor einem speziellen Altar und lässt sie auf einen Tisch fallen. Landen sie auf der gleichen Seite, hat der Gott die Frage mit "ja" beantwortet. Und wenn man sich nicht sicher ist, ob einem die Antwort auch wirklich in den Kram passt, kann man den Vorgang wiederholen und die Frage vielleicht etwas umformulieren. Die Taiwanesen sehen das nicht so eng. Wie gesagt: So wundervoll unverkrampft kann der Umgang mit dem Glauben sein. 

Martin Damerow

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